"Inzestfall" und Existenzvernichtung

Blog10. September 2011, 17:27
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Über den Umgang der Medien mit Fällen wie jenem im Innviertel

Journalistenandrang beim "Inzesthaus", Kamerateams auf der Dorfstraße, Bilder des "Horrorvaters" aus privaten Fotoalben in Zeitungen, Fernsehen und Internet. So geschah es in den vergangenen zwei Wochen, nachdem ein (höchstwahrscheinlich) behördeninterner Tipp an einen oberösterreichischen Journalisten den Verdacht gegen einen 80-Jährigen, mehr als vier Jahrzehnte seine zwei Töchter gequält und vergewaltigt zu haben, zum Medienereignis machte. Der Boulevard überschlug sich. Ein "neuer Fall Amstetten", hieß es.

So hieß es auch international: "Das Grauen wohnt wieder in Österreich", schrieb die deutsche Bild-Zeitung. Und die britischen Blätter "Daily Express" und "Metro" verheimlichten ihrer Leserschaft nicht, dass sich der Fall unweit von Adolf Hitlers Geburtsstadt Braunau zugetragen habe. Zur Förderung von Gänsehaut, Verkaufszahlen und Inseratenpreisen. 

Und jetzt? Alles anders? Vergangenen Freitag haben die Töchter die Vorwürfe zurückgenommen - im Rahmen einer kontradiktorischen Vernehmung vor der Videokamera in einem vom Staatsanwalt getrennten Zimmer, unter Anwesenheit der Psychiaterin und erfahrenen Gutachterin Adelheid Kastner. Oder vielmehr: Der neuen Befragerin dürfte es gelungen sein, präzisere Aussagen von den beiden zu erhalten als davor der Polizei (siehe Meldung). 

Aneinander vorbeigeredet

Bei deren Einvernahmen hätten die als geistig behindert geschilderten Frauen Begriffe wie "Sex" und "Missbrauch" nicht einzuordnen gewusst, heißt es jetzt. Befrager und Befragte hätten sozusagen aneinander vorbeigeredet. Stimmt das, so zeugt es von behördlichem Dilettantismus. Dem Verdächtigen und seinen möglichen Opfern wäre dadurch Unrecht geschehen.

Aber den größeren Schaden haben inzwischen die Boulevardmedien angerichtet. Sie haben die "Horrorfamilie" durch die Medien gezerrt, mit Nennung des Wohnorts, der Vornamen und des abgekürzten Nachnamens, sodass ein Blick ins Telefonbuch reicht, um sie vollends zu identifizieren. Redefreudige Behördenvertreter haben erbärmliche Details preisgegeben, Fotos wurden abgedruckt: Vom Chaos am Grundstück, dem einzig bewohnbaren Zimmer, dessen Einrichtung, der Stiegenaufgänge, der Hausfassade.

Das war brutales Eindringen, Missachtung von Privatsphäre, also von Menschenrecht. Jetzt dürfte das Haus für seine bisherigen Bewohner bis auf Weiteres unbewohnbar sein, denn eine Rückkehr käme einem Spießrutenlauf gleich. Also werden Vater und Töchter von nun ab vielleicht in Institutionen leben, die Schwestern mit neuen Namen (ein Namensänderungsverfahren wurde eingeleitet), der Vater woanders in Pflege. 

Nichts für die Öffentlichkeit

Wegen der Öffentlichkeit, in der eine solche Geschichte nichts zu suchen hat: Der Innviertler Skandalfall zeigt das vorbildhaft auf. Seine jetzt offenbar "überraschende" Wendung stützt die Forderung von OpferanwältInnen, dass Fälle wie diese bis zur Urteilsverkündung aus den Medien möglichst herausgehalten werden sollten.

Und wenn darüber trotzdem berichtet wird, weil berichterstatten immerhin der Job von JournalistInnen ist, so unter Wahrung der Anonymität, wissend und bedenkend, dass alles andere die Existenz von Opfern (und zu Unrecht Beschuldigter) zerstören kann. Doch in Österreich beschränkt sich die Aufarbeitung von vergleichbaren Öffentlichkeitsskandalen in Entschädigungsforderungen wegen verletzter Persönlichkeitsrechte, über die - etwa im Fall der Wiener Eissalonbesitzerin unter Mordverdacht - in den belangten Medien dann wieder vielsagend berichtet werden kann. (Irene Brickner, derStandard.at, 10.9.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Bilder des 80-Jährigen sowie des Hauses und andere Details gingen um die Welt.

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