"Wo sind die 50 Euro Ersparnis?"

Interview9. September 2011, 20:57
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Sie mögen Energiesparlampen nicht? Sie haben Recht, sagt Dokumentarfilmer Christoph Mayr in seinem neuen Film, warum erzählt er im Interview

Der Dokumentarfilm Bulb Fiction nimmt das Verbot der Glühlampe zum Anlass, um "Konsumenten zu informieren, mit Wissen zum Thema auszustatten, seine Wachsamkeit zu schärfen, ihn zu mündigem Verhalten zu ermuntern, und um ihn zum Widerstand gegen Fremdbestimmung aufzurufen." Dokumentarfilmer Christoph Mayr, der den Film nach einer Idee von Moritz Gieselmann gedreht hat, über seine Motivation.

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derStandard.at: Sie mögen Energiesparlampen nicht. Sind Sie ein Fortschrittsverweigerer?

Christoph Mayr: Damit bin ich ja nicht der Einzige. Ich trau mich zu sagen, die meisten Leute mögen die Energiesparlampen nicht.

derStandard.at: Das ist noch kein durchschlagendes Argument.

Mayr: Den Leuten wurde über Jahrzehnte eingeredet, dass sie sie - obwohl sie sie nicht mögen - benutzen sollten. Weil sie der Umwelt, den nachfolgenden Generationen und überhaupt allem etwas Gutes tun würden.

derStandard.at: Dass die Idee zu diesem Film einem Kameramann gekommen ist, kommt wohl nicht von ungefähr?

Mayr: Das Nichtmögen ist natürlich eine emotionale Sache. Dass das Licht nicht sympathisch ist, spürt einfach jeder. Der Impuls kam von Moritz Gieselmann und der ist auch Lichtplaner. Dort wo er seine Ausbildung gemacht hat in Tirol, war auch ein Manager von Osram. Und der hat ihm im Jahr 2007 gesagt, es wird bald keine Glühlampen mehr geben. Der Osram-Manager hat also schon lange vor der Allgemeinheit gewusst, wohin es gehen wird. 2008 gibt es dann die ersten Pressetexte wieviel C02 und Kraftwerke eingespart werden.

derStandard.at: Wie ist der Funke auf Sie übergesprungen?

Mayr: Da gibt es auch eine Anekdote. Ich war gemeinsam mit meiner Frau und meinem damals zweijährigen Sohn in einem schwedischen Möbelhaus in Innsbruck. Da höre ich sie plötzlich schreien. Der Grund: Mein Sohn hat seinen Kopf in einen Plastikkübel mit Deckel hineingesteckt. Meine Frau zieht ihn da raus und ich lese dann: Wusstest Du schon? Energiesparlampen müssen recyclet werden. Du kannst das bei uns machen. Handschriftlich steckt noch ein Zetterl dabei: Bitte nur Energiesparlampen. Diese Eimer stehen da also in Kleinkindhöhe mit den kaputten Energiesparlampen. Damals habe ich mir gedacht, das Bewusstsein, dass Quecksilber vielleicht nicht ganz so ungefährlich ist, ist noch nicht ganz durchgedrungen.

derStandard.at: Sie sind also kein renitenter Bürger, sondern ein besonders kritischer Konsument?

Mayr: Man hat gemerkt, kein Mensch bringt das Zeug zur Sammelstelle. Kein Mensch. Ein ganz wichtiger Punkt ist, die EU hat in ihrer vorbereitenden Studie angenommen, dass 80 Prozent des Quecksilbers aus Energiesparlampen in die Umwelt gelangen werden. Das war der zweite Impuls, warum ich gesagt habe, das betrifft mich auch persönlich. Das ist bei uns in den Haushalten und Kinderzimmern.

derStandard.at: Die Glühbirnen sollen ja zumindest weniger Energie verbrauchen. Dagegen kann doch niemand etwas haben?

Mayr: In vielen persönlichen Gesprächen haben die Leute gesagt, ja vernünftig ist es. Wir brauchen Energiesparlampen, aber mögen tu ich sie nicht. Es ging um den Tribut, den man dem Wohl des Planeten zu zollen hat. Energie sparen wurde als Hauptargument genannt und es gab eigentlich nur Gewinner. Das ist eine einmalige Situation, dass man sagt, die Politiker unternehmen endlich eine sichtbare Handlung gegen den Klimawandel. Das ist meiner Meinung auch ein Grund, warum die so eine marginale, in Wahrheit sinnlose Verordnung erlassen haben. Ich glaube, sie wollten nicht einmal etwas Böses, sondern sie wollten einen sichtbaren Schritt setzen. Das ist nach hinten losgegangen.

derStandard.at: Sehr dafür waren aber auch die NGOs.

Mayr: Die waren dafür, dass das Verbot viel schneller in Kraft tritt. Da hat sogar die Industrie ein bisschen dagegen gerudert, weil man gesagt hat, da gibt es Versorgungsschwierigkeiten. Die NGOs haben sich halt gesagt, wir wollen nicht nur immer Verhinderer sein, sondern auch einmal ein sichtbares Zeichen setzen, einmal Ermöglicher sein. Die Industrie freut sich natürlich, weil die Glühlampe schon lange ein so genannter Pfennigartikel war. Daran hat man nicht mehr viel verdient und vor allem war der Markt auch mit chinesischen Produkten, No-Name-Produkten - die übrigens genauso gut waren - überschwemmt. Die Margen auf Energiesparlampen sind bekanntlich viel höher.

derStandard.at: Sie unterstellen der Industrie ein gewichtiges Interesse daran zu verdienen, was ist daran schlecht?

Mayr: Die sollen sogar Gewinne machen. Die Frage ist nur zu welchem Preis. Die Frage ist, ordne ich alles andere den Gewinnsehnsüchten der Industrie unter und die Frage ist, wem kommen die Gewinne zugute.

derStandadard.at: Haben Sie sich geärgert, als unlängst die kräftige Preiserhöhung bei den Energiesparlampen bekannt wurde?

Mayr: Osram hat die Chuzpe, an dem Tag, wo die 60-Watt-Glühbirne offiziell verboten wird, die Preise bis zu 25 Prozent zu erhöhen. Da muss ich fragen, wo sind die versprochenen 50 Euro Ersparnis pro Haushalt?

derStandard.at: Der Nutzen des Verbotes wurde ja ganz allgemein und rundherum angezweifelt. Fanden Sie ein gutes Haar an den neuen Energiesparlampen?

Mayr: Eine Sache kann die Energiesparlampe besser. Sie kann in der Nutzungsphase aus weniger Strominput mehr Licht herausholen. Das ist aber auch wirklich das Einzige. Die Hersteller versuchen krampfhaft die Eigenschaften der Glühlampe zu imitieren und schaffen es natürlich nicht. Es gibt auch nicht diese One-Fits-All-Energiesparlampe, sondern es gibt nur eine, die schnell startet, dafür ist sie nicht kälterestistent, oder sie hat Amalgam drin, dafür startet sie langsam. Und je besser das Spektrum wird, desto schlechter wird die Energieeffizienz. Also natürlich spart die Energiesparlampe, aber sie spart halt an Licht.

derStandard.at: Warum ist das Spektrum so wichtig?

Mayr: Man weiß inzwischen, Licht nimmt direkten Einfluss auf unser Hormonsystem. Die Lichtindustrie behauptet aber nach wie vor, Licht ist nur das was wir sehen. Infrarot hat ohnedies nur einen wärmenden Effekt wird gesagt. Den Kompaktleuchtstofflampen fehlt Infrarot zur Gänze. Infrarot hat aber - und das habe nicht ich erfunden - einen heilenden Effekt. Zum Beispiel die Mitochondrien (Anm: Sie fungieren u.a. als Energiekraftwerke) sollen durch Infrarot angeregt werden, jenen Zellenstress zu beheben, den der blaue Anteil des Lichtes verursacht. Dieser blaue Anteil ist natürlich im Energiesparlampenlicht im Übermaß vorhanden. Vom Energiesparlampenlicht wird auch die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin unterdrückt. Das lustige ist ja, dass die Industrie einerseits sagt, dieser Einfluss auf das Hormonsystem spielt keine Rolle, andrerseits zum Beispiel in Schulen das Dynamic Light von Philips einsetzt, um direkt auf den Hormonhaushalt der Kinder einzuwirken, und sie einerseits wach zu machen und andererseits zu beruhigen.

derStandard.at: Sie müssen sich also nicht den Vorwurf gefallen lassen, dass Sie die Glühbirne zur lebenden Legende erklären und nostalgisch verklären?

Mayr: Wir haben alles vermieden, was den Anschein von Nostalgie erwecken könnte. Wir haben absichtlich nicht auf Lagerromantik gemacht und Argumente - wie das Licht ist so schön - weggelassen. Das wäre dann genau das, wo sich der Sigmar Gabriel hinstellt und sagt: Ja nehmen Sie doch Kerzen.

derStandard.at: Wir Konsumenten lassen uns ja alles Mögliche  als Fortschritt aufschwatzen - warum dieser Widerstand genau gegen die Energiesparlampen? Haben Sie ein Problem mit der EU?

Mayr: Ich bin absolut ein EU-Freund, aber ich denke, dass man Institutionen, um sie verbessern zu können, kritisieren muss. Es geht aber über das Gesundheitsargument hinaus um die Frage, wie wird ein Produkt umgesetzt und wie wird argumentiert, dass die breite Bevölkerung glaubt, etwas tun zu müssen. Dafür ist die Sache mit der Energiesparlampe nur ein Beispiel.

derStandard.at: Und? Wie wird sie?

Mayr: Sie wird indoktriniert. Erklärt mir ein Mensch, warum der Strom den Elektroautos brauchen ein guter ist und derjenige, den Glühlampen brauchen ein schlechter? (Regina Bruckner, derStandard.at, 12.9.2011)

Bulb Fiction kommt ab 16. September in die Kinos.

  • An der Glühbirne war nicht mehr viel zu verdienen, jetzt soll sie bald ganz verschwunden sein.
    foto: thimfilm

    An der Glühbirne war nicht mehr viel zu verdienen, jetzt soll sie bald ganz verschwunden sein.

  • Dokumentarfilmer Christoph Mayr hat etwas dagegen, dass die Konsumenten für dumm verkauft werden.
    foto: thinfilm

    Dokumentarfilmer Christoph Mayr hat etwas dagegen, dass die Konsumenten für dumm verkauft werden.

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