Kaudrogen für die Welt vom Horn von Afrika

Reportage5. September 2011, 18:18
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Suhura Khan ist die größte Kath-Dealerin der Welt - Die Äthiopierin träumt davon, auch den europäischen Markt zu erschließen

Eigentlich funktioniert in Somaliland nichts. Nur auf eine Sache ist in der international nicht anerkannten Republik im Norden von Somalia Verlass: Nachts brettern Suhura Ismail Khans Lastwagen in halsbrecherischem Tempo über die unbefestigten Pisten.

Sie sind beladen mit Kath, jener in Deutschland und Österreich illegalen Kaudroge, von der bis zu 80 Prozent der Männer im kleinen Land am Horn von Afrika abhängig sind. Suhura Ismail Khan sagt, sie habe sich die bitteren Blätter noch nie in den Mund geschoben, doch die Droge hat die Äthiopierin reich und zu einer angesehenen Unternehmerin gemacht.

Ab und zu verlangt die Regierung in Addis Abeba aber auch ihren Anteil. "Vor kurzem haben sie mich noch zur Geschäftsfrau des Jahres gekürt, jetzt fordern sie Steuern von mehr als 48 Millionen Birr (rund 1,9 Millionen Euro) nach", sagt Suhura amüsiert. Man werde sich schon einigen, schließlich habe sie einen "guten Draht zum Premierminister".

Mit ihrem Familienbetrieb verkauft Suhura nach eigenen Angaben jeden Tag 30 bis 40 Tonnen Kath. Als Drogenboss würde sie sich nie bezeichnen. Da der Handel mit Kath in Afrika legal ist, braucht sie weder Bodyguards noch falsche Namen. Nachdem in den Neunzigerjahren der Kaffeepreis einbrach, stiegen in Äthiopien viele Bauern auf den Anbau von Kath um. Mittlerweile ist die Droge nach Kaffee eines der wichtigsten Exportgüter des Landes.

"Suhura kontrolliert in Äthiopien mehr als 50 Prozent des Marktes und ist damit im weltweiten Kath-Handel die Nummer eins", sagt der Anthropologe Ephrem Tesema, der an der Uni Basel über den Kath-Konsum promoviert hat.

Sie hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. Ihre Eltern waren bereits Kathhändler. Sie ging nur fünf Jahre zur Schule, half früh im Geschäft aus. Reich wurde davon niemand. Das änderte sich, als Suhura Ismail Khan vor 18 Jahren anfing, die Droge ins nahe gelegene Somalia zu exportieren. Die Nachfrage nach äthiopischem Kath ist in dem Bürgerkriegsland sehr hoch, der Anbau der bis zu drei Meter hohen Büsche dagegen wegen wiederkehrender Dürreperioden fast unmöglich. Auf der äthiopischen Seite der Grenze wächst das beste Kath im Hochland rund um das Straßenstädtchen Awaday.

Am frühen Morgen herrscht dort Hochbetrieb. Frauen preisen ihre Blätter an, Männer schleppen die Droge zu den Lkws. 40 davon gehören Suhura. Sobald die Ladeflächen voll sind, rasen die Fahrer los - denn die bitteren Blätter haben eine kurze Haltbarkeit.

Nur 36 Stunden wirksam

Wer Kath nimmt, das mehr als 36 Stunden zuvor vom Strauch geschnitten wurde, kaut auf wirkungslosem Grünzeug herum. Bei frischem Kath hingegen setzt die Wirkung der natürlichen Amphe-tamine Cathinon und Cathin (ähnlich wie Speed, nur viel schwächer) nach etwa einer halben Stunde ein, wenn sich die Backe beult und beim Sprechen hellgrüner Schaum in den Mundwinkeln sichtbar wird.

Das Hungergefühl weicht, der Konsument wird leicht euphorisch und redselig, fühlt sich wach und konzentriert. Doch um das Glücksgefühl zu halten, müssen immer neue Blätter nachgeschoben werden. Ein Büschel kostet in Äthiopien zwischen einem und acht Euro. Tagelöhner verdienen oft weniger als einen Euro am Tag. Nebenwirkungen wie Depressionen, Schlaflosigkeit und Angstpsychosen gibt es kostenlos dazu.

Dennoch sind ganze Landstriche am Nachmittag im Kathrausch. Im somalischen Bürgerkrieg ist die täglich eingeflogene Droge fast so wichtig wie Munition, bei Schiffsentführungen halten die Eigner die Piraten mit täglichem Nachschub bei Laune.

"Kaum ein Flugzeug nach London oder Amsterdam verlässt Addis Abeba ohne Kath", sagt ein Insider. Dort ist die Droge erlaubt. In Deutschland werden immer häufiger Kathschmuggler verhaftet, die die Blätter mit Lkws zu afrikanischen Immigranten nach Skandinavien transportieren.

Mit dieser hässlichen Seite des Geschäfts will Suhura nichts zu tun haben. "Was kann ich dafür, dass manche Leute nicht mit Kath umgehen können? Ihr bezeichnet doch eure Brauereibesitzer auch nicht als Drogenhändler", sagt sie.

Aus der Verkäuferin vom Straßenrand ist eine Unternehmerin mit nach eigenen Angaben mehreren Tausend Angestellten und eigener Airline (Suhura Airways) geworden. Täglich landen ihre Antonows in Somaliland.

Sie hofft, dass Kath irgendwann in ganz Europa legalisiert wird. Deutschland kennt Suhura gut. Als ihr Mann Zahnschmerzen hatte, flog die Kathkönigin mit ihm nach Frankfurt, um sein Gebiss richten zu lassen. Jetzt kann er in Äthiopien und Somaliland wieder täglich grüne Blätter zermahlen. (Philip Hedemann aus Addis Abeb, DER STANDARD; Printausgabe, 6.9.2011)

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    Ein Bub verkauft Kath in Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. 80 Prozent der Männer des Landes sind davon abhängig, Schiffseigner halten damit Piraten bei Laune, die ihre Schiffe gekapert haben.

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