Rundschau: Weird Weird West

    Ansichtssache10. September 2011, 10:12
    53 Postings

    Neue Romane unter anderem von Allen Steele, Jack Ketchum, Steven Gould, Al Ewing, Marcel Theroux und Stephen Hunt

    Bild 5 von 10
    coverfoto: wurdack

    Armin Rößler & Heidrun Jänchen: "Emotio"

    Broschiert, 288 Seiten, € 13,40, Wurdack 2011

    Mögen sie im angloamerikanischen Raum auch das große Magazinsterben beklagen - im Vergleich zur deutschsprachigen Situation gibt's dort immer noch eine Fülle an Publikationen, die Kurzgeschichten gewidmet sind. Da sieht's hierzulande eher duster aus. Umso erfreulicher ist der Umstand, dass der Wurdack-Verlag verlässlich Anthologie um Anthologie herausbringt. 16 Kurzgeschichten sind im aktuellen Band "Emotio" enthalten ... wobei man das gewohnt vergnügliche Vorwort der HerausgeberInnen Armin Rößler & Heidrun Jänchen immer auch irgendwie als zusätzliches Unterhaltungswerk rechnen darf. Gaststars dieser Vorwort-Ausgabe sind die sprachlichen Blüten, die ein Online-Übersetzungstool auf dem Weg vom Ungarischen zum Deutschen getrieben hat. Und die Kombination Humor plus Heidrun Jänchen mündet auch gleich in eines der Highlights der Anthologie: Die Globalisierungssatire "In der Freihandelszone" führt Themen wie Biopatente und Sextourismus auf die interstellare Ebene über. Mit dem kopulationswilligen Joey und einer irdischen Handelsdelegation schweben gleich zwei Sorten von Ausbeutern auf dem Planeten Leiwal ein. Man reibt sich aus Vorfreude darüber, dass das mit Sicherheit zum Bumerang werden muss, die Hände und ist gespannt, ob die Autorin beide Aspekte am Schluss zusammenführt. Sie tut's, und die Pointe hab zumindest ich nicht kommen sehen. Genial.

    Herausragend auch zwei Beiträge, die sich um Wahrnehmung und Realität drehen: In Ernst-Eberhard Manskis "Zeitlupenwiederholung" bemerkt Ich-Erzähler Erik, dass die Zeitlupe bei Fußballübertragungen nur einen verkürzten Ablauf des tatsächlichen Spielzugs zeigt. Irgendjemand redigiert hier offenbar das kollektive Gedächtnis. Daraus entwickelt sich, versetzt mit Déjà-vu-Elementen, eine temporeiche Jagd eines immer größer werdenden Ensembles, um die dahintersteckende Verschwörung aufzuklären. Trotz des ungemütlichen Themas eine sehr witzige Geschichte - deutlich düsterer ist da schon Arno Endlers "Fremde Augen". Protagonist Manuel ist einer von 100 Blinden, die durch künstliche Implantate ihr Augenlicht zurückerhalten sollen. Dass das Projekt über ein Unternehmen mit Militär-Bezug läuft, stimmt Manuel misstrauisch - aber ist dies auch berechtigt? Ins Rutschen kommt der Realitätsbegriff auch für den Raumfahrer in Gerd Freys "Handlungsreisende" oder den Mann, der auf einem Bibliothekscomputer ein File mit seinen persönlichen Gedanken findet (in der Titelgeschichte "Emotio" von Nadine Boos). Und die Frau, die in Jasper Nicolaisens "Der vorletzte Mensch auf Proteia" von der gleichnamigen planetenumspannenden Intelligenz hartnäckig "Kim" genannt wird, darf sich die Frage stellen, ob außerhalb ihres "Ichs" überhaupt irgend etwas existiert. Und selbst dieses Ich ist geliehen, denn Proteia nennt jeden Besucher Kim. Mehrfach nimmt der Text Bezug auf "Catch-22", irgendwie scheint aber auch "Solaris" nahezuliegen. Interessant, geschrieben allerdings in einem flapsigen Jugendsprech, der schwer gewöhnungsbedürftig ist und nicht jedermanns Sache sein dürfte.

    Weitere Begegnungen auf anderen Planeten schildern unter anderem Karina Čajo und Thomas Templ. Letzterer lässt in die "Die Farbe der Naniten" ein Mädchen, das sich zur HighTech-"Dämonin" ausbilden lässt, auf einen Jungen treffen, der einer Gemeinde naturverbundener Menschen angehört. Der zivilisatorische Unterschied zwischen den Hauptfiguren erscheint hier so groß, dass die Handlung beinahe fantasyhafte Züge annimmt - das gilt sogar noch mehr für Čajos "Tagebuch einer Göttin", in dem Bauern von vermeintlichen Göttern manipuliert werden; die Autorin hätte gar nicht so vieler Erklärungen des Settings bedurft, wollte aber offenbar auf Nummer sicher gehen. - Violet war schwellendes Fleisch, Nässe und ständig sich bewegende Muskeln unter glitschigen, schuppigen oder knorpeligen Oberflächen. Laszlo mochte es nicht. So heißt es in "Violets Verlies", das Karsten Kruschel mit einer kleinen Seitenanmerkung in jener Future History positioniert, in der schon seine Romane "Vilm" und "Galdäa" angesiedelt waren. Und während er sich bei "Galdäa" ein wenig verzettelt hat, stimmt hier einfach alles. Violet ist ein riesiges lebendes Unterwassergebirge auf einem fremden Planeten - ein "biomechanischer Evolutionskomplex", wie die WissenschafterInnen konstatieren, die neben der Monstrosität mit ihrer Floß-Station auf dem Meer treiben. Es wirkt ebenso rührend wie bizarr, wenn der Techniker Laszlo seiner forschenden Ehefrau mit einer Kanne Kaffee "In die Arbeit" folgt - soll heißen: mitten hinein in den Berg aus Alien-Fleisch. Einen größeren Handlungskontext hat auch "Das Versprechen" von Ko-Herausgeber Armin Rößler, das in dessen "Argona"-Universum angesiedelt ist. Darin wird ein Soldat auf einer Multi-Spezies-Raumstation von einem ehemaligen Kameraden wiedergefunden, gegenüber dem er einst ein lebenswichtiges Versprechen gebrochen hat. Die Anzahl der Auflösungen eines solchen Plots scheint begrenzt - dass es anders kommt, ließe sich als Signal werten, dass "Das Versprechen" Teil einer längeren Erzählung werden könnte.

    Das Potenzial dazu hätte auch "Gute Hoffnung" von Frank W. Haubold, in dem die BewohnerInnen eines Generationenschiffs keine Ahnung von der Zerstörung der Erde haben und in einem künstlichen LowTech-Idyll leben. Die Unwissenheit kommt nicht von ungefähr - losgeschickt hat die Arche der Vatikan. Und "Einhundert Worte für Tod" von Christian Günther schreit sogar geradezu nach einer längeren Fassung: Als ginge es um eine umgekehrte Gentrification, trägt hier ein Agentenpaar durch Sabotageakte zum Niedergang Hamburgs bei ... wobei das von ihnen provozierte Schiffsunglück nur den Beginn einer noch grausigeren Entwicklung verbirgt. Sowohl zum Motiv der Tat als auch zu deren Konsequenzen würde ich sehr gerne eine Fortsetzung lesen. Den Kontext gibt's ja vielleicht schon: Das Setting scheint jedenfalls zu Günthers Romanen "Rost" und "under the black rainbow" zu passen; die kenne ich nicht, aber mein Interesse ist eindeutig geweckt. Und eine Geschichte mit Thriller-Elementen gibt es noch: In "Routine" von Bernhard Schneider ermittelt ein Kommissar-Duo im Fall eines ermordeten Nobelpreisträgers. Dass sich die Konferenz, auf der das Opfer auftrat, um die Kopenhagen-Interpretation der Quantenmechanik drehte, gibt einen ersten Hinweis auf das weitere Geschehen, das ein wenig an David Gerrolds "The Man Who Folded Himself" erinnert und am Schluss vielleicht mit einer Pointe zuviel aufwartet. Trotzdem ist sie gut - und der Bogen zum Thema Realitätsverschiebungen wäre damit auch zurück geschlagen.

    Um die inhaltliche 360-Grad-Drehung zu vollenden, seien daher zum Schluss noch zwei parodistische bzw. humoristische Erzählungen genannt. Niklas Peinecke lässt in "Nanne kommt auf den Hund" eine PR-Tante auf die Idee verfallen, ihrem Couch-Potato von Ehemann ein neuartiges Hundefutter ins Essen zu mischen, weil dieses faule Vierbeiner so schön mobil macht; eine SF-Zauberlehrlingsgeschichte klassischen Zuschnitts. Und wo es um Humor geht, sind Uwe Post (Autor des aberwitzigen "Symbiose") und Uwe Hermann nie weit. Gemeinsam brechen sie in "Der Valentino-Exploit" einen Aufstand der Haustiere vom Zaun ... Tiere allerdings, die mit Soft- und Hardware "optimiert" wurden. Zwischen Villen-Plünderungen und pathetischem Revolutionsvokabular folgen wir gleich zwei Ich-Erzählern durchs bizarre Geschehen: Dem Hund Valentino und einem Kammerjäger, der an seinem Verstand zu zweifeln beginnt ... und bald um sein Leben rennt.

    Für das Gesamtresümee der Anthologie muss man gar nicht lange suchen, das kann man auch gleich obigem Ungarisch-Übersetzungstool entnehmen: "Ausgezeichnet, aber schockierend schriftlich."

    weiter ›
    Share if you care.