Rundschau: Weird Weird West

    Ansichtssache10. September 2011, 10:12
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    Neue Romane unter anderem von Allen Steele, Jack Ketchum, Steven Gould, Al Ewing, Marcel Theroux und Stephen Hunt

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    coverfoto: night shade books

    Laird Barron: "Occultation"

    Gebundene Ausgabe, 300 Seiten, Night Shade Books 2010

    Laird Barrons lange erwarteter erster Roman soll - angeblich zumindest - heuer noch erscheinen. Wird auch Zeit, immerhin hat der Autor, der zu Recht zu den großen Hoffnungsträgern im Bereich von Weird Fiction bis Horror gezählt wird, bereits die 40 überschritten. Die Wartezeit bis zur Veröffentlichung von "The Croning" können sich alle, die Barron noch nicht kennen, derweil mit seinen Storysammlungen "The Imago Sequence" oder "Occultation" vertreiben: Neun in jeder Beziehung fantastische Erzählungen, drei davon erstmals in diesem Band veröffentlicht, sind in Letzterem enthalten. Ansässig ist Barron im Nordwesten der USA, wo die richtig seltsamen Sachen zu Hause sind - inklusive praktisch des gesamten Bizarro-Genres. Dazu gehört Barron allerdings nicht, mögen seine Erzählungen auch oft surreal wirken. Als Einflüsse werden unter anderem Thomas Ligotti und H.P. Lovecraft genannt, weniger die Splatterpunk-Bewegung der 80er Jahre. Der Horror hat bei Barron zwar auch eine sehr physische Komponente - der Schriftsteller Michel Shea spricht im Vorwort zu "Occultation" von Barrons carnivorous cosmos -, Blutverspritzen um des reinen Verspritzens willen gibt es hier aber nicht.

    Erstveröffentlicht in "Occultation" ist zum Beispiel "--30--", in dem zwei forensische BiologInnen in einer Forschungsstation auf dem Gelände der ehemaligen "Family" Charles Mansons das seltsame Verhalten der dortigen Tierwelt beobachten. Langsam beginnt dieses auf die beiden Menschen überzugreifen und sich zur Paranoia auszuwachsen. Eine ähnliche Eskalation erlebt ein junges Paar im Landhaus der verunglückten Eltern der männlichen Hauptfigur in "Six Six Six" - nach und nach wird der Frau hier die Wahrheit über das höllische Familienleben ihres Partners enthüllt, Erzählungen stacheln die Fantasie an und diese wird schließlich zur Realität. Obwohl die Geschichte zu weiten Teilen in Dialogen erzählt wird, ist die Dynamik des Schreckens enorm, accelerating toward a final, apocalyptic transmogrification. Thematisch verwandt ist "Catch Hell", in dem das Paar Katherine und Sonny in einer Lodge in den Bergen absteigt, wo des Mannes Interesse an Folklore und der Wicca-Religion auf fruchtbaren Boden fällt. In "The Forest" schließlich, lose mit "--30--" verbunden, erhält der Filmemacher Partridge ungeahnte Einblicke, als er seinen alten Weggefährten Toshi besucht, der in einem Landhaus in New England Speckkäfer züchtet, wie sie in der Pathologie zum Säubern von Knochen eingesetzt werden. Der Tod ist hier ein omnipräsentes Thema, und aus dem Mitleid für eine sterbenskranke gemeinsame Freundin wechseln die Gespräche bald zu Gedanken über das zwangsläufige Ende der Menschheit. Und Partridge begreift schließlich, warum die Teleskope auf Toshis Anwesen nicht in den Himmel, sondern auf den Boden gerichtet sind.

    Man merkt schon: Der Schrecken ist oft draußen auf dem Land zu finden - er hat aber die unangenehme Eigenschaft, den ProtagonistInnen in die Stadt zu folgen. Zum Beispiel in "The Broadsword", wo der pensionierte Landvermesser Pershing seltsame Geräusche und bösartige Stimmen zu hören beginnt, die von irgendwo aus den Eingeweiden seines Apartment-Komplexes dringen und mit dem lange zurückliegenden Verschwinden eines Arbeitskollegen in der Wildnis zusammenhängen. Metamorphosen geistiger und manchmal auch durchaus körperlicher Art ziehen sich als Motiv durch die Mehrzahl der Geschichten, insbesondere die Lovecraft-beeinflussten wie eben "The Broadsword" oder auch "Mysterium Tremendum": Hier begeben sich zwei schwule Paare auf eine Landpartie, nachdem sie in einem zerknitterten Buch mysteriöser Herkunft, dem Black Guide, Hinweise auf Dolmen gefunden haben, die es im Nordwesten der USA gar nicht geben dürfte. Auch über dieser Clique hängt die Erinnerung an einen Todesfall in der Vergangenheit wie ein Damoklesschwert. Das Unheimliche schwelt lange im Hintergrund, um dann mit schockierender Plötzlichkeit auf den Plan zu treten.

    Und auch wenn Barron dem Splatterpunk nicht allzu nahe steht, erinnern manche Geschichten doch an den jungen Clive Barker, noch zu "Books of Blood"-Zeiten. Etwa "Lagerstätte", in dem die Entomologin (schon wieder Insekten!) Danni Mann und Sohn bei einem Flugzeugunfall verloren hat und fortan in einem traumatisierten Geisteszustand durch ihr Leben driftet, den sie Fugue nennt: The fugue made familiar places strange; it wiped away friendly faces and replaced them with beekeeper masks and reduced English to the low growl of the swarm. It was a disorder of trauma and shock, a hybrid of temporary dementia and selective amnesia. Und Danni fühlt sich zu einer metaphysischen "Lagerstätte" hingezogen, auf der sich schon Generationen suizidaler Frauen wie Fossilien übereinander gelegt haben. - Geistige Ausnahmezustände, sei es durch Schock, Halluzinationen, überbordende Fantasie oder Drogen, tauchen vielfach auf und scheinen manchmal Hintertürchen zu öffnen, ob das Geschilderte real oder imaginär ist. Das Pärchen, das sich in der Titelgeschichte "Occultation" in einem Motelzimmer miteinander vergnügt, hat sich jedenfalls schon eine ganze Menge reingepfiffen, als es einen seltsamen kleinen Schatten an der Wand zu sehen beginnt - ebenfalls übrigens eine Geschichte, die von Barker stammen könnte. Draußen vor dem Motel bewegen sich sogar noch größere Dinge ... und lenken doch nur davon ab, was sich im Zimmer ereignet. Verstörender Schluss.

    Neben einer gewissen Europaphilie des Autors fällt auf, dass seine ProtagonistInnen überdurchschnittlich gebildet sind. Es treten AnthropologInnen, DokumentarfilmerInnen, BiologInnen und Museumsangestellte auf, mehrfach bringt Barron den Burgess-Schiefer, eine berühmte Fossilienlagerstätte aus dem Kambrium, ins Spiel - und sogar das White-Trash-Pärchen aus "Occultation" hat den Begriff paleozoic im Wortschatz. Nicht dass Wissen um die Welt die ProtagonistInnen vor den Folgen der stattfindenden Realitätsverschiebungen schützen würde. Besonders raffiniert ist das Wechselspiel von "real" und "fiktiv" in "Strappado", wo nicht Drogenkonsum an der Wirklichkeit zweifeln lässt, sondern das Setting: In dieser auf Übernatürliches verzichtenden und vielleicht gerade dadurch besonders beunruhigenden Geschichte nimmt eine Reihe saturierter Medienleute an der Aktion eines angesagten Guerilla-Künstlers teil, der im wahrsten Sinne des Wortes todschicke Werke produziert. - Gesamtresümee: Ein Bündel herausragend atmosphärischer und - nicht nur in "Strappado" - drastischer Erzählungen; kann ich absolut empfehlen.

    In der nächsten Rundschau, nach einem kleinen Urläubchen, wird unter anderem (Juhu! Juhu! Juhu!) der jüngste Roman von China Miéville vertreten sein, dazu gesellen sich krude Weltherrschaftsfantasien, Gourmet-Kannibalismus und ein Stadtmoloch am Ende der Geschichte. Viel Spaß! (Josefson)

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