Alchemie des Wohnens

2. September 2011, 17:46
1 Posting

Das dänische Büro BIG beweist, dass Wohnen auch Spaß machen kann. Sehr empfehlenswert. Ein Ausflug nach Kopenhagen

Mette Philkjær steht in ihrem Vorgarten im zehnten Stock, nippt gelegentlich an einem Aperol-Spritz und putzt ihr Fahrrad. Ein ganz gewöhnliches Stadtrad mit Einkaufskorb an der Lenkstange und Gepäckträger hinten drauf. "Eigentlich bräuchte ich ein Mountain Bike", sagt die 54-jährige Hausfrau. "Kopenhagen ist nicht besonders hügelig, wie wir wissen, aber die letzten 1100 Meter bis zu meiner Wohnung, die haben's echt in sich."

Das "8 House", eine riesige Wohnskulptur mit insgesamt 476 Wohnungen, verfügt über Stiegenhäuser wie jedes andere Haus. Doch im Sommer sind die Treppen und Lifte, man glaubt es kaum, gottverlassen und verwaist. Viel lieber gehen die Leute zu Fuß über die mehr als ein Kilometer lange, vier Meter breite Rampe. Oder sie fahren gleich mit dem Rad - bis direkt vor die Wohnungstür.

"Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein schönes Gefühl es ist, jeden Tag mit dem Fahrrad nach Hause zu strampeln, vom Sattel zu steigen und gleich daheim zu sein", sagt Philkjær. "Das ist mein tägliches Krafttraining. Ich habe schon richtige Muskeln bekommen."

Zuvor hatten sie und ihr Mann, ein Polizist, in einem Einfamilienhäuschen mit Schrebergarten gewohnt - irgendwo in Dänemark. Mitten in der Pampa. Eines Tages beschlossen sie, sich einen Kick zu geben, das Auto zu verkaufen und urban zu werden. Seit wenigen Monaten leben sie nun in Ørestad, einem neuen Stadtviertel im Süden Kopenhagens, nur zehn U-Bahn-Minuten von der Innenstadt entfernt.

Das "8 House", das von oben betrachtet tatsächlich wie eine etwas verzerrte, eckige Acht erscheint, steht heute noch etwas einsam am letzten Grundstück von Ørestad. Es ist das jüngste Projekt des Kopenhagener Architekturbüros BIG, das schon seit Jahren die Architekturszene und Wohnbaupolitik Dänemarks gehörig auf den Kopf stellt. Gleich im Anschluss beginnt ein Naturschutzgebiet mit quakenden Fröschen und Reihern wie aus dem Bilderbuch.

"Das ist sicherlich eines unserer konsequentesten Projekte", sagt Kai-Uwe Bergmann. Er ist Architekt und Business Development Director der Bjarke Ingels Group (BIG) und zuständig für die Realisierung all der verrückten Wohnideen, die sein erst 37-jähriger Chef Bjarke Ingels auf Papier kritzelt. Sei es ein Wohnhaus zum Radeln wie im Falle des "8 House", sei es ein Setzkasten mit dreigeschoßigen Lofts, sei es ein schräger Wohnberg, durch den eine vollverglaste Skigondel, made in Switzerland, verläuft. Das alles gibt's in Ørestad.

Man müsse sich nur trauen, meint Bergmann, der am 22. September im Rahmen der Wohnbau-Biennale 2011 in Wien einen Vortrag halten wird. "Wir nennen diese Entwürfe, in denen wir das Unmögliche mit dem Möglichen vermischen, Alchimie des Wohnens." Die Baukosten für diese Zauberformeln sind alles andere als verhext. Umgerechnet 1200 bis 1480 Euro pro Quadratmeter kosten die Gebäude in der Errichtung. Vergleichbar mit dem geförderten Wohnbau in Wien.

Stopp für Einfamilienhäuser

1999 hatte die Stadt Kopenhagen beschlossen, mitten ins Niemandsland eine neue U-Bahn in Hochlage zu bauen. Anschließend wurde die 300 Hektar große Ørestad, die sich ursprünglich in städtischem Besitz befunden hatte, parzelliert und öffentlichen und privaten Bauträgern zum Verkauf angeboten. Die Hälfte der Grundstücke ist bereits veräußert und soll in den kommenden Jahren bebaut werden. Die U-Bahn-Investitionen sind längst wieder eingespielt.

"Ørestad ist ein sehr innovatives und ambitioniertes Stadterweiterungsprojekt", sagt Bergmann. "Vor allem aber ist es ein starkes Zeichen, um den Individualverkehr zu senken und die Zersiedelung Dänemarks zu stoppen." Die traditionellen und allseits beliebten Einfamilienhäuser, die mitten in der Landschaft stehen, seien langfristig nicht mehr tragbar. Intelligente Alternativen müssten her. "Und das Schöne daran ist: Politik und Privatwirtschaft ziehen alle an einem Strang."

Parallel zum medialen Hype rund um die neuen Wohnquartiere - denn Ørestad ist nicht das einzige Viertel, in dem das neue Wohnen propagiert wird - werden still und heimlich die ganz kleinen Schräubchen angezogen, die notwendig sind, um das Leben in Dänemark nicht nur oberflächlich, sondern auch substanziell zu revolutionieren:

In sämtlichen Gemeinden werden die Flächenwidmungspläne umgezeichnet, die Einfamilienhauswidmungen machen Platz für verdichtete Bebauungsformen und Grünland. Und in Kopenhagen werden jedes Jahr 300 Parkplätze eliminiert und durch Gehsteige und Fußgängerzonen ersetzt. Zeitgleich steigen die Garagenpreise in der Stadt ins Kosmische.

"Solche Maßnahmen erfordern eine Politik mit Rückgrat", sagt Bergmann. "Es ist schön, dass es diese Menschen in Dänemark gibt." Und er gibt gleichzeitig zu bedenken: "Erstens kann man solche Maßnahmen nicht von einem Tag auf den anderen ergreifen, und zweitens muss man den Menschen entsprechende Anreize bieten, um sie von den Vorteilen einer Lebens- und Wohnumstellung zu überzeugen. Eine attraktive und intelligente Architektur ist dafür ein probates Mittel."

Lernen von Ørestad

Von Kopenhagen könnten die österreichischen Politiker, Bauträger und Fördermittelgeber noch einiges lernen. Dort gibt es Visionen, hier gibt es Bürokratie, Kleinkrämerei und Einfamilienhausmentalität. Anstatt Fördergelder und Wohnraumbeschaffung endlich dazu zu nutzen, sich für eine neue Ära wappnen, wird über Türdurchgangsbreiten und doppelt und dreifach gedämmte Abstellräume diskutiert. Ja klar, das kostet Geld.

Erst kürzlich stellte die Stadt Wien die Resultate der Wohnbauoffensive 2011 vor. Dabei ergibt sich aufgrund eines Niedrigzins-Kredits die einzigartige Möglichkeit, freifinanzierte Wohnungen zum Preis von gefördertem Wohnbau zu errichten. 500 Millionen Euro macht Wien insgesamt locker. Bis 2014 sollen mit dieser Hilfe insgesamt 6250 Wohnungen errichtet werden.

Das Außergewöhnliche daran: Die Baukonsortien verpflichten sich, die Mietkosten bei allen Verträgen, die in den ersten zehn Jahren nach Fertigstellung abgeschlossen werden, dem sozialen Wohnbau anzugleichen. Ein großartiger Plan. Aus der Sicht des Sozialstaates durchaus zu begrüßen. Doch wo bleibt die Architektur?

In der Jury, die bis Jahresende die ersten Projekte zur Begutachtung vorgelegt bekommen wird, findet sich kein einziger Architekt. Aus dem Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig heißt es: "Die Wohnbauoffensive ist ein gesondertes Programm, das mit dem geförderten Wohnbau nichts zu tun hat. Die Aufgabe der Jury ist schon auch die architektonische Qualitätskontrolle, vor allem aber die Begutachtung der Nachhaltigkeitskonzepte und Finanzierungsmodelle."

Architekten und Architektenkammer sind besorgt. Bleibt abzuwarten, was passiert. Ein Blick in andere Gefilde würde der Wohnbauoffensive guttun. Kopenhagen wäre eine gute Stoßrichtung.  (Wojciech Czaja / DER STANDARD, Printausgabe, 3./4. 9. 2011)

  • Fahrradrampe, luftige Wohnungen, Blicks auf Wasser und 
Naturschutzgebiet: Die Baukosten für das "8 House" von BIG sind nicht 
höher als im geförderten Wohnbau in Österreich. Ob sich die Architekten 
und Bauträger der Wohnbauoffensive 2011 in Wien davon inspirieren 
lassen?
    foto: ty stange

    Fahrradrampe, luftige Wohnungen, Blicks auf Wasser und Naturschutzgebiet: Die Baukosten für das "8 House" von BIG sind nicht höher als im geförderten Wohnbau in Österreich. Ob sich die Architekten und Bauträger der Wohnbauoffensive 2011 in Wien davon inspirieren lassen?

  • Mit dem Rad  bis vor die  Wohnungstür: Alle 476 Wohnungen des  "8 House" 
liegen an der mehr als ein Kilometer langen Fahrradrampe, die sich 
durchs gesamte Gebäude schlängelt. "Das ist mein tägliches 
Krafttraining", sagt die Bewohnerin Mette Philkjær. "Ich habe  schon 
richtige Muskeln  bekommen."
    foto: jens lindhe

    Mit dem Rad bis vor die Wohnungstür: Alle 476 Wohnungen des "8 House" liegen an der mehr als ein Kilometer langen Fahrradrampe, die sich durchs gesamte Gebäude schlängelt. "Das ist mein tägliches Krafttraining", sagt die Bewohnerin Mette Philkjær. "Ich habe schon richtige Muskeln bekommen."

Share if you care.