Datenpanne: Unredigierte Cables veröffentlicht

1. September 2011, 17:26
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Eine schwere Datenpanne bei der Aufdecker-Plattform hat dazu geführt, dass hunderttausende US-Dokumente in nichtredigierter Form veröffentlicht wurden - Den Informanten droht die Enttarnung und große Gefahr

Eifersüchteleien zwischen dem Wikileaks-Gründer Julian Assange und früheren Kooperationspartnern haben jetzt einen verheerenden Datenmissbrauch offengelegt. Offenbar können Computerspezialisten schon seit Monaten im Internet mehr als 250.000 jener Dokumente im Original nachlesen, die von dem Internet-Portal im Dezember 2010 in redigierter Fassung veröffentlicht worden waren. Wikileaks macht nun dafür David Leigh, einen Reporter des Guardian, verantwortlich: Dieser habe "in bisher unentdeckter Weise entweder grob fahrlässig oder böswillig gehandelt". Man bereite eine Zivilklage vor. Das Blatt weist die Vorwürfe zurück.

Kenner halten die Sicherheitspanne, jenseits jeder Schuldzuweisung, für katastrophal; für US-Informanten in autoritären Staaten wie China, Iran oder Russland könnte die Veröffentlichung von Klarnamen lebensgefährlich sein. Die US-Behörden fühlen sich bestätigt. "Wir haben die ganze Zeit über die Gefahren gesprochen", sagte Pentagon-Sprecher David Lapan. "Sobald Wikileaks solche Dokumente zur Verfügung stehen, gehen die Informationen raus, egal ob gewollt oder nicht."

Wikileaks wirft dem Guardian Verrat vor: In einem Buch über Assange habe Leigh ein "streng geheimes Passwort" zum vollständigen Archiv genannt. Tatsächlich enthält das im Februar veröffentlichte Buch Inside Julian Assange's War on Secrecy das Passwort, nicht aber den "Standort" der Computer-Akte. Der Australier habe damals den Journalisten gegenüber ausdrücklich betont, das Passwort sei nur temporär, konterte der Guardian. "Wenn Wikileaks dies für ein Sicherheitsproblem hielt, hatten sie sieben Monate Zeit, die Dokumente zu löschen."

"Manipulativer Informant"

Kenner der Materie vermuten einen Zusammenhang mit dem Zerwürfnis zwischen Assange und seinem früheren deutschen Partner Daniel Domscheit-Berg. Der spätere Gründer von Open Leaks hatte offenbar vor seinem erzwungenen Abschied von Wikileaks alle Daten kopiert; in den Wirren der Auseinandersetzungen könnten die unredigierten Akten dann im Internet gelandet sein, spekuliert Spiegel Online.

Wikileaks hat seit vergangenem Jahr hunderttausende US-Dokumente publiziert, bei denen die Namen potenziell Gefährdeter stets geschwärzt wurden. Das Material geht möglicherweise auf den US-Soldaten Bradley Manning zurück, der seit Mai 2010 in Haft sitzt. Die US-Justiz verdächtigt Assange, er habe Manning zum Datendiebstahl angestiftet.

Im Vorfeld der Veröffentlichung des brisanten Materials arbeitete Assange eng mit etablierten Medien - neben Guardian auch New York Times, El País sowie Der Spiegel - zusammen. Alle haben sich mittlerweile mehr oder weniger deutlich von ihm distanziert. New York Times-Chefredakteur Bill Keller: "Wir haben ihn nie als Partner betrachtet, sondern als schwer einzuschätzenden, manipulativen Informanten."

Assange lebt zurzeit unter Hausarrest in England. Die schwedische Justiz legt ihm sexuelle Vergehen zur Last. Ein Auslieferungsverfahren läuft. (Sebastian Borger aus London, STANDARD-Printausgabe, 2.9.2011)

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    Julian Assange, hier im englischen Bungay, wo er seinen Hausarrest verbringt, steht nach der Wikileaks-Datenpanne unter Druck.

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