Ein Gotteskrieger für die Revolution

2. September 2011, 15:16
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Abdel Hakim Belhaj, Militärchef und Gründer des libyschen Al-Kaida-Ablegers, gilt heute als Revolutionsheld

Sirte, Bani Walid, Sabha? Die Welt fragt, wo Gaddafi steckt und Abdel Hakim Belhaj meint, die Antwort zu wissen. Der Chef des Militärrats der libyschen Rebellen, Abdelhakim Belhaj, sagt, ihm liegen Anhaltspunkte über den Aufenthaltsort des ehemaligen Machthabers vor. Und dass es im Grunde nur mehr eine Frage der Zeit sei, "ohne Zweifel, wir werden ihn kriegen." Außerdem stehe er mit dem jüngsten Sohn Gaddafis, Saadi in Kontakt. Saadi wolle sich im Gegensatz zu seinem Bruder, Saif al-Islam, der Revolution anschließen und bald nach Tripolis kommen und die Bedingungen seiner Kapitulation verhandeln, verkündet er.

Abdelhakim Belhaj, der neue Militärchef, hat sich einen Namen bei der Befreiung der Hauptstadt Tripolis gemacht. Aber Belhaj ist schon viel länger bekannt, etwa unter dem Namen Abu Abdullah Assadaq. Denn der libysche Revolutionsheld, der heute an der Seite der Rebellen und der NATO gegen Gaddafi kämpft, diente zuvor als Befehlshaber, als "Emir" der von ihm in den Neunzigern mitgegründeten "Libyschen Islamischen Kampfgruppe" (LIFG).

Libysche Islamische Kampfgruppe

Einer Organisation, die in den 1990er Jahren von libyschen Mujaheddin gegründet wurde, die in Afghanistan gekämpft und mit einem Plan in ihr Land zurückgekehrt waren. Ziel war der Sturz Gaddafis und die Errichtung eines islamistischen Staats in Libyen. Die Gruppe soll früher von Abu Laith al-Libi kommandiert worden sein, einem hochrangigen Al-Kaida-Führer in Afghanistan. Er soll ein Trainingslager für Terroristen geleitet haben und ein wichtiges Bindeglied zwischen Al-Kaida und den Taliban gewesen sein. Al-Libi wurde 2008 durch eine US-Drohne getötet. Die USA setzte die LIFG nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als Teil der Al Kaida auf die Liste internationaler Terrororganisationen.

Von der Kampftruppe zur Bewegung für Veränderung

Laut der arabischen Zeitung "Al-Sharq al-Awsat" ("Mittlerer Osten") kämpfte Belhaj 1988 in Afghanistan gegen sowjetische Truppen und lebte anschließend in Pakistan, der Türkei, dem Sudan und in Asien. 2004 soll er in Malaysia festgenommen, von der CIA in Thailand verhört und anschließend in ein Gefängnis zurück nach Libyen ausgeliefert worden sein. Wo er genau gefangen und wie er nach Libyen gebracht worden ist, ist allerdings nicht näher geklärt.

Gaddafi, auf Kriegsfuß mit den traditionellen islamischen Institutionen und Bewegungen des Landes, hatte nach einem Aufstand der "Libyschen Islamischen Kampfgruppe" 1996 in Bengasi 1800 Mitglieder hinter Gitter bringen lassen. 2007/2008 entließ er einen Großteil wieder, nachdem sie ihrer Ideologie abgeschworen hatten.

Die weiter inhaftierten LIFG-Führer arbeiteten fortan mit Teilen der Regierung an einer neuen Ideologie. Unter dem Versöhnungsprogramm des Gaddafi-Sohns Saif al-Islam handelte Belhaj, "Emir" der Bewegung, im Gefängnis die Freilassung von verhafteten Gesinnungsgenossen aus und wurde selber im März 2010 aus der Haft entlassen. Mit Ausbruch des Bürgerkriegs in Libyen schloss sich die LIFG dem Übergangsrat der Rebellen an und verpasst sich einen neuen Namen, "Islamische Bewegung Libyens für Veränderung". Heute hat sich die Bewegung organisatorisch von der Al Kaida getrennt.

Reaktionen

Laut "Al-Sharq al-Awsat" spielte die LIFG eine Schlüsselrolle beim Sturz des Gaddafi-Regimes. Etwa 800 Mitglieder der Gruppe sollen sich auf Seiten der Rebellen unter Führung von Belhaj an den Kämpfen beteiligt haben.

Anna Murison, Islamismus-Expertin des Think-Tanks Exclusive Analysis in London, sagte gegenüber Reuters, dass das nicht als Signal für eine Öffnung gegenüber der Al Kaida in Libyen zu werten sei. Noman Benotman, Mitarbeiter des Quilliam-Think Tanks, sieht das ähnlich. Noman Benotman war selbst einer der Köpfe der militanten Libysch-Islamischen Kampfgruppe und schwor nach den Anschlägen vom 11. September dem Terror ab. Er distanzierte sich fortan in mehreren öffentlichen Briefen an die Al-Qaida-Führer von deren Zielen. Heute gilt er als einer ihrer prominentesten Kritiker und renommierter Libyen-Kenner.

Es fänden sich zwar "al Qaeda-style-Gotteskrieger" unter den Rebellen, sie stellten aber die Minderheit dar, so Benotman. "Im Gegenteil, Belhajis ‚Islamische Bewegung Libyens für Veränderung‘ haben die Idee eines neuen demokratischen Libyens akzeptiert und wollen sich im weiteren politischen Prozess in der Zeit nach Gaddafi engagieren und daran teilnehmen." Eben weil sie das demokratische System akzeptiert haben und sich heute abgrenzen von extremen Gotteskriegern wie jenen der Al Kaida, könnten sie nicht mehr als "Gotteskrieger" bezeichnet werden, sagte Benotman.

Vom Terroristen zum Demokratie-Aktivisten

US-Außenministerin Hillary Clinton erinnerte den Nationalen Übergangsrat der Aufständischen derweil daran, dass eines ihrer Bekenntnisse ein klares Ablehnen jeder extremistischen Gewalt sei. Die Rebellen selbst haben die ehemaligen LIFG-Mitglieder schon länger nicht mehr als Terroristen eingestuft. Jeder, der sich für die politische Neugestaltung des Landes einsetze, sei ein "Demokratie-Aktivist".

Der  ehemalige Afghanistan-Kämpfer Abdel Hakim Belhaj selbst versucht sich in milden Tönen: "Alle, die sich jetzt ergeben, erhalten einen fairen Prozess nach internationalen Normen", sagt er über loyale Gaddafi-Anhänger. Er glaubt, einige wichtige Köpfe der ehemaligen Regierung würden sich bald ergeben. Und Gaddafi? Unwahrscheinlich, meint Belhaj, aber würde er aufgeben, würde auch er fair behandelt werden. (fin, derStandard.at, 1.9.2011)

  • Belhaj im Interview. Screenshot Al Jazeera.
    screenshot: al jazeera

    Belhaj im Interview. Screenshot Al Jazeera.

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