Othello ist ein Weißer

Leserkommentar30. August 2011, 08:40
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Migration hat die Städte bunter, vielfältiger und unübersichtlicher gemacht und prägt alle Aspekte unserer Gesellschaft. Alle Aspekte? Nein: Einem kleinen gallischen Dorf gleich leistet eine Institution erbitterten Widerstand: Das Theater.

Versteht man Theater als Spiegel der Gesellschaft, so erinnert die Situation an einen Jahrmarkt: Der Spiegel verzerrt die Realität. In Wien haben etwa 40% der Einwohnerinnen und Einwohner einen Migrationshintergrund, doch die gesellschaftliche Realität findet sich in den Theatern nicht widergespiegelt. Schon 2006 beschrieb Hans-Christoph Zimmermann in seinem Artikel "Wer spielt den schwarzen Mann" eine auffallende Diskrepanz: "Die Theater predigen das tolerante Miteinander, während es in den Schauspielensembles kaum Darsteller mit 'Migrationshintergrund' gibt." Daran hat sich bis heute wenig geändert. Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann sprach zu Beginn seiner Intendanz von einer "gesellschaftlichen Verantwortung" des Theaters, das man als "Diskussionsforum" begreifen müsse. Doch wie soll das Theater dieser Verantwortung nachkommen, wenn nur ein Teil der Gesellschaft an der Diskussion beteiligt ist?

Postmigrantisches Theater

Gänzlich blind sind die Theaterschaffenden freilich nicht. Seit einigen Jahren wird das Thema Migration stark diskutiert und auf Tagungen wird über „interkulturelles Theater" nachgedacht. Barbara Mundel, Intendantin in Freiburg, sprach von Theatern als „soziokulturellen Zentren in der Mitte von sozial und kulturell divergierenden Stadtgesellschaften". Auch Wien hat das „postmigrantische Theater" entdeckt und Shermin Langhoff, die mit dem Ballhaus Naunystraße in Berlin das Aushängeschild dieses neuen Trends leitet, zur Festwochen Ko-Chefin berufen. Doch die Entwicklung bleibt auf der Ebene der freien Szene stehen. Die großen Häuser engagieren Migranten höchstens für spezielle Projekte - wie etwa das Volkstheater mit seinem Stück „Die Reise" -, aber der Kern der Theater, die Ensembles, bleiben unverändert.

Homogene Ensembles überall

Der Schauspieler Özgür Uludag schreibt über die Theater: "Aus einer Bunkermentalität heraus verteidigen sie ihren Kultur- und Musentempel gegen die Migranten mit fremdländischem Aussehen und weigern sich, sie dort zu integrieren." Eine Studie des Schauspielers Omar El-Saeidi bestätigt diesen Befund. Er verglich die Bevölkerungsstrukturen von zehn deutschen Großstädten mit der Zusammensetzung der Schauspielerensembles und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: "Die deutsche Theater- und Medienlandschaft ist noch auf einem Entwicklungsstand." In Österreich sieht es nicht viel besser aus: In Wien finden sich von Burgtheater bis Schauspielhaus beinahe nur Schauspielerinnen und Schauspieler mit deutscher Muttersprache. Woran liegt das?

...nur die Qualität muss stimmen

Vielfach wird die Qualität der Darsteller ins Feld geführt. Karin Beier, Intendantin in Köln, hat für ihr Ensemble dezidiert Schauspieler mit Migrationshintergrund gesucht und meinte: "Wir würden jeden engagieren, den wir gut finden! Aber es gibt da nicht so viele." Schon die Schauspielschulen werden meist nur von einer sehr begrenzten sozialen Schicht besucht. Im Sprechtheater spielt außerdem, allen neuen Theaterformen zum Trotz, die Sprache immer noch eine wichtige Rolle. Doch auch hier wird eine Scheindiskussion geführt: "Die Ausländer" leben oft in zweiter oder dritter Generation im Land und sprechen perfekt Deutsch. Außerdem könnte und müsste man andere Sprachen auch als Chance begreifen. Die Schauspielerin Melita Jurisic etwa zählte während der Intendanz von Airan Berg und Barrie Kosky zum festen Schauspielerstamm des Schauspielhauses und bereicherte mit ihrer Sprachfärbung zahlreiche Inszenierungen.

Neue Publikumsschichten

Natürlich kann es nicht um Quotenschauspieler gehen. Ein einzelner Schauspieler ist immer ein Zeichen. Wenn aber "das halbe Ensemble einen ‚migrantischen Hintergrund' hat, wird es zur Normalität", so Karin Beier. Nur so können die Sehgewohnheiten des Publikums geändert werden um das zu erreichen, was im Leitbild zur Wiener Theaterreform gefordert wird: Das erschließen neuer Publikumsschichten, insbesondere junger Menschen und "Gruppen der Gesellschaft, deren kulturelle Bedürfnisse im Kulturbetrieb bislang unterrepräsentiert sind." Dann würden migrantische Schauspieler nicht nur jene Rollen bekommen, die typischerweise mit "Ausländern" besetzt werden. Wenn schon Othello immer von Weißen gespielt wird, wird es im Gegenzug einmal Zeit für einen schwarzen Romeo. (Leser-Kommentar, Jürgen Bauer, derStandard.at, 30.8.2011)

Autor

Jürgen Bauer, geboren 1981 in Wien, ist Theaterwissenschafter und lebt in Wien.
Er ist Autor des Buches: "No Escape. Aspekte des Jüdischen im Theater von Barrie Kosky".

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