Kirchen-Streit: Gegen die Unehrlichkeit in den eigenen Reihen

Kommentar der anderen26. August 2011, 19:49
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Anstatt gegenüber Vertretern der "Pfarrer-Initiative" eine Einheit zu beschwören, die nicht mehr existiert, sollte sich Kardinal Schönborn endlich selbst für Reformen einsetzen - oder sein Amt zurücklegen - Von Anton Kolb

Die "Pfarrer-Initiative", gegründet von Helmut Schüller und Udo Fischer, der derzeit 317 Mitglieder angehören, hat einen "Aufruf zum Ungehorsam" erlassen: "Die römische Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform und die Untätigkeit der Bischöfe erlauben uns nicht nur, sondern sie zwingen uns, dem Gewissen zu folgen und selbstständig tätig zu werden." Bischof Egon Kapellari von der Diözese Graz-Seckau hat Ende Juni "klar und entschieden" dagegen Stellung genommen: Die Bischöfe und der Papst wüssten über pastorale Nöte Bescheid. Es gäbe in Wirklichkeit aber diesbezüglich "keinen Notstand (...), der einen Sonderweg der Kirche in Österreich außerhalb der Weltkirche auch nur rational rechtfertigen würde."

Kapellari betreibt eine alte, immer wiederholte, längst bekannte und weitgehend widerlegte Argumentation der Reformverweigerer. So wäre in der Kirche nie eine Reform zustande gekommen, die de facto immer "von unten" begonnen hat. Das Argument von der "Weltkirche" wird bereits zum Überdruss wiederholt. Die Identität und die Einheit der Weltkirche werden einseitig und eindeutig viel eher von Kapellari und Co, "von oben", von der Hierarchie bedroht. Die Verweigerer waren im Verlauf der Kirchengeschichte daran schuld, dass die Kirche Schaden genommen hat. Sie sollten also wenigsten post factum aus der Geschichte lernen und ihre eigenen "Verpflichtungen" gegenüber dem reformwilligen Kirchenvolk wahrnehmen, die sie sträflich vernachlässigen.

Kapellari und Co zementieren den Zentralismus sowie den Erhalt eigener Macht, kompensieren verschiedene eigene (menschliche) Mängel. Es erweist sich weder didaktisch als brauchbar, noch ist es sachlich wirklich hilfreich, dass z. B. auch vom Bischof von St. Pölten, Klaus Küng, der Gehorsam der Priester eingefordert wird. Man wird auch unfolgsamen "Kindern" nicht mit Erfolg sagen können: Sei schön gehorsam, das bist du den Eltern schuldig! So macht man Pfarrer und Gläubige zu unmündigen Kindern.

Wenn die pastorale Notsituation "sowohl den Bischöfen wie dem Papst bekannt" ist - wie Kapellari schreibt -, warum unternehmen sie dann nicht wirklich etwas Greifbares, Sichtbares und Hilfreiches dagegen? Bloße Ankündigungen und Behauptungen genügen nicht. Der bloße und übertriebene Gehorsam der Bischöfe dem Papst gegenüber genügt auch nicht, kann, soll und darf nicht als Vorbild, sondern allenfalls nur als Ausrede dienen.

Etwas verspätet hat auch Kardinal Schönborn am 7. Juli auf den "Aufruf zum Ungehorsam" geantwortet. Was ich als Kritik an Kapellari geschrieben habe, gilt auch für Schönborn, der in ähnlicher Weise wie dieser zu argumentieren versucht. Er hat, wie er selber sagt, "im Zorn und in Trauer" reagiert. Dem Leser der Aussagen Schönborns bleibt auch nur als einzige Möglichkeit, dass ihm nämlich in tiefer Trauer die Zornesröte in das Gesicht steigt. Schönborn schreibt weiter: "Mich erschüttert der offene Aufruf zum Ungehorsam." Sehr viele aber erschüttert noch viel mehr seine Uneinsichtigkeit, seine behauptete eigene Schuldlosigkeit, ja fast Heiligsprechung der eigenen Antwort, die letztlich einer Verantwortungslosigkeit gleichkommt.

"Wer das Prinzip des Gehorsams aufgibt, löst die Einheit auf." Die "Pfarrer-Initiative" hat keineswegs das Prinzip des Gehorsams aufgegeben, sondern den falsch verstandenen, überzogenen, bedingungslosen Gehorsam kritisiert. Das tut den Bischöfen weh, weil sie gerne hätten, dass man ihnen weiterhin schön brav gehorcht wie bisher, dass sie weiter "regieren" können wie bisher. Es ist biblisch und theologisch schlichtweg falsch, die "Einheit der Kirche" vom Gehorsam abhängig zu machen. Die Pfarrer haben weiters genauso wenig generell den "Ungehorsam zur Tugend erhoben." Man sollte also keinen Buhmann aufbauen, es sich nicht so leicht, zu leicht, zu bequem machen. Die "schmerzliche Verwundung der Einheit" ist Schönborn selbst zuzuschreiben.

Man verteidigt und beschwört eine "Einheit", die es ohnehin schon lange nicht mehr gibt. In der österreichischen, der deutschen wie in anderen Bischofskonferenzen gibt es auch längst keine Einheit mehr, falls es diese je gegeben haben soll. Sie sollten vielmehr gegen das Denunziantentum, insbesondere in den Reihen der Restaurativen, auftreten, anstatt es zu tolerieren, zu decken, womöglich selbst zu betreiben. Maulkörbe, Absetzungen, Unterdrückungen, Drohungen, Vertuschungen, Ausgrenzungen, Verleumdungen, Verdrängungen und Schweigen dürfen nicht weiter als legitime Machtmittel und Unterdrückungsmechanismen eingesetzt werden.

Diktatur, Diskriminierung

Es gibt leider eben auch Menschenrechtsverletzungen seitens der Hierarchie der katholischen Kirche. Gegen diese Machtmechanismen, gegen Unehrlichkeit, gegen die Wahrung des Scheines, gegen Diktatur und Diskriminierung sollten und müssten die Bischöfe auftreten, in den eigenen Reihen, auch dem Papst gegenüber, anstatt ihm Gehorsam zu geloben, und dies alles unter allen, auch unchristlichen Umständen zu verteidigen. Sie sollten lieber die Füße als die Köpfe waschen.

Die Priester haben keineswegs "aus freien Stücken, von niemandem dazu gezwungen, dem Bischof Ehrfurcht und Gehorsam (...) versprochen". Diese "Freiwilligkeit" gleicht vielmehr jener des Pflichtzölibates. "Der christliche Gehorsam ist eine Schule der Freiheit." Das gilt nicht für den Gehorsam, wie ihn Schönborn, Kapellari und Gesinnungsgenossen verstehen, sondern nur im biblischen Sinne. Schönborn schreibt: "Dem Gewissen ist immer Folge zu leisten". Er respektiert und realisiert aber diesen Satz, diese Einsicht, dieses Prinzip überhaupt nicht, was die betreffenden Pfarrer betrifft. Er zieht keine bzw. falsche Konsequenzen daraus. Beim "Aufruf" handle es sich um eine Sache, "die zu einer klaren Entscheidung drängt." Insofern ja, weil der Papst und die Bischöfe nun endlich Reformen durchführen müssen, um nicht selber weiter daran schuld zu sein, dass Geistliche ihr Amt niederlegen und Gläubige aus der Kirche austreten.

Wenn nicht schon direkt, so wirft Schönborn jedenfalls indirekt der Pfarrer-Initiative vor, "den Weg nicht mehr mit der römisch-katholischen Kirche zu gehen." Das kommt beinahe einem Hinauswurf gleich. Mir schiene es richtiger, wichtiger und besser, dass die Reformverweigerer die notwendigen Konsequenzen ziehen. Große Inszenierung, Ästhetik, Barock und Weihrauch dürfen nicht über Inhalt, Auftrag, richtige Richtung und Ziel hinwegtäuschen. Im weltlichen Bereich würde man - bei allem Respekt vor verschiedenen Leistungen - sagen: Schönborn, Kapellari und Co sollen von ihren Ämtern zurücktreten, auch deshalb, um nicht noch weiteren Schaden anzurichten und weitere Gläubige zum Kirchenaustritt zu veranlassen.

Dazu haben sie leider schon über Jahrzehnte viele Gründe geliefert. Sonst wird man sich nicht mehr lange um sie kümmern, über sie nicht einmal mehr aufregen, sondern sie einfach ignorieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.8.2011)

Autor

Anton Kolb wurde 1956 zum Priester geweiht und ist emeritierter Professor für Philosophie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Graz.

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    Mahnt die Reformer, "ihrem Gewissen Folge zu leisten": Kardinal Schönborn stößt mit seiner Haltung auf Kritik.

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