Erdöl - Lebenssaft der libyschen Wirtschaft

24. August 2011, 13:42
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Mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung Lybiens kommt aus Erdöl und Bergbau - Alte Fördermengen werden laut Experten erst 2015 wieder erreicht

Berlin - Die Wirtschaft des OPEC-Mitgliedslandes Libyen steht und fällt mit seiner Erdölproduktion. Mehr als die Hälfte des BIP erwirtschaftet Libyen mit Erdöl und Bergbau (2009: 56,5 Prozent). Der Wert der Exporte betrug im vergangenen Jahr 47,8 Mrd. Dollar (derzeit 33,1 Mrd. Euro) - und exportiert wird fast ausschließlich Öl und Gas. Zu den Hauptabnehmern zählen Nord- und Südamerika mit fast der Hälfte und die Europäische Union mit gut einem Viertel.

Die Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) wurde für 2009 auf 60,2 Mrd. US-Dollar geschätzt. Für 2010 soll sie nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei 76,6 Mrd. Dollar liegen. Libyen sei damit eines der reichsten Länder Afrikas, erklärt der Arabien-Experte der deutschen Fördergesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI), Christian Glosauer. Zum Vergleich: Österreichs Wirtschaftsleistung betrug 2010 nach Berechnungen des Weltwährungsfonds 284 Mrd. Euro.

Libyen importiert hauptsächlich Maschinen und Transportausrüstungen (2009: 53,5 Prozent), des weiteren Rohstoffe zur Weiterverarbeitung sowie Lebensmittel und lebende Tiere. Insgesamt wurden 2009 Waren im Wert von rund 22 Mrd. Dollar eingeführt, 2010 waren es 25,3 Mrd. Dollar.

Unter dem Sand

Unter dem libyschen Wüstensand liegen rund 6,3 Milliarden Tonnen Rohöl von feinster Qualität, mehr als in jedem anderen afrikanischen Land. Libyen ist völlig von dem Rohstoff abhängig; fast 98 Prozent der Exporteinnahmen und mehr als 80 Prozent des Staatsbudgets werden durch die Ausfuhr von Öl und Gas erzielt. Doch während des Bürgerkriegs ist aus dem mächtigen Strom ein dünnes Rinnsal geworden. Bei einer Kapazität von rund 1,6 Millionen Barrel pro Tag wurden zuletzt nur noch 60.000 Barrel gefördert. Österreichs OMV hatte dort vor dem Krieg 33.000 Fass pro Tag Öl produziert, ein Zehntel der Gesamtproduktion des Konzerns. Die OMV ist in Libyen an insgesamt acht Öl-Feldern beteiligt. Seit März steht die Produktion dort aber still, und bis zur Wiederaufnahme der Exporte dürften noch Monate vergehen.

"Nun muss erst einmal untersucht werden, wie stark die Förderanlagen durch den Bürgerkrieg zerstört worden sind", sagt Leon Leschus vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut HWWI. Die Informationslage ist unübersichtlich; lediglich im Osten des Landes soll es noch intakte Ölförderanlagen geben, die für rund 400.000 Barrel am Tag gut sind - ein Viertel der Kapazität. Die Internationale Energieagentur IEA erwartet, dass Libyen erst 2015 wieder so viel Öl fördert wie vor dem Bürgerkrieg.

Westliche Rohstoffinteressen

Ein wichtiges Motiv für den westlichen Militäreinsatz im libyschen Bürgerkrieg sind die Rohstoffinteressen des Westens - Vertreter der internationalen Ölkonzerne scharren bereits in den Startlöchern und führen im Hintergrund schon seit längerem Gespräche mit den Rebellen, um im Rennen um die Rückkehr nach Libyen die Nase vorn zu haben. Auch die Pipelinebetreiber und Hafenterminals brauchen aber verlässliche Ansprechpartner. Das Ölministerium und der staatliche libysche Ölkonzern NOC sind von Gaddafi-Anhängern besetzt und müssen neu organisiert werden.

Angesichts des NATO-Engagements in Libyen ist es wenig verwunderlich, dass russische Unternehmen nun befürchten, aus Libyen hinausgedrängt zu werden. "Wir haben Libyen ganz verloren", glaubt der Generaldirektor des Russisch-Libyschen Wirtschaftsrates, Aram Shegunts. Die NATO werde russischen Firmen nicht erlauben, in Libyen Geschäfte zu machen, ist er überzeugt. Gazprom, Gazprom Neft und Tatneft haben in Libyen hunderte Millionen Dollar in die Exploration von Öl- und Gasfeldern investiert, schreibt die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti. Im Februar 2011 zog Gazprom aber sein Personal aus Libyen ab. Auch der Gazprom-Partner Wintershall hat die Erdölförderung in Libyen aus Sicherheitsgründen vorübergehend stillgelegt und sein internationales Personal aus dem nordafrikanischen Land abgezogen. Die BASF-Tochter Wintershall und Gazprom sind Miteigentümer von Lizenzen für acht Erdölvorkommen in der libyschen Wüste. Die Anlagen liegen etwa 1.000 km südöstlich von Tripolis. Wintershall fördert zudem im Ölfeld Al Jurf im Mittelmeer. Die Deutschen sind seit 1958 in Libyen präsent. (APA/Reuters)

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