Café Klinik

19. August 2011, 18:22
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"In diesem Augenblick, als ich ans Ende dachte, ging das Licht an, das Krankenhaus, wie soll ich es sagen, erwachte zum Leben." Aus dem neuen Buch von Franz Schuh

Was ist das Gegenteil der Natur? Natürlich das Allgemeine Krankenhaus in Wien. Dorthin kam ich fast direkt, beinahe ohne Umwege, aus der Natur. Gewiss ist die Natur, die sich einem Menschen wie mir zugänglich erweist, bloß eine Kulturlandschaft. Aber immerhin. Ich saß am Fluss und sah nichts, gar nichts vom Fluss. Der Fluss war erst in Dunkelheit, dann in Nebel gehüllt, in jedem Fall war er unsichtbar. Ich starrte mit höchster Aufmerksamkeit auf das Unsichtbare, denn ich wartete auf einen Moment, auf den Augenblick des Übergangs von der Unsichtbarkeit des Flusses zu seiner Sichtbarkeit.

Dieser Moment, das wusste ich schon, ließ sich nicht feststellen - er war, wenn ich ihn bemerkte, immer schon vorüber. Und siehe, da war er schon wieder vorbei: Der Nebel hatte sich aufgelöst, der Fluss trat aus seiner Unsichtbarkeit hervor, und ich sagte laut dazu: Die Natur ist erwacht.

Ich hatte sie durch Wochen beim Erwachen beobachtet. Da ich nicht schlafe, höchstens ein paar Stunden und manchmal sogar am helllichten Tag, war ich der Natur für das Schauspiel ihres Erwachens dankbar. Dieses Erwachen ist, wenn man entsprechend vorgebildet ist, schöner als Fernsehen. Aber ich bin nicht vorgebildet genug, um im Erwachen der Natur mehr zu sehen, als dass es hell wird. Die Helligkeit verpflichtet die Menschen zu Fleiß und Industrie, und so war ich auch immer traurig, wenn es Tag wurde.

Am Tag wird es ernst, obwohl es auch Menschen gibt, die in der Nacht so schlecht träumen, dass sie aus dem Bett fallen oder springen und sich nicht selten verletzen. "Gestern habe ich von dir geträumt, dann bin ich, ohne zu erwachen, aus dem Bett gesprungen, fiel, und war immer noch nicht erwacht, auf die Kante meines Schreibtisches, verletzte mich schwer, und rief in einem Mix aus Halbschlaf und Hellwachheit die Rettung. Als die Rettung endlich da war, gab ich mein Wachsein auf und wurde ohnmächtig."

Im Allgemeinen Krankenhaus dachte ich gerne an die Natur und ihr Erwachen. Ich sagte zu niemandem Schellings Satz: "Die Natur schlägt im Menschen die Augen auf und bemerkt, dass sie da ist." Ich hatte den Satz für mich gehütet wie ein Geheimnis, aber dann, lange bevor Rüdiger Safranski auch damit im Fernsehen auftrat, fand ich den Satz in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht. Obwohl ich ihn auswendig weiß, beeindruckt er mich zusätzlich, wenn ich ihn lese. Ist es die Natur, die in mir die Augen aufschlägt, und was bemerke ich dabei? Sicher bin ich es, der die Neue Zürcher Zeitung aufschlägt, im Café Klinik, um mithilfe einer Lektüre über die Runden zu kommen, die der Schmerz diktiert: erste Runde, zweite Runde - über wie viele Runden der Kampf gehen wird, weiß man am Anfang noch nicht.

Am Nebentisch sitzt eine Dame; sie hat ein Glas Bier vor sich, und sie spricht in ihr Mobiltelefon. Beim ersten Anruf sagt sie: "Ja, du kannst ihr zu essen geben, was sie will. Es ist gleichgültig; sie erbricht alles." Im zweiten Anruf sagt sie das Gleiche und im dritten Anruf wieder. Die Dame mit dem Glas Bier vor sich macht einen Rundruf. Sie verständigt der Reihe nach Verwandte und Bekannte. Im sechsten oder siebten Anruf habe ich sie zusätzlich sagen hören: "Die Mutter wird sterben. Das ist sicher."

Heute sehr zeitig in der Früh hatte ich das Allgemeine Krankenhaus, dieses Gegenstück der Natur, beim Erwachen erlebt. Wenige Menschen waren in der Halle und noch weniger waren auf den Stockwerken unterwegs. Wo ich hinmusste, war ich ganz allein: Ich hatte den ersten Termin des Tages bei der Magnetresonanz (eine Untersuchung, vor der ich mich fürchtete), und ich versuchte, meine Übermüdung im Morgengrauen als Beruhigungsmittel zu benützen.

Dieses Haus in seiner Künstlichkeit kam mir plötzlich belustigend vor. Sie hatten das riesige Allgemeine Krankenhaus im Inneren so gebaut, dass es aus lauter kleinen Einheiten, aus little boxes, bestand; sie wollten sich die Illusion der Übersichtlichkeit nicht nehmen lassen. Die Boxen hatten verschiedene Farben, vor allem das Orange ging mir auf die Nerven. Auf jeder Box stand die bedeutungsvolle Funktion geschrieben, die sie für das Ganze der Heilkunde übernommen hatte.

Alles lag in einem Halbdunkel, und ich konnte Gott sei Dank nicht genau lesen, welche medizinischen facilities (Hilfen, Hilfsmittel, Anlagen, Ausstattungen, Einrichtungen, Gelegenheiten, Gerätschaften) ich hier passierte. Ich schleppte mich meinen Weg entlang, durch die verlassenen Gänge, während ich dachte, die englische Sprache schafft das mit einem Wort. Aber führt alles auf einmal nicht zu Ungenauigkeiten, zu Verwischungen?

Das Fußballer-Doppelpack, Meniskusriss und Muskelriss, war meine Diagnose. Dabei spiele ich schon seit vierzig Jahren nicht mehr Fußball. Anerkennend hatte der Professor, der mich als Erster untersuchte, gesagt: "Sie können ja kaum einen Schritt tun." Jetzt, in der Krankenhausdämmerung, tat ich einen Schritt nach dem anderen, und es tat sehr weh, und nach jedem Schritt tat es noch mehr weh. Unterwegs befragte ich mich selbst, ob ich von der Vorstellung zu verführen wäre, mich in eine der Kojen zu legen, einen noch größeren Schmerz als den eines Muskelrisses durchzustehen und schließlich adieu zu sagen.

Was denkt man denn, wie viele Leute, die hier zu Bett liegen, werden an diesem Morgen nicht mehr erwachen? Der erste Tag eines Lebens, an dem es mit dem Erwachen aus ist. Man könnte sagen, "einwenden", dass viele an so einem Morgen entlassen werden: geheilt entlassen. Aber das, dachte ich, spielt sich in einer anderen Welt ab: Das Ende ist mit dem Weitermachen nicht kompatibel. In diesem Augenblick, da ich ans Ende dachte, gingen die Lichter an, das Krankenhaus, wie soll ich es sagen, erwachte zum Leben. Eine Putzbrigade und ein paar Ärzte in Turnschuhen kamen mir entgegen. Wie Geschosse aus dem All schossen die, die gut bei Fuß waren, an mir vorüber.

Ich saß schon wieder, allein, es war noch zu früh für den Betrieb in seiner ganzen Gewalt. Die Box (war es eine orangene?) tat sich auf; sie holten mich ab, um mich in die Maschine zu schieben. Es ging um meine ultimative Durchleuchtung. Das ist doch wie im Tonstudio, dachte ich, wo ich einmal im Monat eine Glosse über das Glück aufnehme: Ich führe mich vor dem Mikrofon auf, und draußen - hinter einer Glaswand - sitzen ein Techniker und ein Redakteur, denen mein Glück schnuppe ist.

Während der Apparat mein Inneres fotografierte, kontrollierte die medizinische Mannschaft - hinter einer Glaswand - den Vorgang rein technisch. Was hatte ich denn erwartet? Zum Glück war es bei mir das Bein, das rechte Bein: Wenn es das Bein ist, schieben sie dich nicht mit dem Kopf voran in die Röhre, die dich dann wie ein erpresserischer zweiter Leib umschließt. Ich lag mit dem Bein voran in der Röhre, der Kopf war draußen: "in der Wirklichkeit", und nicht hinter der am Ende eng werdenden, sich verjüngenden Röhrenausbuchtung. Einer von der medizinischen Mannschaft hatte mir eine Menge Beruhigungstropfen eingeflößt. Beruhigt-beunruhigt schloss und öffnete ich die Augen, die Maschine ratterte beim Durchleuchten bösartig, mein Blick fiel auf das Etikett, auf die Marke der Maschine: Hm, dachte ich, die Firma erzeugt ja auch Unterhaltungselektronik. Die Welt ist klein, alles liegt eng beisammen, mein Fernseher ...

Denen da draußen, die von meinem Inneren mehr mitbekamen als ich, hätte ich in meiner beengten Lage gern die folgende Geschichte aus meinem Leben erzählt: Ich weiß nicht, wie alt ich damals war, ich weiß nur, dass ich vollkommen gesund war und dass jedes Erwachen in der Früh einen Einschnitt wie Tag und Nacht bedeutete; es war also damals anders als heute, da die Schlaflosigkeit kaum einen Unterschied zur Verschlafenheit zulässt, mit der ich meistens am Tag - für die anderen - Wachheit vortäusche, genug Wachheit, damit sie glauben können, ich höre, was sie sagen, und ich tue, was sie verlangen. So wird das Leben zur Alterserscheinung.

Aber als ein neuer Mensch erwachen, jeden Morgen, das heißt Jugend. In meiner Jugend, und ich habe nicht die geringste Ahnung, warum, blieben mir ein paar Sätze Nietzsches hängen. Ausgerechnet, als ich gesund war und selbstverständlich auf die Fortsetzung dieses Zustands setzte, grub sich in mein Gedächtnis eine Passage vom Taumel der Genesung ein, vom Glück eines Erwachens aus dem Schmerz, dessen Tyrannei man als Kranker mit dem ebenso tyrannischen Stolz begegnete, aus ihm keine Folgerungen für das Leben überhaupt zu ziehen. Aber dann diese Augenblicke der Befreiung, das Ende der Tyrannei, Gesundheit und Hoffnung und schließlich bei Nietzsche auch eine Naturmetapher, die Beschwörung eines plötzlichen Gefühls und Vorgefühls "von wieder offenen Meeren". (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 20./21. August 2011)

 

Dieser Text ist ein Vorabdruck aus dem "Krückenkaktus", dem neuen Buch von Franz Schuh. Die "Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod" (Untertitel) erscheinen Ende August im Verlag Zsolnay (€ 19, 90 / 256 Seiten.). Schuh, 1947 in Wien geboren, ist einer der renommiertesten österreichischen Gegenwartsschriftsteller. 2006 wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, 2009 mit dem Tractatus, dem Preis des Philosophicum Lech.

  • "In mein Gedächtnis grub sich eine Passage vom Taumel der Genesung ein, 
vom Glück eines Erwachens aus dem Schmerz": Franz Schuh.
    foto: standard/heribert corn

    "In mein Gedächtnis grub sich eine Passage vom Taumel der Genesung ein, vom Glück eines Erwachens aus dem Schmerz": Franz Schuh.

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