Indiens "großer Bruder" fastet für Gerechtigkeit

18. August 2011, 18:43
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Anna Hazare kämpft mit Gandhis Methoden gegen Korruption

"Zuerst ignorieren sie dich. Dann lachen sie über dich. Dann bekämpfen sie dich. Und dann gewinnst du." Dieses Mahatma Gandhi zugeschriebene Zitat könnte auch das Leitmotiv von Kisan Baburao Hazare sein. Der heute 74-Jährige bekämpft die in Indien weitverbreitete Korruption mit gewaltlosen Mitteln - etwa mit Hungerstreik.

"Anna" (großer Bruder), so nennen ihn seine Anhänger, wird längst nicht mehr ignoriert: Wenn der 1937 in der Provinz Maharashtra geborene Hindu auftritt, dann stehen Massen hinter ihm, und die Regierung muss mitunter klein beigeben. Das geschah so im April, als er ein "Fasten bis zum Tod" androhte und die Zusicherung der Regierung zu einem schärferen Anti-Korruptions-Gesetz erreichte. Doch die neue Verordnung sei "zahnlos" - prompt wollte Hazare Anfang der Woche sein "Todesfasten" wieder aufnehmen und erreichte auch jetzt wieder Zugeständnisse. "Egal, ob die Leute arm oder reich sind, sie alle sind sehr verärgert und haben die Nase voll von Korruption" , erklärte Hazare kürzlich in einem Interview.

Der Junggeselle zeigt sich stets als gutmütig, tritt dabei aber auch sehr selbstbewusst auf. Dieses Selbstbewusstsein resultiert nicht zuletzt aus dem Rückhalt, den er von seinen zehntausenden Anhängern zu spüren bekommt. Sie organisieren sich über Facebook und Twitter, um ihn zu unterstützen. Aus diesem Momentum heraus resultiert auch der politische Einfluss, der ihm zugeschrieben wird: Die Daily News and Analysis zählt ihn zu den 50 einflussreichsten Menschen im Land.

Seine "Berufung" kam im Krieg Indiens gegen Pakistan: 1965 überlebte er mit knapper Not einen Angriff. Nach eigenen Angaben war dies der Moment, in dem "ich beschloss, dieses Leben in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen" .

1975 verließ Hazare die Armee und verschrieb sich dem Kampf gegen Alkoholismus, Armut und Ungerechtigkeit. 1991 gründete er die "Volksbewegung gegen Korruption" und ist seitdem ein Begriff für gewaltlosen Aktionismus im Dienste der Schwachen.

Doch Hazares Einstellung zu Frieden und bedingungsloser Gewaltlosigkeit ist nicht unumstritten: So soll er im persönlichen Umfeld durchaus zu autoritären, harten Maßnahmen greifen - und bei mehr als einer Gelegenheit rief er auf, Jagd auf korrupte Politiker zu machen und sie "aufzuknüpfen" . Hazares Anhänger tun solche Berichte allerdings stets als gezielte Desinformationen ab. (Gianluca Wallisch/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2011)

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