Jugendgewalt als "politische Aussage"

Kolumne12. August 2011, 17:59
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In Österreich driften pro Jahr rund 4000 bis 5000 Jugendliche in die Erwerbslosigkeit ab, weil sie die Schule abbrechen, keine Lehrstelle antreten und so einfach vom Radar verschwinden

Zunächst nur ein kleiner Exkurs zu den Erklärungsversuchen der Vorgänge in England. Die Schule des "Es gibt keine individuelle Verantwortung, sondern die Gesellschaft ist schuld" ist in voller Blüte. Neben vielen anderen Vertretern diese Denkschule meint ein Stefan Gärtner vom European (Gastkommentar auf derStandard.at): "Was nun aber, wenn Diebstahl eine politische Aussage ist?." Das kann man fortführen: Was nun aber, wenn das Tottreten eines alten Mannes, der das gelegte Feuer löschen will, eine politische Aussage ist? Und tätigten nicht auch die SA-Leute, die jüdische Geschäfte plünderten und deren Besitzer totschlugen, eine politische Aussage? Schließlich stammten die Jungnazis fast durchwegs aus der Unterschicht, waren arbeitslos und voll sozialer Empörung gegen das Establishment. Ähnliches gilt übrigens auch für die Selbstmordattentäter, die sich im Nahen Osten in Kindergärten oder auf Märkten in die Luft sprengen.

Aber wenn man will, dann haben auch die jungen Männer mit Baseballschlägern, die Türken, Kurden, Pakistanis, Chinesen, die ihre kleinen Nachbarschaftsgeschäfte gegen die "Hools" verteidigten, "eine politische Aussage" getroffen: Wir haben uns etwas aufgebaut, und das lassen wir uns nicht zerstören.

Inzwischen weiß man, wer in allen Gesellschaften, ob in den reichen des Westens oder den armen des arabischen Raums, das größte Gewaltpotenzial hat: junge Männer ohne Arbeit, Bildung und Zukunftsperspektive (wozu die Aussicht, eine Frau zu finden, gehört).

Von diesem Punkt aus müssen wir unsere pragmatischen Schlüsse ziehen. In Österreich entsteht derzeit eine permanente Unterschicht, hauptsächlich bestehend aus den Kindern von Migranten, die in der Schule nichts lernen bzw. die Schule abbrechen und die null Chancen auf einem Arbeitsmarkt haben, in dem immer mehr die Qualifikation zählt.

Die österreichische Schule des Sozialinterventionismus versucht hier gegenzusteuern, allerdings erst auf der sozusagen zweiten Stufe. Man nimmt sich der Jugendlichen an, wenn sie schon in der Schule nichts gelernt haben. Die Aktion "Mentoring für MigrantInnen" etwa (von AMS, Wirtschaftskammer und Integrationsfonds) gibt den desorientierten Jugendlichen Ansprechpartner und ein Netzwerk. Das Sozialministerium verweist darauf, dass in Großbritannien 4,4 Prozent der Arbeitslosen von Arbeitsmarktpolitik profitieren, in Österreich 75 Prozent. Das mag man "in Schulungen verstecken" nennen, aber dort zünden sie nichts an.

Das genügt aber nicht. 4000 bis 5000 Jugendliche pro Jahr, die nicht ins Erwerbsleben kommen, sind zu viel. Die Kombination aus schlechten Schulergebnissen und schwindenden Jobmöglichkeiten in der Industriewelt ist tödlich. Unser österreichischer Sozialinterventionismus fängt da einiges ab, aber allein ist das zu wenig. (DER STANDARD, Printausgabe, 13./14./15. August 2011)

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