Hundeliebhaber machen gegen Giftköder mobil

11. August 2011, 10:33
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Über die Initiative "giftwarkarte.info" werden Hundebesitzer vor Giftködern gewarnt, das Veterinäramt kann keine Zunahme erkennen

Es ist der Alptraum eines jeden Hundebesitzers: Der geliebte Vierbeiner sammelt beim Gassigehen ein vermeintliches Leckerli vom Boden auf, das von einem Hundehasser vergiftet wurde. Frisst der Hund den Köder, kann dies tödlich für ihn enden. 

"Es gibt in letzter Zeit definitiv ein verstärktes Aufkommen von Giftködern in Ballungszentren, wie zum Beispiel Wien, Graz oder Linz", sagt Michael Hillinger. Er ist Mitinitiator der Initiative "giftwarnkarte.info". Diese ist im Mai 2011 aus einer Facebook-Gruppe entstanden, zu der sich besorgte Hundehalter zusammengeschlossen haben, um sich gegenseitig vor ausgelegten Giftködern zu warnen.

Auch Johanna Stadler, Geschäftsführerin von Vier Pfoten Österreich, kann diese Beobachtungen bestätigen. "Der Hass gegen Heim- und Haustiere wächst auf jeden Fall an."

Mobile Giftwarnkarte über Smartphone

"Als wir gemerkt haben, dass es immer mehr besorgte Hundebesitzer gibt, haben wir eine Karte angefertigt, auf welcher die Gefahrenzonen gekennzeichnet sind", erzählt Hillinger. Hundehalter können nun auf Google Maps melden und nachsehen, wo Gifte und Köder ausgelegt wurden. Die Giftwarnkarte gibt es auch als App für sämtliche Smartphones. Damit kann man unterwegs prüfen, wo eine Gefahr für Vierbeiner besteht.

"Eine meiner größten Befürchtungen ist, dass irgendwann ein Kleinkind einen Giftköder schluckt. Nicht auszudenken, was dann los ist", skizziert Hillinger ein noch dramatischeres Szenario. Darum wolle man nicht nur Hundebesitzer, sondern auch Eltern von Kleinkindern mit derartigen Meldungen warnen.

Warnungen werden überprüft

"Die meisten Meldungen erreichen uns über Facebook und Twitter", erklärt Hillinger. Die eingehenden Warnungen würden aber vor der Veröffentlichung noch von Mitarbeitern der Initiative überprüft. Dabei werde auch immer bei der Polizei und dem Veterinäramt nachgefragt, ob eine Anzeige vorliege.

Zudem arbeitet die Initiative mit Tierärzten zusammen, die mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Zusammenarbeit mit der Polizei und den Behörden funktioniere hingegen noch nicht nach Wunsch, wie auch Vier-Pfoten-Geschäftsführerin Stadler bestätigt: Bisher sei nur wenig bis gar keine Unterstützung angeboten worden.

Auf der Website giftwarkarte.info wird aber nicht nur vor Giftködern gewarnt, sondern auch auf Gefahren hingewiesen, die im Haushaltsbereich lauern: So könnten etwa unachtsam ausgelegte Pestizide oder Insektizide ebenfalls schädlich für Haustiere sein. Vorsicht sei im Umgang mit Schneckenkorn oder Rattengift geboten. Obwohl Schneckengift als ungefährlich für Haustiere gekennzeichnet sei, könne der Verzehr für ein Haustier tödlich enden. Auch bei Rattengift drohe Ähnliches: zum Beispiel wenn das Gift aus einer Rattenbox auf den Boden falle und Hunde durch den süßlichen Duft angelockt würden.

Tipps für Hundehalter

Um mögliche Gefahrenquellen zu minimieren, werden Hundebesitzer dazu aufgefordert, ihrem Vierbeiner in Gebieten bei bereits bestehender Giftköderwarnung unbedingt einen Beißkorb anzulegen. Zudem sollten Herrchen und Frauchen bei Spaziergängen ihren Hund stets im Auge behalten. Schnappt der Hund etwas vom Boden auf, sollte man nicht gleich mit einem strengen "Aus!" drohen, sondern dem Hund andere Nahrung zum Tausch anbieten. Dieses Verhalten würde jedoch Übung erfordern, so Hillinger. Und im Falle eines Vergiftungsverdachts sollte man als Hundebesitzer umgehend einen Tierarzt aufsuchen und den Vorfall bei einer Behörde melden.

Giftköder seien keine Einzelfälle

Die Anzahl der Meldungen zeige laut Hillinger, dass es sich bei Giftködern nicht um einzelne Fälle handle. Seit Mai verzeichnet die Plattform bereits über 170.000 Zugriffe und es werden immer mehr. Pro Monat werden ungefähr 15 bis 20 Meldungen veröffentlicht. 

Wobei die Initiative mittlerweile auch länderübergreifend arbeitet. Tierfreunde aus Deutschland und der Schweiz geben ebenfalls Meldungen bekannt. Hillinger vermutet, dass die Dunkelziffer viel höher sei. Darum appelliert er, die Behörden bei jedem Giftköderfund zu verständigen.

Nur selten Anzeigen

Allerdings würden sich Hundebesitzer nur selten an die Polizei wenden: "Es gibt fallweise Anzeigen. Das sind aber nur Einzelfälle. Es ist nicht so, dass es einen Täterkreis gäbe, der zu untersuchen wäre", sagt Camellia Anssari, Pressesprecherin der Bundespolizeidirektion Wien.

Josef Ferber, stellvertretender Leiter des Veterinäramts Wien (MA 60), gibt im Gespräch mit derStandard.at an, dass ihm kein Fall einer gezielten bösartigen Vergiftung bekannt sei. Man habe viele Plätze untersucht, aber bisher keine Anzeichen für präparierte Köder gefunden.

Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten hingegen habe andere Erfahrungen gemacht, wie Geschäftsführerin Stadler versichert: "Wir haben selbst Köder gesucht und auch welche gefunden. Diese lassen wir dann im Labor testen. 99% der verdächtigen Funde sind leider tatsächlich vergiftet."

Tierquälerei als Sachbeschädigung

"Die Tierfeinde schlagen willkürlich und ohne Vorwarnung zu. Sie haben keinen Respekt vor dem Leben", vermutet Hillinger. Was die Hundefeinde dazu bewege, Giftköder auszulegen, wisse er aber nicht. "Wenn Hundehalter den Kot ihrer Tiere nicht wegräumen, ist die Bevölkerung klarerweise verärgert. Ein Problem sehe ich auch in der medialen Berichterstattung über Hunde. Da werden oft die Emotionen hochgetrieben. Ich würde mir auf jeden Fall mehr aufklärende Artikel wünschen", so Hillinger.

Diese Entwicklung kann auch Johanna Stadler bestätigen: "Durch die Diskussion und Medienberichterstattung über Listenhunde (vulgo Kampfhunde Anm.) ist die Angst vor Hunden  sicher gesteigert worden." Jedoch seien auch die Hundebesitzer gefordert, so Stadler: "Man sollte sich vorher genau überlegen, was es heißt, einen Hund zu halten."

Ein weiteres Problem sieht Hillinger darin, dass Tiere laut Gesetz als Sache und nicht als Lebewesen gelten. Ein Anschlag auf ein Tier wird juristisch als Sachbeschädigung behandelt. "Wenn man die Gesetzeslage ändern würde, hätten die Tierfeinde aus Angst vor höheren Strafen wohl mehr Skrupel", so Hillinger. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 11.8.2011)

  • Solche Giftköder wurden zwar noch nicht gefunden, werden aber von der Plattform giftwarkarte.info verwendet, um auf die Problematik hinzuweisen.
    foto: www.giftwarkarte.info

    Solche Giftköder wurden zwar noch nicht gefunden, werden aber von der Plattform giftwarkarte.info verwendet, um auf die Problematik hinzuweisen.

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