Kränkliche Gesundheits-PR

Leserkommentar2. Oktober 2012, 13:14
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Die Gesundheitsredaktion von derstandard.at veröffentlicht häufig Berichte, über etwas das sich selbst als Alternativmedizin, Komplementärmedizin oder Integrative Medizin bezeichnet. Was all diese Berichte verbindet, ist das völlige Fehlen von Kritik

Es ist überhaupt kein Problem, positive Berichte über Wünschelrutengeher, Astrologen oder den Aderlass zu schreiben. Die Kunst besteht einfach nur darin, ein paar Kleinigkeiten wegzulassen.

Beispielsweise die Kleinigkeit, dass es nicht funktioniert. Genau so schaut die Berichterstattung im Gesundheitsressort von derstandard.at aus. Anthroposophie, Homöopathie - am besten in Verbindung mit TCM (oder umgekehrt), alles hat Platz und nichts ist absurd genug, um sich wenigstens einen Warnhinweis zu verdienen. Stattdessen werden Klischees gedroschen, Anekdoten erzählt und ein wenig wird die Schulmedizin gemobbt. Dass es keine "Schulmedizin" gibt, wird nicht erklärt. Was schade ist, denn das Wort "Schulmedizin" ist als Schimpfwort eingeführt worden, in Wirklichkeit gibt es nur Medizin, die wirkt und welche, die es nicht tut. Und aus irgendeinem Grund, darf letztere immer laut nach einem Dialog schreien. Wie viel Sinn ein solcher Dialog macht, formuliert unter anderem Poster Potator sehr treffend: "Genau so gut könnte man einen Dialog zwischen 
Anhängern der Vorstellung, dass die Erde eine Scheibe ist und modernen Astronomen anstreben. Vielleicht gelangt man dann zur Einsicht, dass die Erde in Wahrheit eine Halbkugel ist."

Mechanismen der Selbsttäuschung

Die diversen Darsteller müssen sich nie kritische Fragen gefallen lassen. Egal, ob der Shiatsu-Mensch über Meridiane fantasiert oder die Ayurveda-Tante behauptet, dass mit dem Wohlstand in Sri Lanka auch die Krankheitsfälle mehr geworden sind, niemand muss sich vor Fragen fürchten, jede Behauptung wird genommen wie sie ist. Doppelblindstudien und Metastudien werden nicht als Qualitätskriterien dargestellt, sondern als blindes Dogma, die persönliche Erfahrung ist das Um und Auf. Dass man damit sämtlichen Mechanismen der (Selbst-)Täuschung Tür und Tor öffnet, scheint sich in der Redaktion noch nicht herumgesprochen zu haben. Die Leser werden sich schon informieren, wenn es die Journalisten schon nicht tun, oder wie?

Angenehmer weise machen die Leser das zum Teil wirklich und mit schöner Regelmäßigkeit liefern Poster jene Informationen, die eigentlich essentieller Bestandteil der Berichterstattung sein sollten. Beispielsweise die Kleinigkeit, dass das Zeug nicht wirkt.

PR statt Journalismus

Medizin ist eine komplexe Sache; wenn selbst unzählige Ärzte in Ermangelung wissenschaftlicher Grundkenntnisse auf haarsträubenden Unfug setzen, Universitäten Lehrgänge fern jeder Wissenschaftlichkeit anbieten und die Ärztekammer mit zahlreichen fragwürdigen Diplomen ihren Mitglieder zu mehr Geld verhelfen will, dann ist der Job des Journalisten nicht immer einfach. Aber das echte Drama ist, dass ausgerechnet beim Online-Standard, den ich doch eigentlich so gerne lese, der Job nicht einmal versucht wird. Bei allem, was nach "alternativ" riecht, findet hier kein Journalismus statt, sondern nur PR. Ob das aus mangelnder Kompetenz, Schlampigkeit, Ideologie oder Feigheit vor den Lesern passiert, kann so lange diskutiert werden, wie die Gesundheitsredaktion ihre Werbelinie beibehält.

Achtung vor Lobbyismus

Einen zweifelhaften Erfolg hat sie bereits erzielt: Die Gesundheitsredaktion von derStandrad.at wurde vier Mal für das "Goldene Brett" (www.goldenesbrett.at) nominiert und mussten sich nur vier heimischen Kandidaten geschlagen geben die öfter eingereicht wurden. Die Leserschaft kritisiert, dass die Onlineplattform einer Zeitung durch nur einen einzigen Klick in einen Märchenblog umgewandelt werden kann, während sonst journalistische Standards eingehalten werden. (Leser-Kommentar, Jörg Wipplinger, derStandard.at, 8.8.2011)

Die hochgehaltene Therapiefreiheit setzt voraus, dass seriöse, unabhängige Aufklärung als Basis dient. Auch, oder gerade, im Bereich Gesundheit muss Journalismus als vierte Gewalt verankert sein ohne sich zur fünften Gewalt, dem Lobbyismus, umzudrehen.

Noch eine persönliche Anmerkung: Wer Kritik an wirkungslosem Zeug aller Art übt, muss mit Feindschaft rechnen. Das ist in gewisser Hinsicht seltsam, schließlich ist die Kritik nichts anderes als der Versuch, Menschen nicht blindlings in mitunter gefährliche Fallen tappen zu lassen.

Autor

Mag. Jörg Wipplinger, MA , Web: http://diewahrheit.at

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