Die Frau ohne Fingerabdrücke

5. August 2011, 18:05
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Schweizerin bekam 2007 Probleme bei Einreise in die USA - Forscher finden genetische Ursache für Adermatoglyphie

Tel Aviv / Wien - Sie sind der Grund dafür, warum nicht ganz blöde Verbrecher seit 1897 Handschuhe verwenden. In diesem Jahr überführte Scotland Yard nämlich erstmals einen Täter mittels seiner Fingerabdrücke.

Dass die Abbilder der unscheinbaren Papillarleisten sich so gut zur Identifizierung von Personen eignen, hat einen einfachen Grund: Auf der ganzen Welt gibt es keine zwei Menschen mit identischen Fingerabdrücken. Selbst jene von eineiigen Zwillinge weisen Unterschiede auf.

Ausgebildet wird die Papillarleistenkonfiguration in den ersten 16 Wochen der Embryonalentwicklung in der Gebärmutter. Ab dem vierten Schwangerschaftsmonat sind die komplexen Formen der Dermatoglyphen auf den Fingern, Zehen, Hand- und Fußballen bis zum Tode festgelegt.

Bei ganz wenigen Personen auf diesem Planeten ist die Sache allerdings anders. Einer dieser Ausnahmepersonen ist eine Schweizerin, die 2007 in die USA einreisen wollte. Das Foto im Reisepass passte zwar perfekt zum Gesicht. Dennoch gab es Probleme: Die Frau konnte keine Fingerabdrücke produzieren. Wie sich herausstellte, leidet die heute rund 30-jährige Schweizerin an Adermatoglyphie (ADG). Der israelische Dermatologe Eli Sprecher, der auf den Fall aufmerksam wurde, gab dem seltenen Leiden einen eingängigeren Namen: "Einwanderungsverzögerungskrankheit".

Sprecher und seine Kollegen gingen der Sache weiter nach und fanden heraus, dass in der Familie der Schweizer Frau neun Mitglieder an der Krankheit litten. Das wiederum legte nahe, dass die Krankheit, die zudem noch für eine geringere Zahl an Schweißdrüsen sorgt, erblich ist.

Die Forscher erbaten sich also DNA-Proben von Familienmitgliedern mit und ohne ADG und sequenzierten das Material. Nach langem Suchen fand Doktorandin Janna Nousbeck den "Schuldigen": Das Gen Smarcad1 war bei den betroffenen Familienmitgliedern so mutiert, dass es das entsprechende Protein nicht bilden konnte, berichten die Forscher im "American Journal of Human Genetics". Das nächste Ziel von Sprecher liegt buchstäblich auf der Hand: Mehr darüber herauszufinden, wie das Protein die Papillarleisten bildet. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7. 8. 2011)

  • Kein Trick der Bildbearbeitung: Diese Finger haben wirklich keine 
Papillarleisten.
    foto: nousbeck/e. sprecher

    Kein Trick der Bildbearbeitung: Diese Finger haben wirklich keine Papillarleisten.

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