Was die Welt zu bieten hat

5. August 2011, 17:11
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Der US-Künstler Joe Brainard war erst 29 Jahre alt, als er seine Memoiren "I remember" schrieb - Als "brüllend komisch und tief bewegend" beschreibt sie Paul Auster

Ich kann mich nicht erinnern, wie oft ich I Remember gelesen habe. Entdeckt hatte ich das Buch 1975, kurz nach seinem Erscheinen, und in den letzten Jahrzehnten bin ich immer wieder darauf zurückgekommen, insgesamt vielleicht achtmal. Der Text ist nicht lang (nur 138 Seiten in der Originalausgabe), umso erstaunlicher ist es, dass ich jedes Mal, wenn ich Joe Brainards kleines Meisterwerk aufschlage, das merkwürdige Gefühl habe, es zum ersten Mal in der Hand zu halten. Abgesehen von ein paar unvergesslichen Passagen, sind mir dann beinahe alle, auf den Seiten von I Remember festgehaltenen Erinnerungen wieder entfallen. Es gibt einfach zu viele Details, und zu viel Leben steckt in Brainards ständig sich verschiebender, wirbelnder Collage von Erinnerungen, um im Gedächtnis einer Person über längere Zeit Platz zu finden, und deshalb erinnere ich mich zwar an viele Einträge, wenn ich auf sie stoße, an viele aber nicht. Das Buch bleibt neu und fremd und immer überraschend - I Remember ist zwar ein schmales Bändchen, aber unerschöpflich. Es ist eines dieser seltenen Bücher, die einen ein Leben lang bereichern.

Brainard, ein äußerst produktiver bildender Künstler und bis dato Gelegenheitsschriftsteller, stieß im Sommer 1969 auf das ebenso einfache wie geniale Kompositionsschema von I Remember. Er war erst siebenundzwanzig, aber hochbegabt und trotz seiner jungen Jahre ein vollendeter Künstler, eine Art frühreifer "boy artist", der schon als Student in Tulsa, Oklahoma, seine Arbeiten ausgestellt und viele Preise gewonnen hatte. Noch vor seinem zwanzigsten Geburtstag war er in Manhattans Lower East Side gelandet, und 1969 gehörte er bereits zu den Veteranen der New Yorker Kunstszene, bekannt durch mehrere Einzelausstellungen und zahlreiche Gruppenausstellungen sowie durch die Cover, die er für Dutzende kleinerer Literaturzeitschriften und Lyrikbände gestaltet hatte. Dazu kamen Bühnenmalereien für Theaterstücke von LeRoi Jones und Frank O'Hara und die (meist äußerst komischen) Comicstrips in Zusammenarbeit mit einer langen Liste von befreundeten Poeten. Collagen, große und kleine Assemblagen, Zeichnungen und Ölbilder - sein Werk war vielfältig, er produzierte unablässig und obendrein fand er auch noch Zeit zu schreiben. Vor seinem überraschenden Durchbruch 1969 hatte Brainard Gedichte, Tagebücher und kurze Prosastücke in mehreren von der New York School herausgegebenen Literaturmagazinen und Fanzines veröffentlicht und auch schon seinen eigenen Stil entwickelt - charmant, augenzwinkernd, unprätentiös, transparent und häufig die Grammatik missachtend. Die-se Eigenschaften zeichnen auch I Remember aus, nur dass er hier beinahe zufällig auf ein Ordnungsprinzip gestoßen war, das seiner Prosa eine ganz andere Dimension verlieh.

Mit seiner ihm eigenen Leichtigkeit und Klarsicht beschreibt Brainard in einem im selben Sommer verfassten Brief an die Lyrikerin Anne Waldmann die Hochstimmung, in die ihn sein neues Projekt versetzte: "Ich bin völlig überwältigt von diesem Stück Prosa, an dem ich gerade schreibe. Ich fühle mich wie Gott, der die Bibel schreibt. Es ist, als würde ich nicht selbst schreiben, aber es würde wegen mir geschrieben. Und ich habe das Gefühl, dass es jeden genauso betrifft wie mich. Das gefällt mir. Ich meine, ich kann mich in jeden hineinversetzen. Kein schlechtes Gefühl. Es wird nicht anhalten. Aber ich genieße es, solange ich kann."

I Remember ... das Prinzip erscheint so offensichtlich, so selbstverständlich, so grundlegend und auch so uralt wie eine Zauberformel, die seit der Erfindung der Schrift bekannt ist. Man schreibe die Worte 'Ich erinnere mich', gehe einen Moment in sich, damit der Geist sich öffnen kann, und schon wird man sich zwangsläufig erinnern, und zwar so deutlich und detailliert, dass man erstaunt ist. Inzwischen wird diese Methode in allen Kursen für kreatives Schreiben angewandt, bei Kindern, Studenten oder Senioren, und immer mit dem Ergebnis, dass längst vergessene Einzelheiten einer gelebten Erfahrung an die Oberfläche kommen. Siri Hustvedt schreibt in ihrem vor kurzem erschienenen Buch Die zitternde Frau oder Eine Geschichte meiner Nerven: "Joe Brainard entdeckte eine Gedächtnismaschine."

Aber wenn man diese Maschine entdeckt hat, wie benutzt man sie? Wie bändigt man die Erinnerungen, die durch einen hindurch in das Kunstwerk strömen, wie macht man ein Buch daraus, das auch andere und nicht nur einen selbst anspricht? Seit 1975 haben viele ihre eigene Version von I Remember geschrieben, aber keiner hat es auch nur annähernd geschafft, den Geist von Brainards Original zu kopieren; über das rein Private und Persönliche so hinauszugehen, dass es ein Stück über jeden wird - wie alle großen Romane jeden von uns spiegeln. Es scheint mir, dass Brainards Geheimnis das Zusammenspiel verschiedener Kräfte ist, die über das ganze Buch hinweg wirken: die hypnotische Macht der Beschwörungsformel; die Ökonomie der Prosa; der Mut des Autors, private Dinge (meist sexueller Natur) zu enthüllen, die die meisten von uns schamhaft verschweigen würden; das Auge des Malers für Details; die Gabe des Geschichtenerzählens; das Widerstreben, über andere zu urteilen; die innere Wachsamkeit, der Mangel an Selbstmitleid, die Modulation des Tons, der mal geradeaus, mal poetisch ist. Und getragen wird dies alles von dieser äußerst komplexen (und äußerst ansprechenden) musikalischen Struktur des Buchs in seiner Gesamtheit.

Mit Musik meine ich Kontrapunkt, Fuge und Wiederholung, das Verweben unterschiedlicher Stimmen in diesen knapp tausendfünfhundert Einträgen des Buches. Ein Thema wird für kurze Zeit aufgenommen, fallengelassen und dann wieder aufgegriffen, vergleichbar mit einem Horn, das für ein paar Augenblicke in einem Orchesterstück ertönt, um von einer Violine abgelöst zu werden, die einem Cello weicht, bis das Horn, beinahe schon vergessen, plötzlich wieder zurückkehrt. I Remember ist ein Musikstück für mehrere Instrumente und unter den verschiedenen Saiten- und Holzblasinstrumenten, die Brainard in seiner mäandernden, stets wechselnden Komposition einsetzt, befinden sich:

Familie (mehr als 70 Einträge), zum Beispiel: "Ich erinnere mich an meinen Vater im Ballettröckchen. Als Ballerina in einem Varieté-Spektakel in der Kirche." ... Ich erinnere mich, dass mir Vater zu förmlich vorkam, und Daddy sowieso nicht zur Diskussion stand, während Dad zu gewollt-locker klang. Da es aber das geringste von drei Übeln zu sein schien, entschied ich mich für gewollt-locker." ...

Essen (ungefähr 100 Einträge), erwähnt werden gezuckertes Butterbrot, Salz auf Wassermelonen, Kaubonbons in Kinos und immer wieder Eiscreme, beispielsweise "Ich erinnere mich, wie gut ein Glas Wasser nach einer Portion Eis schmecken kann."

Kleidung (ungefähr 90 Einträge), erwähnt werden rosarote Hemden, Pillbox-Hüte und mit Fischen bedruckte breite Krawatten. (Brainards allererster Berufswunsch war Modedesigner.)

Filme, Filmstars, Fernsehen und Popmusik (mehr als 100 Einträge), genannt werden Perry Como, Liberace, Hopalong Cassidy, Dinah Shore, Tab Hunter, Marilyn Monroe, Montgomery Clift, Elvis Presley, Judy Garland, Jane Russel, Lana Turner, der Lone Ranger und viele andere. "Ich erinnere mich, dass Betty Grables Beine für eine Million Dollar versichert waren." ... "Ich erinnere mich an Gerüchte darüber, was Marlon Brando alles für seine erste Rolle machen musste." ...

Schule und Kirche (ungefähr 100 Einträge), zum Beispiel: "Ich erinnere mich, wie wichtig es für mich in der High School war, gut auszusehen und beliebt zu sein." ... "Ich erinnere mich an einen Geschichtslehrer, der uns damit drohte, er würde aus dem Fenster (im 2. Stock) springen, wenn wir nicht sofort ruhig wären." ... "Ich erinnere mich, dass ich zwei Jahre lang im Spanischunterricht mogelte, indem ich die Übersetzungen der Wörter vorab ganz schwach mit Bleistift eintrug."

Der Körper (mehr als 100 Einträge), sie reichen von intimen persönlichen Bekenntnissen ("Ich erinnere mich, dass ich mir einmal meinen Schwanz und meine Eier ganz genau anschaute und absolut abstoßend fand.") bis zur Beobachtung anderer: "Ich erinnere mich an einen stämmigen Jungen namens Teddy und wie haarig die Beine seiner Mutter waren. (Lange schwarze Haare, die von Nylons plattgedrückt wurden.)"

Träume, Tagträumereien, Fantasien (mehr als 70 Einträge), häufig sexueller Art: "Ich erinnere mich an Wichsfantasien, in denen ich es mit einem Fremden im Wald trieb." Aber ebenso häufig auch nicht: "Ich erinnere mich, dass ich mir vorstellte, ich wäre ein Sänger und würde ganz allein auf einer leeren Bühne ohne irgendwelche Requisiten stehen außer einem Scheinwerfer, der auf mich gerichtet war. Ich würde mein Lied herausschmettern und meine Zuhörer zu Tränen der Liebe und Zuneigung rühren."

Feiertage (50 Einträge), sie kreisen um Weihnachten, Thanksgiving, Ostern, Halloween und den 4. Juli: "Ich erinnere mich, wie trist der Weihnachtstag ist, nachdem man die Geschenke ausgepackt hat."

Gegenstände und Produkte (mehr als 130 Einträge), darunter Lampen aus Treibholz, Perlen zum Auffädeln, Plastiktoilettensitze mit Perlmuttschimmer, mit Edelsteinen besetzte Flaschenöffner, Rollschuhschlüssel, verbeulte Tischtennisbälle und Miniaturbibeln. "Ich erinnere mich an die ersten Tintenkulis. Sie rutschten auf dem Papier und bildeten kleine Tintenklümpchen, die sich an der Spitze sammelten."

Sex (mehr als 50 Einträge), beschrieben werden erste heterosexuelle Fummeleien auf der High School: "Ich erinnere mich, wie mir zum ersten Mal einer runtergeholt wurde (ich bin nie von selbst darauf gekommen). Ich hatte keine Ahnung, was sie da anstellte und lag wie ein Zombie einfach nur da, ohne mich zu rühren" - später dann homosexuelle Erfahrungen und flüchtige Kontakte mit der homosexuellen Szene: "Ich erinnere mich, dass ich mir Vorwürfe machte, nicht die Jungs abzuschleppen, die ich wahrscheinlich hätte abschleppen können, weil ich Angst vor einer Abfuhr hatte" - und auch allgemeinere (oft anrührende) Bemerkungen: "Ich erinnere mich an frühe sexuelle Erfahrungen und weiche Knie. Ich bin mir sicher, dass Sex jetzt viel besser ist, aber weiche Knie vermisse ich schon."

Witze und Alltagssprache (mehr als 40 Einträge), darunter auch makabre Witze, Mary-Anne-Witze: "Ich erinnere mich an "Mammi, Mammi, ich mag meinen kleinen Bruder nicht." "Sei still, Mary Anne, du isst, was auf den Tisch kommt", "Ich erinnere mich an den flapsigen Kommentar 'oopsy daisy', wenn ein Baby umfällt."

Freunde und Bekannte (mehr als 90 Einträge), häufig in Form von kleinen Geschichten und gewöhnlich auch länger als andere Teile. Ein Beispiel: "Ich erinnere mich an die Bridge-Lehrerin meiner Eltern. Sie war ziemlich beleibt, ein richtiger Kerl (Kurzhaarschnitt) und Kettenraucherin. Wie sie stolz verkündete, brauchte sie keine Streichhölzer mit sich herumzuschleppen, da sie sich jede neue Zigarette an der alten anzündete. Sie lebte in einem kleinen Haus hinter einem Restaurant und ist uralt geworden." Ein weiteres Beispiel: "Ich erinnere mich an Anne Kepler. Sie spielte Flöte. Ich erinnere mich an ihre geraden Schultern. Ich erinnere mich an ihre großen Augen. An ihre leicht römische Nase. Und ihre vollen Lippen. Ich erinnere mich an ein Ölbild, das ich von ihr beim Flöten gemalt habe. Vor ein paar Jahren kam sie bei einem Feuer in einem Brooklyner Kinderheim um, wo sie ein Flötenkonzert gegeben hatte. Die Kinder wurden alle gerettet. Sie hatte etwas von weißem Marmor an sich."

Autobiografische Fragmente (20 Einträge), ein von Brainard weniger konsequent verfolgtes und erforschtes Thema, aber von fundamentaler Wichtigkeit für das Verständnis seines Werks, seines Lebens. Er berichtet über seine Ankunft in New York, sein Stottern, seine Befangenheit, seine erste Begegnung mit dem Lyriker Frank O'Hara, seine Armut, seine völlige Mittellosigkeit während seiner ersten Zeit in Boston ("Ich erinnere mich, wie ich aus den Aschern vor dem Bostoner Kunstmuseum Kippen herausfischte") über das unglückliche, kurze Zwischenspiel als Stipendiat am Dayton Art Institute: "Ich erinnere mich an die Kunstmesse in Dayton, Ohio," und er schildert ausführlich, wie er sich mustern ließ und einen Ablehnungsbescheid bekam, nachdem er sich als Homosexueller zu erkennen gegeben hatte (obwohl er noch jungfräulich gewesen ist). Vor Augen steht uns ein von Selbstzweifeln geplagter Künstler, auf die wahrscheinlich auch sein Entschluss zurückzuführen ist, in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens nicht mehr auszustellen, wie aus diesem lakonischen, aber umso eindringlicheren Eintrag zu ersehen ist: "Ich erinnere mich, dass ich mich für einen großen Künstler hielt."

Erkenntnisse und Geständnisse (40 Einträge), die meisten beschäftigen sich mit Brainards Innenleben, und handeln von seiner extremen Schüchternheit ("Ich erinnere mich, dass ich nie vor anderen Leuten weinte." ... "Ich erinnere mich, dass ich es mir peinlich war, mich in der Öffentlichkeit zu schnäuzen"), seiner Befangenheit bei gesellschaftlichen Anlässen ("Ich erinnere mich an Partys, bei denen man alles versucht hat, um eine Unterhaltung am Leben zu erhalten - sich dann aber immer noch wie angewachsen gegenüberstand"), und hier und da tauchen Beispiele von überwältigender emotionaler Klarheit auf: "Ich erinnere mich, dass das Leben damals schon so schwer war wie heute", was vielleicht der wichtigste Satz im Buch ist, der Grund, weshalb sich die tausendfünfhundert Fragmente von I Remember zu einem so beständigen und ganzheitlichen Stück zusammenfügen.

Grübeleien (mehr als 30 Einträge), verfolgt werden die flüchtigen Gedanken, die einem so durch den Kopf schießen, die Irrungen und Wirrungen eines Jugendlichen, der die Welt zu ergründen versucht, die kuriosen Fragen, die sich jeder irgendwann einmal stellt: "Ich erinnere mich, dass ich nicht verstand, warum die Leute auf der anderen Seite der Erdkugel nicht herunterfielen." ... "Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, ob Mädchen auch furzen." ... "Ich erinnere mich, dass ich einmal dachte, nach dem Pinkeln zu spülen sei eigentlich eine Wasserverschwendung. Und ich erinnere mich, dass ich mir überlegte, die Pisse müsse ja zu etwas gut sein, jemand müsste nur draufkommen, zu was, er könnte ein Vermögen machen."

Aus diesen verschiedenen Themen ist I Remember Faden für Faden gewoben. Zu seinen großen Vorzügen zählt, dass das Buch die sinnlichen Eindrücke in den Mittelpunkt stellt (was ist es für ein Gefühl, wenn man sich im Frisörladen die Haare schneiden lässt, wenn "man sich richtig schnell dreht und dreht, bis man sich nicht mehr aufrecht halten kann", "wenn man das Wasser in seinem Bauch gurgeln hört und denkt, man hätte einen Tumor"), dass es die alltäglichen und banalen Details eines amerikanischen Panoramas der Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahre liebevoll auflistet und das Bild eines Individuums vermittelt - das des bescheidenen, zurückhaltenden jungen Joe Brainard. Und das alles ist so genau und frei von jeder Hemmung beschrieben, dass der Leser unweigerlich sein eigenes Leben darin wiedererkennt. Die Erinnerungen stürmen auf einen ein, unbarmherzig und ohne Unterlass, eine nach der andern, ohne sich von chronologischen oder geografischen Strukturen einengen zu lassen. Eben war es noch New York, gleich darauf ist es Tulsa oder Boston; auf eine Erinnerung, die zwanzig Jahre zurückliegt, folgt eine von der letzten Woche, und je mehr wir uns hineinlesen, desto stärker wird der Nachhall der einzelnen Stimmen. Wie Brainard bemerkte, als er I Remember verfasste: Es ist wahrhaftig ein Buch, das jedem gehört.

Aufschlussreich ist auch, was in Brainards Buch nicht erwähnt wird, all diese Dinge, die die meisten von uns wahrscheinlich erwähnt hätten, wären wir aufgefordert worden, uns hinzusetzen und unsere eigene Version von I Remember zu schreiben. Keine Erinnerung an Konflikte mit Geschwistern, keine an Gemeinheiten oder physische Gewalt, keine Wutausbrüche, kein Bedürfnis, eine Rechnung zu begleichen, keine Bitterkeit. Abgesehen von kurzen Hinweisen auf die Ermordung Kennedys, "Korea" (in Anführungszeichen) und dem "I like Ike"-Slogan der Präsidentschaftskampagne Eisenhowers, gibt es auch keine Erinnerungen an politische, öffentliche oder nationale Ereignisse. Mondrian, Picasso und van Gogh werden alle erwähnt, aber kein Wort über Brainards eigene Entwicklung als bildender Künstler, und abgesehen von seiner kurzen Bemerkung, dass er in Boston sämtliche Romane Dostojewskis gelesen habe, keine Erinnerungen an das Werk anderer Schriftsteller, obwohl Brainard ein leidenschaftlicher Leser von Romanen war. Keine Klagen, keine Wut, kaum Tränen. Nur ein Eintrag ("Ich erinnere mich, dass ich völlig hysterisch und verzweifelt in einer stockdunklen Nacht meine Brille von der Staten-Island-Fähre ins Meer schleuderte"), lässt seelische Qualen oder einen Aufruhr der Gefühle erahnen. Brainards Buch wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, als die sogenann- te Bekenntnislyrik die amerikanische Literaturszene beherrschte. Sylvia Plath, Anne Sexton und John Berryman (alles Suizide) waren en vogue, und persönliche Ergüsse waren eine gängige, gepriesene Form des poetischen Diskurses. Brainard bekennt, aber er schwadroniert nicht, und er hat kein Interesse daran, seine eigene Lebensgeschichte zu mythologisieren. Er verführt uns mit seiner Sanftmut, seinem Verzicht auf jeden Pomp, seinem unerschütterlichen Interesse für alles, was die Welt ihm zu bieten hat. Er fängt klein an und endet klein, aber die kumulative Kraft so vieler kleiner, wundervoller Beobachtungen macht aus seinem Buch ein Werk, das seinen festen Platz in der amerikanischen Literatur einnehmen wird. (Paul Auster, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 6./7. August 2011)

Joe Brainard, geb. 1941, war Künstler und Schriftsteller. Seine Kunst findet sich in vielen Sammlungen (Museum of Modern Art, Metropolitan etc.). Brainard hatte eine Beziehung mit Kenward Elmslie. Er starb 1994 infolge seiner Aids-Erkrankung.

Paul Auster, geb. 1947 in Newark, ist US-amerikanischer Erfolgsautor. Er lebt in New York und ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Unsichtbar" (Rowohlt, 2010).

  • Der US-Künstler und Schriftsteller Joe Brainard: "Ich erinnere mich, 
dass das Leben damals schon so schwer war wie heute."
    foto: wren di antonio

    Der US-Künstler und Schriftsteller Joe Brainard: "Ich erinnere mich, dass das Leben damals schon so schwer war wie heute."

  • Das Buch "Ich erinnere mich" wird Anfang September im Verlag Walde + 
Graf erscheinen.
    cover: walde + graf

    Das Buch "Ich erinnere mich" wird Anfang September im Verlag Walde + Graf erscheinen.

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