Turbulenzen: US-Börsen ziehen Europas Märkte nur kurz aus dem Sumpf

5. August 2011, 22:37
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Achterbahnfahrt an der Wall Street - Kursrutsch an den Märkten hat über drei Billionen Euro vernichtet

Singapur/Frankfurt/Wien - Die Furcht vor einer Rezession in den USA und vor einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise hat am Freitag die Talfahrt an den europäischen Aktienmärkten beschleunigt (zu unseren aktuellen Marktberichten). Die europäischen Märkte tendierten den Freitag über bis auf wenige Ausnahmen tief im roten Bereich. Auch die besser als erwartet ausgefallenen US-Arbeitsmarktdaten sorgten nur kurz für Erholung. Nach den Kurseinbrüchen am Donnerstag setzte die Wall Street allerdings zu einer leichten Erholungsbewegung an. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss 0,5 Prozent höher auf 11.444 Punkten, nachdem der weltbekannteste Börsenindex am Vortag um mehr als vier Prozent eingebrochen war.

Die Wiener Börse hat ihre Verluste nach dem Kursabsturz im Eröffnungshandel eingrenzen können. Der ATX schloss mit einem Minus von 3,07 Prozent, nachdem er sein Tagestief gegen 9.10 Uhr bei 2.180,66 Einheiten erreicht hatte, welches einem Kursabsturz von satten 6,74 Prozent entsprach. Der Euro-Stoxx-50 (Aktienindex für die 50 führenden Unternehmen in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion) schloss mit einem Minus von 1,69 Prozent. Der Index setzte damit den zehnten Tag in Folge seine Talfahrt fort.

Dem deutschen Leitindex Dax haben die Sorgen einen der größten Wochenverluste in seiner über zwanzigjährigen Geschichte eingebrockt. Der Index schloss um 178,60 Punkte (minus 2,78 Prozent) tiefer auf 6.236,16 Einheiten und damit immerhin über seinem Auftakttief bei 6.152,62 Punkten, wo er den niedrigsten Stand seit Anfang Oktober 2010 markiert hatte. Auf Wochensicht brach das Börsenbarometer um knapp 13 Prozent ein.

"Düstere Zeiten"

Der Chefvolkswirt des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Joachim Scheide glaubt, die globale Wirtschaft steuere auf düstere Zeiten zu. Das sagte er am Freitag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters."Die Märkte erwarten klare Signale, dass die Haushalte konsolidiert werden." Die Schuldenkrise sei bisher "überhaupt nicht gelöst", weder in der Euro-Zone, noch in den USA. Deshalb sei die Angst an den Märkten groß, dass es zu einem langfristigen Zinsanstieg komme.

"Die Märkte lassen sich jetzt nicht mehr durch schöne Worte beruhigen", betonte Scheide. Es gebe zwar kein Patentrezept zur Lösung der Krise. Vor allem aber müssten die USA einen genauen Plan vorlegen, wie sie langfristig ihren Schuldenberg abbauen wollen.

"Wir sehen die zweite Welle der Finanzkrise", sagte Scheide. Zuerst hätten sich die Verbraucher zu stark verschuldet, danach wegen der vielen Rettungs- und Konjunkturpakete die Staaten. "Davon muss man runter kommen." Zudem monierte Scheide, dass die Rettungspakete der Euro-Zone nicht der "große Wurf" gewesen seien. Inzwischen habe EU-Kommissionschef Jose Manuel Barroso sogar die Debatte um eine Aufstockung des Rettungsschirms eröffnet. "Das ist keine kluge Politik, um es vorsichtig zu sagen", betonte Scheide. Es müsse klar sein, dass Schuldenländern, die die Reformauflagen nicht erfüllten, auch kein Geld mehr bekämen. Idealerweise müsse es möglich sein, dass ein Land bei großen Problemen insolvent gehen könne, sagte der Forscher. "Das ist auf europäischer Ebene aber leider abgelehnt worden."

Billionenwerte vernichtet

Der Kursrutsch an den internationalen Aktienmärkten macht Anleger weltweit um mehrere Billionen Dollar ärmer. Die Marktkapitalisierung aller im MSCI World Index gelisteten Unternehmen verringerte sich in der laufenden Woche um 2,5 Bill. Dollar (1.757 Mrd. Euro). Dies entspricht in etwa der Wirtschaftsleistung Frankreichs. Die im S&P 500 gelisteten US-Unternehmen büßten im gleichen Zeitraum mehr als 840 Mrd. Dollar und die Mitglieder des MSCI Europe insgesamt gut 817 Mrd. Dollar an Börsenwert ein. Dies entspricht in etwa der zusammengerechneten Wirtschaftsleistung der Schweiz und Dänemarks.

EZB reißt Börsen nach unten

Investoren zeigten sich schon am Donnerstag enttäuscht von der Europäischen Zentralbank und ihren neuen Anleihenkäufen und quittierten dies bereits mit einem Kurssturz. Die EZB hatte im Laufe der Woche irische und portugiesiche Anleihen gekauft, statt - wie von Investoren erwartet - eher italienische oder spanische. "Kann die EZB sich bitte einkriegen. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen, wo eine Angst die andere auffettet", hieß es diesbezüglich von der Berenberg Bank in einer Aussendung.

Panikverkäufe in Asien

Die Talfahrt der Weltbörsen hat sich am Freitag auch in Asien ungebremst fortgesetzt. Die Kurse in Fernost brachen auf breiter Front ein. In Tokio schloss der 225 Werte umfassende Nikkei-Index 3,7 Prozent im Minus bei 9299 Zählern. Der breiter gefasste Topix-Index büßte bis zum Handelsschluss 3,1 Prozent auf 800 Punkt ein. Die Aktienmärkte in Südkorea, Taiwan und Singapur und Shanghai verloren ebenfalls deutlich.

"Die Märkte preisen derzeit eine globale Rezession im Jahr 2012 ein", sagte Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research. Argumentiert werde folgendermaßen: Schwache US-Konjunkturdaten könnten ein neues Anleihe-Ankaufprogramm der US-Notenbank Fed provozieren. Infolgedessen würde China die Zinsen anheben, um einen Zufluss überschüssiger Liquidität in das Land zu verhindern und die Inflation einzudämmen. Dadurch würde das dortige Wachstum weiter verlangsamt.

Ein Ende der Talfahrt ist nach Einschätzung von Shane Oliver, Chef-Investmentstratege bei AMP Capital in Sydney, nicht in Sicht: "Die Aktienbewertungen sind bereits recht niedrig, aber die Stimmung verschlechtert sich weiter. Warum sollte man also jetzt einsteigen?" (Reuters/APA/rom, derStandard.at, 5.8.2011)

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