Zypern berät über drastisches Sparprogramm

22. Juli 2011, 19:24
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Ökonomen halten die Abhängigkeit des Mittelmeerstaats von Griechenland für gefährlich

Nikosia/Istanbul - Geplant war die Krisensitzung zur Wirtschaftslage eigentlich am 11. Juli. Doch da flog das Munitionsdepot in einer Militärbasis der zypriotischen Marine in die Luft. Seither ist auch die Stromversorgung auf Zypern - mitten im Sommer - eingeschränkt, und mit den Kosten für die Sanierung des zerstörten größten Kraftwerks der Insel hat sich die Finanzlage noch einmal dramatisch verschärft. Ein Sparprogramm im Umfang von 634 Millionen Euro legte der Zentralbankgouverneur dem Präsidenten und der Regierung für die Sitzung am Freitag vor.

"Sparen oder EU-Rettungsplan", laute die Wahl, sagt Zentralbankchef Athanasios Orphanides: Weg mit Stellen im öffentlichen Dienst, ganzen Regierungsbehörden, Kürzung und Streichung von staatlichen Vergünstigungen. Zypern steht weit besser als Portugal oder Irland da, sagen Ökonomen, doch die Abhängigkeit von Griechenland könnte die Insel versenken - finanziell.

Es gibt zudem wenig, was die Regierung auf Zypern vor der enormen Explosion des Munitionsdepots nicht falsch gemacht hat. Ein nun bekannt gewordener Untersuchungsbericht eines griechischen Experten listet Versagen und Versäumnisse auf: Die Munition war in 98 Metallcontainern zweieinhalb Jahre gelagert worden - luftdicht verschlossen, in praller Sonne und eng gestapelt. "Vielleicht mit Wasser besprenkeln?", schlug ein Offizier bei einer Regierungssitzung vor. Den Bau eines Schutzdachs lehnte die Regierung aus Kostengründen ab.

"Krise des Systems"

13 Menschen waren bei den Detonationen getötet worden, 60 wurden verletzt, und das Kraftwerk Vasilikos ist seither zerstört. Von der Explosion blieb ein Krater - 15 Meter tief, 60 Meter im Durchmesser; 421 Tonnen TNT bräuchte man dafür.

Die verheerende Explosion in der "Evangelos Florakis"-Basis war zugleich ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit des Systems, meint der zypriotische Politologe Christophoros Christophorou. "Wir haben eine institutionelle Krise. Ein großer Teil der Bevölkerung vertraut nicht mehr den Behörden und der Regierung", sagt der Professor an der Uni von Nikosia, dem Standard. Die Vertrauenskrise habe sich schon den bei den Parlamentswahlen im Mai gezeigt, als sich der Prozentsatz der Nichtwähler verdoppelte. Den Leuten fehle die Perspektive, sagt Christophorou. Zwei Wechsel im Amt des Präsidenten, die Verhandlungen auf der geteilten Insel und der EU-Beitritt 2004 hätten die Hoffnungen nicht erfüllt. (Markus Bernath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.7.2011)

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