"Bayreuth hat sich total geöffnet"

20. Juli 2011, 17:02
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Vor der Eröffnungspremiere der 100. Richard- Wagner-Festspiele in Bayreuth am 25. Juli sprach Regisseur Sebastian Baumgarten über sein Interesse an Wagner

Joachim Lange stellte die Fragen.

STANDARD: Sie eröffnen die 100. Richard-Wagner-Festspiele mit Ihrer "Tannhäuser"-Inszenierung. Ist man da besonders gut vorbereitet?

Baumgarten: Das System hier ist darauf ausgerichtet, dass man mit einem fertigen Regiebuch ankommt. Gute Handwerker sind da im Vorteil. Man fährt immer ein Sonderzeitprogramm. Hart ist die knappe Probenzeit. Aber die Atmosphäre ist gut. Nicht irgendwelche Verbote sind das Problem, sondern die Struktur.

STANDARD: "Tannhäuser" ist erst Ihr zweiter Wagner, nach dem "Parsifal" 2002 in Kassel. Mögen Sie Wagner?

Baumgarten: Als Regisseur braucht man eine physische Verbindung zur Musik. Und bei Wagner ist das bei mir ein gutes Verhältnis. Man kann alles mit Ironie und Distanz betrachten, und doch ist es gleichzeitig so fantastisch. Wenn die Musik so rüberkommt und Thomas Hengelbrock das Orchester so auf seiner Seite behält, wie im Moment, dann wird es großartig. Ich mag Wagner einfach. Der Ausgangspunkt ist ohnehin immer die Musik und deren Analyse.

STANDARD: Hat Dirigent Thomas Hengelbrock die Besonderheiten des Grabens im Griff?

Baumgarten: Klar kann der das. Nur die Zuschauer auf der Bühne, die haben es schwer, dort hört man Chor und Orchester tatsächlich einen Takt auseinander. Ich bin froh, dass das genehmigt wurde.

STANDARD: Das klingt nach einem Tabubruch. Wie man hört, sind diese Zuschauer Mitglieder des Teams aktiver Festspielförderer, die Katharina Wagner besonders verbunden sind. Spielte das eine Rolle?

Baumgarten: Nein, außerdem kommen nur zwanzig der fünfzig aus diesem Kreis. Die anderen sind theaternahe Leute oder Freunde der Sänger. Der größere Tabubruch ist die Pausenbespielung.

STANDARD: Was sollen die Zuschauer auf der Bühne?

Baumgarten: Wir wollten eine Durchbrechung der vierten Wand. Der Zuschauerraum soll auf die Bühne überschwappen.

STANDARD: Das wäre unter Wolfgang Wagner früher nicht gegangen.

Baumgarten: Den Vergleich zu früher habe ich nicht, aber mein Dramaturg Carl Hegemann hat ihn aus seiner Arbeit mit Christoph Schlingensief am Parsifal. Bayreuth hat sich total geöffnet. Viele Restriktionen resultieren aus technischen Gegebenheiten oder gewerkschaftlichen Vereinbarungen.

STANDARD: Für die Bühne ist der bildende Künstler Joep van Lieshout verantwortlich. Was hat das für Konsequenzen?

Baumgarten: Joep hatte zuerst für jeden Akt ein Bild gemacht. Das haben wir aber verworfen. Es muss doch etwas bedeuten, wenn die Musik der Venusbergwelt auch in der Wartburgwelt an-klingt. Und umgekehrt. Jetzt gibt es ein geschlossenes System, das alle Orte in sich trägt. Diese Installation ist eine große Kopplung von verschiedenen Maschinen, die alle in einen Tages- und Zeitablauf eingebunden sind. Der Apparat ist hochökologisch und in seiner Geschlossenheit ambivalent. Es ist eine Abenteueranlage.

STANDARD: Das klingt nach einer eher geschlossenen Bühnenästhetik, nach neuer Opulenz bei Sebastian Baumgarten?

Baumgarten: Schon in meinen letzten Produktionen habe ich versucht, einen Stil zu entwickeln und nicht mehr so viel Alltag reinzuholen. Dazu ist Wagner zu groß. Außerdem habe ich keine Lust mehr, nur auf Bruchstücke aus verschiedenen Theaterästhetiken etwa bei den Kostümen zurückzugreifen. Die Sachen werden wieder genäht. Es ist ja auch ein Spiel von 120 Leuten. In meiner Fantasie ist das wie ein Betriebsfest, wo sich alle verkleiden und den Tannhäuser spielen.

STANDARD: Warum sollten die das wollen?

Baumgarten: Die Frage, was diesen Tannhäuer interessant macht, ist für mich keine aktuelle Frage, sondern eine archaische. Für den kreativen Menschen gibt es immer diese Zerrissenheit: einerseits den Drang ins Exzesshafte, den Rausch und die Selbstauflösung, also das Dionysische des Venusbergs. Auf der anderen Seite steht das Apollinische. Die Wartburgwelt steht für Ordnung, Formwillen und Verwaltung, alles Dinge, die ein gesellschaftliches Leben erst möglich machen.

STANDARD: Also keine neue Variante des Künstlerdramas oder ein Diskurs - etwa über das Frauenbild.

Baumgarten: Es ist mehr. Die Menschen leiden ja unter der Zerrissenheit, aber das Stück zeigt: Ihr lebt, weil ihr diesen Widerspruch habt. "Wenn stets ein Gott genießen kann, bin ich dem Wechsel untertan" - antwortet Heinrich auf die Göttin Venus. Bei Wagner ist das toll, wie dieser Widerspruch, als Gegensatz von Venusberg und Wartburg, im Sängerwettstreit am Thema der Liebe philosophisch behandelt wird. Das hat auch eine Komik. Der Landgraf will so rauskriegen, wo Heinrich war und was er gemacht hat. Und der lügt ja in einer Tour. Von wegen "Ich wanderte in weiter, weiter Fern'" - der Hörselberg und die Wartburg sind heute eine Autobahnraststätte. So wie sich Tannhäuser im Venusberg nach der Ordnung gesehnt hat, singt er sich jetzt wieder heraus. Er muss immer zwischen den Stühlen sitzen.

STANDARD: Haben Sie Sorgen bezüglich der Publikumsreaktionen am Ende der Premiere?

Baumgarten: Nein, wir haben festgestellt, dass sich unser Konzept umsetzen lässt. Ein Problem, was ich sehe, ist, dass die Energie, die von der Bühne kommt, auch bis in die hinteren Reihen durchdringt. Das ist wahnsinnig schwierig. Für Regisseure, die mit großen Bildern arbeiten (wie Stefan Herheim), ist der Raum geeigneter. Für meine Art von Personenführung ist es schwieriger. In den vorderen Reihen sieht man das alles, weiter hinten weniger. Ich habe schon die Mitte vergrößert, aber die Sänger können ihre Gesten gar nicht noch mehr ausstellen. Es muss ja auch Sinn machen. (Joachim Lange, DER STANDARD - Printausgabe, 21. Juli 2011)

Sebastian Baumgarten, geboren 1969 in Ostberlin, assistierte bei Ruth Berghaus, Einar Schleef und Robert Wilson. Er war Oberspielleiter und stellvertretender Operndirektor am Staatstheater Kassel, später Chefregisseur am Theater Meiningen.

  • Sebastian Baumgarten inszeniert "Tannhäuser" bei der 100. Austragung der
 Bayreuther Festspiele.
    foto: timm schamberger

    Sebastian Baumgarten inszeniert "Tannhäuser" bei der 100. Austragung der Bayreuther Festspiele.

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