Brücken und Autobahnen für den Sudan

19. Juli 2011, 17:01
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Der sudanesische Außenminister Ali Karti sucht in Wien nach Alternativen zum Öl

Wien - In erster Linie fühle er sich als Sudanese, wenn er an den 9. Juli denke. Dieses Datum wird mit diesem Jahr als Unabhängigkeitstag des Südsudans in die Geschichtsbücher eingehen.

Ali Ahmed Karti, Außenminister des Sudans, erklärte in einem Gespräch mit dem Standard, dass er neben dem Verlust von Resourcen und Landsleuten auch einen positiven Blick in die Zukunft mit diesem Datum verknüpfe. "Der Preis für den Frieden, den wir alle gezahlt haben, war sehr hoch. Die Kämpfe wären weitergegangen, ohne eine Einheit zu erzeugen. Der Verlust wäre größer als die tatsächliche Abspaltung des Südens" , so der Minister. Da sei es schon besser neu zu starten und nach neuen Ressourcen zu suchen, als ewig um das Öl kämpfen.

Um alternative Einnahmequellen muss sich der Sudan nun Gedanken machen. Mit der Sezession verlor er nicht nur ein Viertel der Fläche, sondern vor allem drei Viertel seiner Ölquellen. In diesem Monat läuft die vorläufige Vereinbarung aus, dass sich der Süden und der Norden die Einnahmen teilen; einen neuen Deal gibt es noch nicht.

Aber Abhängigkeiten: Das Öl sprudelt zwar im Süden, die Infrastruktur dazu befindet sich jedoch zum Großteil im Norden. Der Sudan könnte die Pipelines blockieren, wenn es zu keiner neuen Einigung kommt. Verlierer wären in dem Fall beide Länder.

"Öl ist keine nachhaltige Ressource", erklärt Karti. Der Sudan suche intensiv nach neuen Rohstoffen und anderen Einnahmequellen. Was das sein könnte? "Bergbau, Landwirtschaft - wir haben viel, das wegen der Abhängigkeit vom Öl ungenutzt blieb." Die sudanesische Regierung hätte bereits damit begonnen ihre Ausgaben einzuschränken. Weitere Maßnahmen, um die Wirtschaft des Landes zu reformieren, seien in Planung.

Der sudanesische Präsident Omar al-Bashir skizzierte vergangenen Dienstag eine "zweite Republik". Experten vermuten hinter dieser Ansage jedoch weniger tiefgreifende Reformen, denn taktische Beruhigung der Sudanesen, um Revolten wie in Tunesien oder Ägypten zu verhindern. "Politische Reformen werden stattfinden", versichert Karti. Die Regierung sei offen dafür, Änderungen in der bisherigen Verfassung zu diskutieren.

Abseits der wirtschaftlichen Probleme ist der Sudan mit Konfliktbewältigung in mehreren Regionen entlang des neues Grenzverlaufs beschäftigt. Ein Friedensabkommen zwischen der Regierung und kleineren Rebellengruppen wurde zwar am 14. Juli unterzeichnet. Die größte darfurische Rebellengruppe, die Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit (JEM), verweigert sich jedoch weiter und kündigte vielmehr an, sich an Kämpfen gegen die sudanesische Armee in Süd-Kordofan zu beteiligen. "Die Gruppen, die das Friedensabkommen mittragen, haben die Unterstützung aller Stämme, Politiker und der Vereinten Nationen," verteidigt Karti den fragilen Friedensprozess.

Mit Außenminister Michael Spindelegger erläuterte er Möglichkeiten der Zusammenarbeit: "Wir sprachen über Straßen, Autobahnen, Schienenverkehr, den wir zwischen dem Sudan und dem Südsudan brauchen." Konkrete Projekte seien noch keine beschlossen worden. "Das war vorerst nur der Austausch von Ideen", so der Minister. (Julia Herrnböck, STANDARD-Printausgabe, 20.7.2011)

 

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    Der sudanesische Außenminister Ali Ahmed Karti (li.) traf sich am Dienstag mit seinem Kollegen Michael Spindelegger in Wien.

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