Was Vladimiras Laucius wirklich geschrieben hat

Kommentar der anderen18. Juli 2011, 20:52
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Der Kommentar des litauischen "Österreich-Beschimpfers" im Wortlaut

Erinnern Sie sich, wie der ehemalige Botschafter Frankreichs Israel als "shitty little country" (ein kleines beschissenes Land) genannt hat? Das waren gemeine und ungerechte Worte. Aber wenn jemand heute Österreich so nennen würde, dann wäre das weder allzu gemein noch zu ungerecht, sondern angesichts dieser Sauerei sogar ziemlich zutreffend. - Und was die EU betrifft, bräuchte man nur das "little country" durch "big union" ersetzen.

Was ist geschehen? Der russische Staatsbürger Michail Golowatow leitete die Sondereinheit "Alfa" , die im Jänner 1991 den Fernsehturm in Vilnius stürmte. 2010 wurde gegen ihn ein Haftbefehl erlassen, weil er im Verdacht steht, Taten begangen zu haben, die als Kriegsverbrechen gelten. Österreich ließ den Ex-KGB-Offizier Golowatow aber in weniger als 24 Stunden nach seiner Festnahme frei. - Das ist ein Fall ohne Präzedenz, der nicht nur den in der EU weitverbreiteten Rechtsnihilismus und die Missachtung gegenüber Litauen und den Mordopfern dokumentiert, sondern auch einen beschämenden Kniefall vor Russland. Nur ein naiver Mensch oder ein Opfer der russischen Propaganda kann ernsthaft glauben, dass die Österreicher aus einem anderen Motiv so gehandelt haben als jenem, dem Kreml damit gefällig zu sein. Die Regierung in Wien behauptet, dass der Angeklagte aus rein rechtlichen Gründen freigelassen wurde - es soll "Unklarheiten" wegen des Europäischen Haftbefehls gegeben haben. Das war jedoch ein fadenscheiniges Argument: Der Europäische Haftbefehl gilt EU-weit, es gibt keinen Grund, ein Land zu ignorieren, dessen Justizbehörden eine Person eines Verbrechens anklagen.

Österreich hat Litauen um zusätzliche Informationen gebeten, doch gar nicht erst darauf gewartet und Golowatow fast umgehend wieder freigelassen.

Sollen sich lediglich die sogenannten zweitklassigen Länder, wie Litauen an das Recht der EU halten? Gehört die Hitler-Heimat Österreich zum Klub der Auserwählten und Litauen nicht? Herrscht etwa Orwells Maxime aus der Farm der Tiere in der EU: Alle sind gleich, aber manche Schweine sind gleicher?

Ach ihr um die Treue zu den EU-Werten so besorgten Aktivisten! Ihr weint wegen der Qualen eines Karpfens, der nicht sofort getötet und dem Fischhändler noch lebend geliefert wird. Das ist ja inhuman, und die ganze EU muss sich aufregen! Der arme Fischer wird als grausam hingestellt, weil er die Rechte der Tiere verletzt. Aber die Mörder, die im Fernsehturm unbewaffnete Menschen erschossen, können unbesorgt in diesem Europa, das Gut und Böse offenbar nicht mehr unterscheiden kann, Skifahren. - Wladimir Bukowski, der ehemalige UdSSR-Dissident, hat recht: Er sieht die EU als ein Nachfolgeprojekt des Sowjetismus, als Möglichkeit, Europa und Russland auf einer zynischen und amoralisch-pragmatischen Grundlage zu vereinen. Die Entscheidung Österreichs, Golowatow an Litauen nicht auszuliefern, bestätigt dies einmal mehr. Das russische Gas hat wieder einmal gegen die EU-Moral gewonnen.

Was ist heute die EU? Ein Weltteil, der sich primär um schicke Klamotten, teure Autos und gutes Essen (inklusive präzise ausgemessener Gurken) sorgt. Die EU kümmert sich nicht um Geopolitik, Selbstschutz und Verteidigung. Sie hat vergessen, dass es nicht nur Konsumenten und Produzenten, Käufer und Verkäufer, Touristen und sexuelle Minderheiten gibt, sondern auch aggressive Feinde der Zivilisation. - Wie groß ist das Verteidigungsbudget der EU-Mitgliedsstaaten? Erbärmlich. Wie stehen die Europäer gegenüber den USA da? Schwach, sentimental und ängstlich.

Das alte EU-Land Österreich verteidigt mit Blut beschmutzte KGB-Agenten. Das alte EU-Land Frankreich verkauft Russland seine "Mistral" -Schiffe. Wollten wir so ein Europa? Sind wir mit so einem Europa glücklich? Ist diese EU wirklich unser Traumland, das verlorene Paradies ...? (Kommentar der anderen, DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2011)

Der Autor, dessen Zitat vom "beschissenen Land" in der Berichterstattung zur KGB-Affäre (vgl. Seite 2) zum Liebling der Medien avancierte, lebt in Vilnius;die Originalfassung erschien im Onlineportal delfi.lt; Text leicht gekürzt; Übersetzung: Maria Dronning, mit freundlicher Unterstützung der Litauischen Botschaft in Wien.

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