Ein Prophet kehrt zurück

15. Juli 2011, 18:55
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Ein Denker, zwei Würdigungen: Für Stefan Lauterer hat die Beschäftigung mit dem Vermächtnis des kanadischen Theoretikers noch gar nicht richtig begonnen

"Aphorisms, representing a knowledge broken, do invite men to inquire further; whereas methods, carrying the show of a total, do secure men as if they were furthest." (Francis Bacon, "Of the Proficience and Advancement of Learning", 1605)

Als Herbert Marshall McLuhan 1936 seine erste Assistenzprofessur in der US-amerikanischen Provinz erlangt hatte, machte er sich wie andere Kollegen ans Publizieren. Sein erster Artikel sollte für das Journal of the History of Ideas und mit Francis Bacon's Patristic Inheritance betitelt sein. Er verband große Hoffnungen damit, wurde aber aufgefordert, den Artikel umzuschreiben, sich auf Bacon zu konzentrieren und "to clarify the confused structure". Der Ratschlag sollte nichts nützen. Die vielfältigen Eindrücke, die das Leben, die Umwelt und eine seltsame Ausbildungslaufbahn hinterlassen hatten, machten diesem Mann ein ängstliches Verharren in den sicheren Gefilden der Literatur- und Geistesgeschichte vollends unmöglich.

Mit den Ausführungen Bacons, des Gründervaters des Empirismus, zur Struktur des wissenschaftlichen Fortschritts begründete er fortan seinen Schreibstil und seine akademisch riskanten Sondierungen der Welt der Kultur. Anstatt ein klassisches Thema in einer akademischen Zeitschrift zu besprechen, veröffentlichte er 1944 in der katholischen Zeitschrift Columbia einen Artikel über den Familien-Comicstrip Blondie und darüber, wie dieser seiner Meinung nach Veränderungen in der US-Gesellschaft abbildete. Es sollte nicht seine letzte Analyse von Formen und Inhalten westlicher Populärkultur bleiben.

McLuhan wurde am 21. Juli 1911 in der kanadischen Provinz als Sohn eines Immobilienhändlers und einer Lehrerin geboren. Mit 17 schrieb er sich an der Universität von Manitoba für das Maschinenbaustudium ein. Er wechselte schnell die Studienrichtung und erwarb 1934 den Master of Arts im Fach "English Studies". Ein Stipendium ermöglichte ihm die Fortsetzung seiner Studien an der Universität Cambridge (UK), wo er eine große Erweiterung seines geistigen Horizonts erfuhr, wie er später selbst gerne betonte.

Seine eigene akademische Karriere begann er in der US-amerikanischen Provinz. Seine gleichzeitige Konversion zum Katholizismus sollte bewirken, dass seine Karriere bis zum Ende auf katholische Institutionen beschränkt blieb. Sehr wahrscheinlich hat sie auch seine Rezeption in der säkularen europäischen wissenschaftlichen Elite nicht unerheblich beeinträchtigt.

1946 erhielt McLuhan einen Lehrstuhl an der Uni Toronto, wo er eine Reihe interdisziplinärer Kommunikations- und Kulturseminare begründete und das Centre for Culture and Technology einrichten konnte, das er bis 1979 leitete, nur unterbrochen von einer Gastprofessur in New York. 1979 erlitt er einen Schlaganfall, der seine Sprechfähigkeit stark beeinträchtigte. Er starb 1980 im Alter von nicht einmal 70 Jahren in Toronto.

1948 erarbeitete Claude Shannon seine "mathematische Theorie der Kommunikation", die einen immensen Einfluss auf die technische Entwicklung des Computers und der Kommunikation entfalten sollte. Während das Radio sich in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg hauptsächlich als Erziehungs- und Propagandainstrument der Regierungen bewährte, zelebrierte es in den USA bereits mit Macht eine Welt, von der in Europa erst die zartesten Ahnungen zu spüren waren.

1950 und 1951 publizierte Harold A. Innis, ein kanadischer Ökonom und älterer Kollege McLuhans an der Uni Toronto mit Empire and Communications sowie The Bias of Communication zwei bahnbrechende Studien über die Wirkungen der technischen Kommunikationsmittel auf Entstehung, Struktur und Niedergang gesellschaftlicher Formationen. McLuhan bezeichnet Innis' frühen Tod als "katastrophalen Verlust für das menschliche Verstehen" und schrieb: "Ich bin erfreut, über mein eigenes Buch The Gutenberg Galaxy als eine Fußnote in den Beobachtungen zu Innis und der physischen und sozialen Folgen zu denken, zuerst beim Schreiben und dann beim Drucken."

Die 1950er waren in den USA eine Zeit des beispiellosen Aufstiegs des Fernsehens. In dieser dichten medialen Umwelt, kulturell auf halbem Weg zwischen Europa und den USA, entwickelte McLuhan Jahre hindurch seine Methoden und Thesen. 1962 und 1964 veröffentlichte er The Gutenberg Galaxy und Understanding Media, die in den 60er und frühen 70ern seinen weltweiten Ruf begründeten. Danach wurde er eine Berühmtheit, fast eine Art Popstar, ein Status, den in Europa nur ein akademisch nicht gebundener Künstlerintellektueller wie Jean-Paul Sartre erreichen konnte.

Von Europas intellektueller Elite wurde McLuhan während seiner großen Zeit und lange danach kaum ernst genommen. Wenn ihn auch manche begeistert gelesen haben, so fehlt eine Erörterung seiner Thesen doch auffällig in dem riesenhaften Korpus europäischer Kulturwissenschaft der Nachkriegszeit. Dabei könnte man angesichts der Kultur- und Medienentwicklung, die seither stattfand, behaupten, dass er der bedeutendste Denker der Kultur- und Humanwissenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg war und dass The Gutenberg Galaxy und Understanding Media zum Verständnis der menschlichen Verfasstheit wichtiger sind als bedeutende europäische Werke wie La Pensée sauvage von Claude Lévi-Strauss, Les Mots et les Choses von Michel Foucault oder Purity and Danger von Mary Douglas.

Während McLuhan mit aphoristischen "Sonden", gewagten Querverbindungen und ungenierten Kombinationen quer durch Welt und Geschichte eine Unzahl von Blitzlichtern auf Gegenwart und Zukunft der globalen Kulturentwicklung warf, begnügten sich die Schüler von Adorno und Horkheimer mit Wiederholungen zur Kulturindustrie, blickten die Ethnologen durch die Brille des "wilden Denkens" zurück nach Europa, rekonstruierten die einen Freud, die anderen Marx und blieben so oder so dem 19. und ersten Viertel des 20. Jahrhunderts treu ergeben.

Gegen Ende der 70er flaute der Ruhm Marshall McLuhans auch in Nordamerika spürbar ab. Die 80er hindurch galt er als verschrobener Theoretiker einer vergangenen Ära des Fernsehens und der US-Pop- und Konsumkultur. Da wollte in Europa die "Post-68-Generation" dem übermächtigen Erbe ihrer akademischen Lehrer und den großen Meistererzählungen des 19. und 20. Jahrhunderts entkommen. Die Demontage der Gutenberg-Galaxie war voll im Gang, geschlossene epische Welterklärungen auf den Universitäten nicht mehr möglich, und am MIT und an anderen Spitzeninstituten zeichnete sich langsam, aber sicher das Scheitern der "Künstlichen Intelligenz" ab. McLuhan hingegen wurde, ausgelöst vom wirtschaftlich verordneten Siegeszug der Digitalisierung, des Computers als Medium und der Immer-und-überall-Kommunikation in den 1990er-Jahren als Prophet der sogenannten Cyberkultur wiederentdeckt.

"The new electronic interdependence recreates the world in the image of a global village." Wenn man diesen Satz aus The Gutenberg Galaxy (1962) wieder liest, versteht man leicht, warum. Nie war, wie im WWW und besonders unter den "members" der sozialen Netzwerke, die "electronic interdependence" so groß wie jetzt. In diesem Satz ist alles enthalten, was man braucht, um das berühmte Diktum vom "globalen Dorf" nicht falsch zu verstehen, sondern so, wie es gemeint war: Die neue Gesellschaft bildet sich nach dem Ebenbild eines globalen Dorfes. Die Gefahren einer solchen Entwicklung sind einem hierzulande, wo die Städte und die Politik schon seit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg immer ländlicher werden, vielleicht präsenter als anderswo.

Was bleibt von McLuhan? Man könnte sagen, die Begründung einer Medienwissenschaft, die die eigene Kultur und die eigenen blinden Flecken durch eine Vielzahl von Instrumenten betrachtet und nicht durch eine kunstvoll versicherte einheitliche Theorie. Man könnte auch postulieren, dass sein wichtigstes Vermächtnis, eine umfassende Medienökologie als Wissenschaft zu erarbeiten, noch gar nicht ernsthaft begonnen wurde. Jedenfalls ist das Projekt noch nicht weit gediehen. Es verdiente aber mehr denn je, mit aller mobilisierbaren Energie vorangetrieben zu werden. (Stefan Lauterer/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17. 7. 2011)


Stefan Lauterer, geboren 1957 in Bregenz, lebt seit 1975 in Wien und konzipiert seit 1994 Internet- Medien. Derzeit leitet er die Produktentwicklung bei ORF.at.

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    Ein schöner Aspekt der Papiermedien: Man kann sie auch entspannt in der Horizontalen studieren. Marshall McLuhan, 1968.

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