Klein werden vor der Natur

14. Juli 2011, 16:58
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Die Auseinandersetzung von Künstlern mit dem Berg hat Hochkonjunktur. Ein Überblick über die spannendsten Arbeiten

Zuerst eine Ansage auf Englisch: "You'll be connected directly and in real time to the Vernagtferner glacier in the Ötztal valley." Und dann hört jeder, der die Telefonnummer +49/893/791 40 58 gewählt hat, ein Rauschen. Kein Störungsrauschen, sondern das Rauschen des Wassers, das dem Vernagtferner in den Ötztaler Alpen entströmt. Es ist kein beruhigendes Geräusch, sagt Kalle Laar, denn es ist auch im tiefsten Winter als Gurgeln vernehmbar und sagt, dass der Gletscher auch dann abschmilzt, ein Resultat des Klimawandels.

Kalle Laar ist kein Klimatologe oder Gletscherforscher, sondern Künstler: Produzent und Sammler von Klängen. Das Projekt Vernagtferner, bei dem er die Gletschertöne mit einem Mikrofon aufnahm und über einen Sender ins Mobilfunknetz einspeiste, entwickelte er für die Biennale von Venedig.

Der estnisch-deutsche Musiker (56) ist längst nicht der Einzige, der die Auseinandersetzung mit der Bergwelt zum Thema seiner Kunst erkor. Heftig diskutiert und vom Alpenverein vehement abgelehnt wurde im vergangenen Jahr der Transport eines vier Tonnen schweren Steins aus der Provinz Sichuan auf den Gipfel des Dachsteins, eine Aktion des chinesischen Künstlers Ai Weiwei im Rahmen des steirischen Kulturfestivals "regionale". Ai Weiwei wollte nach eigener Aussage damit das Spannungsverhältnis zwischen den Möglichkeiten des Menschen und der Größe der Natur thematisieren und gleichzeitig an das verheerende Erdbeben in Sichuan erinnern, bei dem sich der Stein von einem Felsen gelöst hatte.

Um die Spannung zwischen Natur und Menschenwerk ging es auch bei Signa- tur 02 des Vorarlberger Konzeptkünstlers Gottfried Bechtold. 2002 erklärte er dann die riesige Betonstaumauer des Silvrettasees zu einem von ihm entdeckten Kunstwerk, das er mit seiner Signatur versah - ein eindrucksvolles Erlebnis für jeden, der sich dem im Nachmittagslicht auf der Staumauer erstrahlenden riesigen aus Edelstahl geschnittenen Schriftzug nähert. Bechtold hatte übrigens Ai Weiweis Dachstein-Aktion schon vor über dreißig Jahren vorweggedacht, als er den Bregenzer Hausberg Pfänder mit einem Stein aus Afrika "erhöhen" wollte.

Die Auseinandersetzung von Künstlern - regionalen wie internationalen - mit der Bergwelt scheint Hochkonjunktur zu haben. Sie reicht von einem "Panoramaweg der Kreativität" im Stubaital, wo heimische Kunsthandwerker mit künstlerisch gestalteten Aussichtsbänken, darunter einer um 360 Grad drehbaren, den Blick auf die Bergwelt verändern wollen, bis zum Schweizer Hotel Furkablick, das, vom Stararchitekten Rem Koolhaas umgestaltet, mit wechselnden Installationen bekannter Künstler, etwa des Franzosen Daniel Buren und des Japaners Kazuo Katase, überrascht.

Die derzeit komplexeste und meistbeachtete Arbeit einer zwischen Land- und Concept-Art angesiedelten Kunst ist die auf zwei Jahre angelegte Installation Horizon Field, die das Kunsthaus Bregenz mit dem britischen Künstler Antony Gormley realisierte und die - äußerst erfolgreich, weil dabei auch Tourismusinstitutionen und Wanderorganisationen mitmachen - gerade bei ihrer Halbzeit angelangt ist. 100 lebensgroße Abgüsse einer menschlichen Figur wurden in einem Gebiet von 150 km² auf einer Höhe von 2039 Metern aufgestellt (DER STANDARD/derStandard.at berichteten: Ein Männlein steht im Schneefeld und Aufi zu den Eisenmännern! sowie Beobachtungen im Gebirge). Nach Aussage des Künstlers stellen sie die Frage: "Welche Rolle spielt das Projekt Menschheit in der Evolution des Lebens auf diesem Planeten."

Solch weltbewegende Gedanken kamen einem nicht in den Sinn, der heuer vor 180 Jahren starb und als Urvater der Graffitikunst gilt. Josef Kyselak (1799- 1831) führte im biedermeierlichen Wien ein bescheidenes Junggesellenleben als subalterner Beamter und wurde berühmt durch eine seltsame Marotte. Er bereiste weite Teile Mitteleuropas, zu Fuß und mit der Postkutsche, und hinterließ dabei auf Mauern, Kirchtürmen, Monumenten und Felswänden seinen in Großbuchstaben gepinselten Namenszug "Kyselak", wovon es heute noch Spuren gibt.

Der kauzige Einzelgänger war dabei durchaus darauf bedacht, seinen Namen dort zu platzieren, wo er beachtet wurde, etwa auf den Felsen des Leopoldsbergs, weithin sichtbar über die Donau. Der Registratur-Accessist in der k. k. Privat-, Familien- und Vitikalfondskassen-Oberdirektion war nämlich durchaus publicitybewusst. Er habe, heißt es, vor Beginn seiner Reise gewettet, in drei Jahren im ganzen Land bekannt zu sein, was ihm bereits nach dem ersten Jahr gelang. Jahre nach seinem frühen Tod an der Cholera schrieb der romantische Dichter Victor von Scheffel nach dem Besuch der Ruine Aggstein "Und am höchsten Saum der Mauer / Prangt der Name - KYSELAK". Also auch eine Signatur. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/15.07.2011)

  • 2,88 Meter hoch und 14,8 Meter lang ist die Signatur an der 
Silvretta-Staumauer.
Informationen: Kunsthaus Bregenz (KUB)
    foto: kub

    2,88 Meter hoch und 14,8 Meter lang ist die Signatur an der Silvretta-Staumauer.

    Informationen: Kunsthaus Bregenz (KUB)

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