Wifo sucht Wohlstandsindikator

13. Juli 2011, 17:34
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Nur weil das BIP stark zulegt, muss das noch nicht mehr Wohlstand für den einzelnen Bürger bedeuten

Nur weil das BIP stark zulegt, muss das noch nicht mehr Wohlstand für den einzelnen Bürger bedeuten. Das Wifo plädiert für eine umfassendere Betrachtung der Lebensqualität und fordert die Politik auf, eine Kommission einzusetzen.

Wien – Die USA wachsen viel dynamischer als Europa, die Japaner kommen seit Jahrzehnten kaum vom Fleck, und die Iren befanden sich vor der großen Krise in einer beispiellosen Wachstumsphase. So lauten einige der gängigen Konjunkturklischees. Sie stimmen aber nur, wenn man sich ausschließlich auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die gesamte Wertschöpfung eines Landes, beschränkt.

Dieser Blick greife aber zu kurz, meint Wifo-Chef Karl Aiginger. Sein Institut hat nun diverse andere Kennzahlen berechnet, die den Wohlstand eines Landes besser abbilden sollen.

- Bereinigtes Wachstum: Zunächst einmal: Nicht alle Teile des BIPs steigern die Lebensqualität. Hat ein ausländischer Konzern eine Niederlassung in Österreich, wird ein Teil der Gewinne ins Ausland fließen. Auch Reparaturarbeiten steigern das BIP, sorgen aber nicht für mehr Wohlstand. Daher hat das Wifo das BIP um Abschreibungen und alle monetären Transfers vom und ins Ausland bereinigt. Außerdem dürfe man nicht die gesamtstaatlichen Werte nehmen, sondern jene pro Kopf, meint Wifo-Experte Marcus Scheiblecker. Übrig bleibt dann das verfügbare Nettonationaleinkommen, also jener Teil des Wachstums, der tatsächlich beim einzelnen Bürger ankommt.

Die Folge dieser Bereinigungen: Der EU-Raum ist in den vergangenen zehn Jahren pro Kopf und Jahr doppelt so stark gewachsen wie die USA (0,8 zu 0,4 Prozent). Zum Vergleich: Beim gesamtstaatlichen BIP-Wachstum liegen die USA deutlich vorn (siehe Grafik).

Auch das vermeintlich wachstumsschwache Japan liegt bei den bereinigten Zahlen vor den USA. Die Erklärung: Die amerikanische Bevölkerung nimmt zu, die japanische stagniert. Pro Kopf haben die Japaner daher mehr vom Wachstum. Und während das irische BIP in der letzten Dekade pro Jahr um 2,5 Prozent zugelegt hat, kamen beim Einkommen der Bürger nur 0,1 Prozent an.

Österreich liegt sowohl beim BIP als auch beim Nationaleinkommen im Spitzenfeld. Nur Finnland und Schweden schneiden deutlich besser ab.

- Lebensbedingungen und Umwelt: Neben diesen allgemeinen Wachstumsindikatoren hat das Wifo auch noch zahlreiche Arbeitsmarkt- und Umweltkennzahlen für die Wohlstandsbewertung herangezogen. Österreich liegt überall gut bis sehr gut, hat sich aber in einigen Bereichen in den vergangenen Jahren verschlechtert.

Boden hat man beispielsweise bei der gerechten Einkommensverteilung verloren. Gab es hier im EU-Vergleich im Jahr 2000 noch Rang drei, schnitt man zuletzt nur mehr auf Platz sechs ab. Traditionell schlecht ist man bei der Beschäftigung älterer Menschen. Hier gab es kaum Fortschritte.

Im Umweltbereich gehört Österreich zu den Ländern mit den niedrigsten Treibhausgas-Ausstößen. Auch der Anteil erneuerbarer Energie ist dank Wasserkraft sehr hoch. Allerdings: Der Einsatz der Energie erfolgt ineffizient. Bei der Ressourcenproduktivität lag man zuletzt im EU-Vergleich nur mehr auf Platz zehn. Beim Energieverbrauch fiel man von Rang drei auf neun ab. Auch die Stickstoffoxid-Belastung ist hierzulande hoch.

Auch wenn Österreich bei einer umfassenderen Wohlstandsbetrachtung in Summe sehr gut abschneide, seien angesichts dieser Schwachstellen weitere Reformen nötig, sagte Aiginger. Die Politik forderte er auf, nach deutschem oder britischem Vorbild eine Kommission einzusetzen, die sich mit ergänzenden BIP-Messgrößen befassen soll. Als kurzfristige Alternative zum BIP sind die meisten Kennzahlen aber wohl nicht geeignet: Die Daten sind in der Regel ein bis zwei Jahre alt. (Günther Oswald, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.7.2011)

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