Rundschau: R.I.P., Raumschiff Enterprise

    Ansichtssache13. August 2011, 10:13
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    Das Doppelleben des Pavel Chekov plus Romane unter anderem von Charlie Huston, Keith Hartman und Nancy Kress unter Pseudonym

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    foto: deltus

    Ralph Doege: "Ende der Nacht"

    Gebundene Ausgabe, 272 Seiten, € 19,50, Deltus Media 2010.

    Vor allem aus sprachlichen Gründen eine echte Empfehlung ist der Erzählband "Ende der Nacht" des deutschen Autors Ralph Doege, der seine Geschichten bislang in Anthologien veröffentlichte und hier 14 Stück gesammelt präsentiert; fast jede einzelne davon ein richtiges Schmuckstück. Das Genre ist Slipstream, also an der Grenze von Mainstream- und Genreliteratur angesiedelt. Mal stärker, mal schwächer spielen sich die kurzen Erzählungen vor einem SF- oder Fantasyhintergrund ab oder wechseln im Verlauf des Geschehens aus dem Alltag in den Magic Realism hinüber. Den Schlüssel zur Konstruktion seiner Geschichten liefert Doege selbstironisch im letzten Beitrag "Zombie!Music for Zombie!People" aus dem Munde eines Autors, der ein untotes Werk der ungewöhnlicheren Art entwirft: Hier sollte vielleicht dann noch ein wenig Hintergrundwissen zur 'Welt' eingefügt werden. Nicht zu viel, denn so interessant ist das ja auch nicht. Wen interessiert schon eine fiktive Welt, ist ja nur ein Symbol, eine Metapher, die angedeutet hoffentlich mehr Kraft entfaltet.

    SFisch ist besagte "Welt" beispielsweise in "Balkonstaat", wo eine zur Gänze auf Arbeit und Konsum fixierte Gesellschaft private Umtriebe so weit verboten hat, dass sogar Sex in der Ehe als Unzucht gilt. Der Ich-Erzähler und seine Frau werden zu staatsfeindlichen Elementen, indem sie ... einfach nur zu leben beginnen. Als genaues Gegenteil dazu hat sich in "Freepolis" die Stadt selbigen Namens von den sie umgebenden Überwachungsstaaten losgesagt - und hat ausgerechnet einen Privatdetektiv als Hauptfigur. Doch lässt sich dieser beim Schnüffeln so sehr in die Gedankenwelt seines Zielobjekts hineinziehen, dass er schließlich unlösbar in dessen Leben involviert ist. "Writer's Cut" schließlich führt eine zukünftige Ebene ein, auf der sich der Erzähler in eine Androidin verliebt und dies in eine Geschichte ummünzt, die in unserer Gegenwart angesiedelt ist. Letztlich wird daraus ein Ouroboros von zwei Geschichten, die einander schreiben wie in M. C. Eschers berühmter Zeichnung "Drawing Hands" - ein Spiel mit Meta-Ebenen, das Doege im famosen "Zombie!Music for Zombie!People" noch um einiges komplexer (und unterhaltsamer) ausgestaltet.

    Vergebliche Liebe zieht sich als Leitmotiv durch den ganzen Band. Wir finden sie bei einem Paar von Auftragskillern ("Nikki oder Jeder stirbt allein"), bei einem Journalisten, der in Doeges Wohnort Leipzig auf den Hexer Aleister Crowley trifft, oder beim Insassen einer Anstalt, der sein Japan-Pop-Idol anhimmelt und andere Welten wahrnimmt, wenn er seine Pillen nicht eingenommen hat ("Kago Ai oder Das Ende der Nacht"). Oft heißt das weibliche Ziel der Begierde Julia - auch in der Geschichte "Die Zwillinge", in der Julia und Julian nach 20 Jahren am Grab der Mutter zusammenkommen und für sich das Konzept der "Pandrogynie" entdecken - ganz wie Underground-Künstler Genesis Breyer P-Orridge, der für diese Episode auch den Soundtrack abgibt.

    In der Regel ist es der Mann, der vergeblich liebt - und manchmal eine Überraschung erlebt: In "Laura und die weiße Spinne" nimmt die Begegnung zwischen einer Buchhändlerin und ihrem Stalker einen gänzlich unerwarteten Verlauf, in "Wunden" forscht Protagonist Kaltenbrenner nach seiner verschwundenen Aisha, um sie in drastisch veränderter Form zu finden, im fantasyhaften "Altes Muster" schließlich schlüpft die Jungfrau, die dem Drachen geopfert wird, in eine gänzlich andere Rolle. Vieles davon ist metaphorisch zu nehmen, doch das Überwechseln einer Geschichte in den Magic Realism ("Balkonstaat", "Wunden") bleibt nicht die einzige Form von überraschender Wendung. "Karmamaschine" beispielsweise entwickelt sich als notdürftig SFisch getarntes Gedankenspiel über die Nicht-Existenz eines freien Willens, um dann in schockierender Weise in ein alles andere als hypothetisches Geschehen zu münden. Und das ist kaum mehr als eine Fingerübung zum beeindruckenden "Alter Ego": Eine Zeitreise aus therapeutischen Gründen führt hier das ältere und jüngere Ich eines Mannes zusammen, was aber nur den Rahmen für eine Dekonstruktion des Ich-Begriffs mit zahlreichen Verweisen auf die Fachliteratur von Francisco Varela bis Peter Sloterdijk abgibt. Und wieder mit einer unerwarteten Wendung am Ende.

    Die neben "Alter Ego" und "Zombie!Music for Zombie!People" stärkste Geschichte kommt gänzlich ohne jede Erklärung ihrer fiktiven Welt aus. "Im Sog" lebt rein von seiner atmosphärischen Wirkung, entfaltet anhand eines alten Ehepaars, das in einem Häuschen voller Erinnerungen wohnt, um das unaufhaltsam eine alleszerstörende Flut ansteigt. - Wie schon tausendfach gesagt: Kurzgeschichten sind wie Süßigkeiten in kleinen Dosen zu genießen - das gilt für die billige Milchschoggi von der Tankstelle, erst recht aber für edle Schokolade wie diesen Band.

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