Wie ich zum Opfer der Griechenland-Krise wurde

Kommentar der anderen8. Juli 2011, 19:40
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Aufzeichnungen eines Nicht-Experten von einer mentalen Odyssee durch allerlei Deutungen des gegenwärtigen Unheils - Von Christian Fleck

Aufzeichnungen eines Nicht-Experten von einer mentalen Odyssee durch allerlei Deutungen des gegenwärtigen Unheils - an deren vorläufigem Ende nur ein Wunsch offenbleibt: Kann bitte irgendjemand einmal schlüssig erklären, was hier vor sich geht?

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Ich will nicht länger Opfer der Griechenland-Krise sein. Zum Opfer wurde ich nicht, weil ich griechische Staatsanleihen gezeichnet oder wegen der unsicheren Lage meinen Urlaub storniert habe, nein, geopfert habe ich in den vergangenen Monaten Zeit und Hirnschmalz, um wenigstens in Grundzügen zu verstehen, was der Fall ist.

Auf dieser mentalen Odyssee traf ich, auf dieser und vergleichbaren Seiten, Essayisten, die ihr Mitleid mit den doch so netten Griechen kundtaten, Denker, die die Wiege der Demokratie nicht den Bach des schnöden Mammons hinuntergehen sehen wollten, Erleuchtete, die ihren Lesern weismachen wollen, dass alles von der Differenz zwischen Zinssatz und Wachstumsrate abhänge, Prediger, die in der nun endlich möglichen Etablierung einer Gemeinwohlökonomie die Rettung sehen und die, die es immer schon wussten: Der Euro kann nicht funktionieren. Das war alles nett zu lesen und manchmal auch informativ, doch beschlich mich immer mehr der Eindruck, es handle sich um Beiträge zu einer Anthologie wie jener der 10.000 ÖFB-Bundestrainer: leidenschaftlich, aber ein wenig unprofessionell.

Wo sind die Beiträge der Fachleute geblieben? Bzw. wer ist überhaupt ein Fachmann oder eine Fachfrau, die mir und anderen plausibel machen kann, was Sache ist?

Ich habe begründete Zweifel, dass die Banker, die neuerdings (auch dieser Zeitung) so gerne Interviews geben, in denen sie uns glauben machen wollen, dass sie nichts mit der Krise zu tun haben, wohl aber wüssten, was zu tun sei, unparteiisch genug sind, trifft doch auf mehr als nur einen die neue Berufsbezeichnung Bangster zu. Die Verursacher des Elends sind selten gute Diagnostiker. Auch der kürzlich im Bundeskanzleramt konstituierte Wirtschaftsrat der Bundesregierung, der sich aus Spitzenvertretern der Industrie- und Finanzwirtschaft (so weit ich sehen kann war darunter kein einziger Wirtschaftswissenschafter!) zusammensetzt, verfolgt wohl eher Eigeninteressen und kommt daher als Auskunftsperson kaum in Frage.

Bescheidenes Ansinnen

Warum, so frage ich mich, muss ich in die Tiefen der internationalen Wirtschaftspresse eintauchen, um auf Antworten zu stoßen, die plausibel klingen, aber vor allem neue Fragen aufwerfen? Auf der "Börsen und Märkte" betitelten Seite der Neuen Zürcher Zeitung etwa konnte man am 4. Juli lesen, die "Rettung von Banken (sei das) wahre Ziel der europäischen Bemühungen". In diesem Artikel werden "Währungsstrategen", "Händler" und "Vermögens- und Kapitalverwalter" zitiert, die unisono bestätigen, was die Überschrift verkündete. Der Verfasser fügte dem nur hinzu, dass "Kommentatoren und Teilnehmer an den internationalen Finanzmärkten" "skeptisch oder gar zynisch reagiert haben".

Dabei sind meine Erklärungswünsche doch ganz bescheidene: Ich will eigentlich nur wissen, ob die jetzige, die Griechenland-Krise bloß eine neue Etappe des seit 2008 zu beobachtenden Debakels ist oder ob es sich um etwas Neues handelt? Die Royal Bank of Scotland, der Versicherungskonzern AIG, der Bankmoloch Citigroup und all die anderen, denen mit Steuermitteln aus der Patsche geholfen wurde, nachdem sich der Bankrott von Lehmann Brothers als folgenschwerer denn erwartet herausstellte, waren "too big to fail" - ist Griechenland auch zu groß oder geht es gar nicht um die Größe des vom Bankrott bedrohten Staates (oder Unternehmens), sondern um die unübersichtliche Verkettung der Kontrakte zwischen den Gläubigern und ihren Wetten darauf, dass Griechenland (nicht) untergehen wird?

Wer erklärt mir, warum griechische Staatsanleihen mit zweistelligen Zinssätzen heute, wo die europäischen Regierungschefs und Finanzminister doch mehr oder weniger unmissverständlich verkündeten, Griechenland nicht allein zu lassen, nicht heiß begehrte Finanztitel wurden?

Magisches Weltbild

Von wem kann ich eine Auskunft darüber bekommen, warum gewöhnliche Firmen im Fall von Zahlungsunfähigkeit zum Insolvenzrichter gehen müssen, Griechenland aber wegen der Herabstufung durch (private) Ratingagenturen in den Bankrott schlittern würde?

Fragen wie diese zu beantworten fiele, dachte ich bisher, i n die Kompetenz von Wirtschafts- und Finanzwissenschaftern; uns über die Verteilung der Macht und die Verschiebung der Balance zwischen Machtgruppen aufzuklären, gehöre zu den vornehmsten Aufgaben der Politikwissenschaft. Das Schweigen der Wissenschafter ist nicht nur ärgerlich, sondern droht auch die Deutungshoheit jenen zu überlassen, die zwar nichts erklären können, aber immer schon Bescheid wussten. Mitglieder bildungsnaher Schichten kümmern sich immer weniger darum, die gegenwärtige Krise zu verstehen, sie überblättern die Wirtschaftsseiten und verkünden, ohne zu erröten, dass sie davon halt nichts verstehen.

Am anderen Ende des Bildungsspektrums, wo sich die Bildungsfernen tummeln, sind die Reaktionen nicht weniger hilflos, dafür lauter: Man klopft sich auf die Schenkel, wenn Rattenfänger "unser Geld für unsere Leut'" verkünden (Schlingensief, der vor Jahren dies in Graz tat, als er Geldscheine unters Volk warf, hätte seine Freude).

Die Folge unerklärter Verhältnisse wird die Ausbreitung von Ersatzdeutungen sein, deren ja schon jetzt genügend durch die Internetforen geistern. Ersatzschuldige sonder Zahl werden geoutet und Pseudoerklärungen blühen in einer Population, deren ökonomischer Alphabetisierungsgrad ohnehin bescheiden ist. Die Rückkehr zu einem magischen Weltbild steht nicht mehr bevor, sondern ist bereits eine Tatsache. Die neuen Götter mögen Gier oder Ratingagentur heißen, dass beide das geronnene Ergebnis des Handelns von Menschen sind und daher auch anders aussehen könnten, fällt dem Vergessen anheim.

Zu "kompliziert"?

Dabei gilt eine Ausrede, die Wirtschaftswissenschafter gemeinhin bemühen, mit Sicherheit nicht: Die Verhältnisse mögen kompliziert sein, doch ein zumindest annähernder Konsens, zu dem sich Fachleute zusammenraufen, hat in anderen bedrohlichen Lagen durchaus zu einer Belehrung der "gewöhnlichen" Leute geführt. Erinnert sei nur an die anfänglichen Deutungen der Aids-Epidemie durch jene, die meinten, für die Moral zuständig zu sein, was nach drei Jahrzehnten höchstens noch schlechtem Kabarett als Material dient. Beharrliche Aufklärungsarbeit kann Einstellungen und Verhalten modifizieren. Das Intergovernmental Panel on Climate Change hat wesentlich zum Verständnis des von Menschen verursachten Klimawandels beigetragen, woran berechtigte Kritik an Einzelbefunden und übertriebenen Deutungen beteiligter Wissenschafter nichts geändert hat. Ein halbwegs stabiler Konsens unter Wissenschaftern verträgt Mängelrügen.

Für den Fall der wirtschaftlichen Krise(n) und ihren Herausforderungen für die davon direkt oder indirekt Betroffenen kann man den "zuständigen" Wissenschaftern den Vorwurf nicht ersparen, sich der Aufgabe zu entziehen, eine halbwegs stimmige Deutung dessen, was der Fall ist zustande gebracht zu haben.

PS: Soeben lese ich, dass der US-Bundesstaat Minnesota zahlungsunfähig ist - und wie die Ratingagentur Fitch darauf reagierte: Dieselbe Agentur (oder war's eine von den zwei anderen? - egal), die Griechenland und Portugal schon vor Monaten in den Bonitäts-Hades "Trashniveau" geschickt hat, wiewohl der Staatsbankrott in beiden Fällen bisher erfolgreich abgewendet wurde, zögerte nicht, die bisherige Triple-A-Bonität (!) auf AA+-Level zu reduzieren - also von "sehr gut" auf "sehr gut minus" sozusagen. - Ich glaube, ich bin auch ein Opfer der Minnesota-Krise ... (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.7.2011)

CHRISTIAN FLECK ist Soziologe an der Universität Graz.

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