Ungarn: Kahlschlag im Staatsfunk

8. Juli 2011, 18:35
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Mit einer beispiellosen Säuberungsaktion geht Ungarns rechtsnationale Regierungspartei gegen das eigene Staatsfernsehen vor: 550 Medienarbeiter sollen sofort ihren Job verlieren, weitere 1000 Entlassungen folgen im Herbst

Budapest - Bei den bereits geknebelten ungarischen Staatsmedien hat der seit langem angekündigte massive Personalabbau begonnen, bei dem wohl die letzten verbliebenen kritischen Journalisten ihren Job verlieren dürften. 550 Reporter, Redakteure und Techniker der TV-Sender MTV und Duna, des Rundfunks und der Nachrichtenagentur MTI sollen sofort entlassen werden, teilte der staatliche Fonds MTVA mit, dem all diese Institutionen gehören.

Nach ersten Kommentaren in Privatmedien, denen zufolge es sich um eine von der Regierung der rechtsnationalen FIDESZ initiierte Säuberungsaktion handelt, drohte MTVA, jeden vor Gericht zu ziehen, der dem Vorgang öffentlich politische Motive unterstellt. Weitere 1000 Entlassungen sollen im Herbst folgen. Zwar gibt es ernstzunehmende Stimmen in der Branche, die sagen, dass die Staatsmedien verschuldet und personell überbesetzt sind und dass auch die Programmgestaltung eine Reform vertragen könnte. Aber es sieht nicht so aus, als gehe es den Machthabern bei MTVA um journalistische Qualität. Entlassen werden jetzt viele junge, talentierte Reporter, aber auch langjährige Stars wie László Benda, der als Auslandsfernsehreporter einen Stil geprägt und dafür mehrere Preise bekommen hat.

Beim Fernsehen wurde die gesamte Abendnachrichtenredaktion entlassen, ebenso ganze Teams, die Kultursendungen produzierten. MTVA behauptet, sich vorher mit der Journalistengewerkschaft über die Entlassungen geeinigt zu haben.

"Verantwortungslos"

Die Gewerkschaft bezeichnete den Personalabbau als "verantwortungslos", weil dieser die Sicherheit des Programms und damit den gesetzlichen Auftrag der staatlichen Medien gefährde. MTVA habe keinerlei Umstrukturierungsplan vorgelegt. Die betriebswirtschaftlichen Pläne, ebenso wie die neuen Programmschemata würden geheimgehalten. Die private Internetzeitung index.hu mutmaßt, dass das Staatsfernsehen verstärkt Produktionsaufträge für Sendungen an Privatfirmen vergeben wird, die zur Klientel der Regierung gehören. (Kathrin Lauer/DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.7.2011)

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