Showdown in Absurdistan

8. Juli 2011, 17:07
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Der Kunstmarkt ist seit dieser Woche um eine Sensation ärmer und einen Skandal reicher. Im Mittelpunkt stehen eine Skulptur von de Vries und viele Fragen

Kein Herkules, eher ein Bacchus (Römer) oder Dionysos (Griechen), der Weinranken am Baumstumpf wegen. Auch Atlas scheidet aus, trotz der Weltkugel als typischem Accessoire. Denn die Statue trägt das Himmelsgewölbe nicht, vielmehr scheint es über der Schulter zu schweben. Dazu unterscheidet sich das Gussmaterial von jenem der Figur, und es dürfte das ursprünglich vorgesehene Weinfass, wohl auf expliziten Wunsch des späteren Käufers, ersetzt worden sein.

Eine mythologische Figur also und gemäß der Signatur und Datierung ein Adriaen de Vries von 1626. Eine Werkstattsignatur, ist Johann Kräftner, Kurator der fürstlichen Sammlung Liechtenstein, überzeugt, auch weil der damals am Prager Hof tätige Niederländer meist nicht signierte. Ein Fehlguss aus dem Todesjahr des manieristischen Bildhauers wäre denkbar. Dazu muss man wissen, dass der manieristische Bildhauer das Verfahren mit verlorener Form bevorzugte und es sich bei den auf diese Weise gegossenen Bronzen um Einzelstücke handelt. Im Laufe seines Schaffens wurde die Oberflächengestaltung seines Wachsmodells immer freier und die nachträglichen Ziselierungen an der Bronze immer sparsamer.

Über die akribische Behandlung der Oberfläche, bei der jeder Quadratzentimeter lebt und traditionelle Kunsthistoriker vor Ehrfurcht erstarren lässt, verfügt die vor etwa zwölf Monaten von Christie's-Mitarbeitern im Zuge einer Routineschätzung aufgespürte Skulptur definitiv nicht. Und exakt dieser Aspekt ist - oder war - das große Potenzial dieser Entdeckung.

Faszinierendes Non-finito

Gerade dieses Non-finito, dieses die Expressivität steigernde Unfertige à la Rodin sei der besondere Reiz, "faszinierend, wie er sich um Details da nicht geschert hat", begeistert sich Kräftner. Dass er - derzeit auf einem griechischen Eiland urlaubend - einer der Interessenten gewesen wäre, will er gar nicht leugnen. Sechs bis neun Millionen Euro?! Nein. Realistisch betrachtet hätte man als Käufer wohl mit zumindest 20, wenn nicht 40 Millionen rechnen müssen. Auf etwa fünf internationale Museen und vielleicht drei Privatsammler hatte er das Feld seiner Konkurrenten eingeschränkt. Durchaus möglich, dass ihm aber auch noch ein nicht einkalkulierter Aficionado zeitgenössischer Kunst in die Suppe gespuckt hätte. Die Welt wird es nie erfahren, die Chronisten des internationalen Kunstmarktes haben diese Sensation in den letzten Tagen zu Grabe tragen müssen.

Die Weltpremiere des letzten Teils der Harry Potter-Saga blieb am 7. Juli tatsächlich die einzige Attraktion in London. Der mythologischen Bronzeskulptur von Adriaen de Vries war kein heroischer Showdown vergönnt, eher ein absurder. Zwei Tage vor der Auktion veröffentlichte der Standard ("Mit Mythen zur Ausfuhrbewilligung", 5. Juli) einen Bericht, der die lückenhafte Informationspolitik seitens des Auktionshauses im Zuge des Ausfuhrantrags für die Bronze aufdeckte.

Der de Vries schmückte seit 1700 den Innenhof eines Schlosses. Christie's dokumentierte diese für den Marktwert des Objekts überaus relevante Provenienz in dem vor knapp drei Wochen publizierten Katalog mit zwei Kupferstichen, datiert 1700 und 1723, konkret mit Detailaufnahme daraus. Denn mit der Gesamtansicht hätte man sofort das (baulich bis heute kaum veränderte) Schloss und damit auch jenen Eigentümer preisgegeben, der beides diskret behandelt wissen wollte. Eine Quadratur des Kreises. Nach Recherchen wurden Schloss St. Martin in Oberösterreich und Besitzer Riprand Graf Arco-Zinneberg (Österreich-Lexikon) öffentlich.

Vertrauen statt Kontrolle

Im Bundesdenkmalamt (BDA) herrschte Entrüstung. Denn man hatte (im April) eine Ausfuhrgenehmigung für den de Vries erteilt, ohne den ursprünglichen und seit 1939 denkmalgeschützten Standort zu kennen. Trotz mehrfacher Nachfrage seitens der Ausfuhrabteilung (schriftlich? Nein, mündlich.) hatte das Auktionshaus (Der Experte in London? Nein, die Chefin des Wiener Büros.) dazu mit Verweis auf die notwendige Diskretion keine Angaben machen wollen.

Die Eigentümer wüssten laut Christie's von keinem Denkmalschutz (die Populärbibel Wikipedia schon). Von wegen, konterte das BDA prompt, Familie Arco-Zinneberg beziehe vom Landeskonservatorat (OÖ) doch seit Jahren entsprechende Subventionen. Nun könnte sich die Bezirkshauptmannschaft für diese Episode (u.a. Veränderung des Denkmals) mit einer Verwaltungsstrafe (rd. 51.000 Euro) revanchieren.

Man sei ja geradezu vorsätzlich in die Irre geführt worden, polterte das BDA, hob die Ausfuhrgenehmigung mit sofortiger Wirkung auf und leitete ein Wiederaufnahmeverfahren ein. Dienstags feilschten noch die Juristen (BDA & Christie's), Mittwoch Nachmittag ordnete das Kulturministerium die Rückholung an. Als man mit sachlichen Argumenten noch einen für alle Parteien vertretbaren Weg hätte finden können, verlor man die Nerven. Christie's nahm die Skulptur aus der Auktion. Eine bittere Niederlage für das Expertenteam. Statt die ("once in a lifetime") Entdeckung zu feiern, in die Donald Johnston und seine Mitarbeiter ein Jahr Leidenschaft und Know-how investierten, stand plötzlich ein Kniefall vor behördlichen Schreibtischathleten auf dem Programm.

Zurück bleiben Fragen, sogar mehrere. Warum hat das BDA überhaupt die Ausfuhr genehmigt? Womöglich auch auf Basis der Stellungnahme zur Bedeutung der Skulptur seitens des KHM? Laut dieser hält der künstlerische Wert der Bronze dem Vergleich zu solchen im hauseigenen Bestand nicht stand. Im übertragenen Sinne gab es aus Sicht der dortigen Kunsthistoriker also keine Einwände gegen eine Ausfuhr.

Hätte das BDA nicht doch auf detaillierten Informationen bestehen können, andernfalls eine Sperre drohe? Durchaus, aber man habe Christie's nach so vielen Jahren und Anträgen ja auch vertraut, erklärt Brigitte Faszbinder-Brückner. Hätte man bei Offenlegung der tatsächlichen Provenienz seitens Christie's ohnedies die Ausfuhr bewilligt? Möglich, gesteht die Leiterin der Ausfuhrabteilung ein, wenn etwa berücksichtigungswürdige Gründe (z. B.: Renovierung von Schloss St. Martin) vom Antragsteller angeführt worden wären. Gibt es im BDA-Akt zum Schloss keine Inventarliste, in der zumindest eine Brunnenfigur angeführt ist? Nun, der Bescheid aus dem Jahr 1939 sei ja eher kurz gefasst und nein, seither (zu wenig Personal, nicht Jahre) auch um keine solche Bestandsliste ergänzt.

Obwohl das BDA in den nächsten drei Monaten die Ausfuhr genehmigen könnte, das Objekt, von dessen Existenz man (bis zur Christie's-Entdeckung) gar nichts wusste, muss (auf ministeriellen Wunsch) zurück nach Österreich. Dann kann das frisch restaurierte Meisterwerk ungeachtet konservatorischer Bedenken wieder auf den Sockel gehievt werden und den (öffentlich gar nicht zugänglichen) Schlosshof als zentraler Blickfang die nächsten Jahrhunderte schmücken.  (Olga Kronsteiner/ DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.7.2011)

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    Die Skulptur von Adriaen de Vries inmitten des Schlosshofes von St. Martin: Für das BDA "der zentrale Blickfang" - nur wusste man bis zur Entdeckung durch Christie's gar nicht von dessen Existenz.

     

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    Detail des Kupferstichs

     

     

  • Weinranken am Baumstumpf als Indiz: Die Figur sollte ursprünglich vermutlich ein Weinfass tragen.
 
    foto: christie's

    Weinranken am Baumstumpf als Indiz: Die Figur sollte ursprünglich vermutlich ein Weinfass tragen.

     

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