Roter Teppich für die Masse

8. Juli 2011, 17:06
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In London gehen der Kunsthandel und die Auktionshäuser vor der Sommerpause vereint auf lukrativen Kundenfang

In Mayfair wird gebaut. Allerorten im feinen Londoner Innenstadt-Quartier Behinderungen, Umleitungen, Straßensperren. Eigene Schilder weisen schweren Fahrzeugen den Weg zum nächstgelegenen Eingang des Crossrail-Projekts. Bis 2018 soll ein neuer Eisenbahntunnel unter London den Flughafen Heathrow und das neue Finanzviertel Canary Wharf im Osten miteinander verbinden. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf 17,7 Milliarden Euro.

Auch der Londoner Kunstmarkt wird umgebaut, und wieder geht es um neue Verbindungen, wenn auch nicht um eine ganz so hohe Summe. Zum dritten Mal fanden sich diese Woche Galerien und Auktionshäuser in Mayfair zur Master Paintings Week (MPW) zusammen. Seit 2009 koordinieren die Teilnehmer damit jedes Jahr etwas, das für den deutschsprachigen Raum eher ungewöhnlich scheint: Zeitlich gruppiert um die etablierten Auktionen Alter Meister bieten 23 Galerien eigens arrangierte Ausstellungen, Vorträge und Sonderverkäufe. So gibt es bei Colnaghi unter der Ägide des Münchner Spezialisten Konrad Bernheimer noch bis Ende Juli Meisterwerke der Österreicher Franz Christoph Janneck (1703-1761) und Johann Georg Platzer (1704-1761) zu bewundern.

Traditioneller Schulterschluss

Gibt es in London gar keine Berührungsängste zwischen dem vornehm-diskreten Kunsthandel und dem rohen Kommerz der Auktionshäuser? "Ach nein", sagt Rachel Elwes lachend. "Je mehr, desto besser." Natürlich bleiben Auktionshäuser, der Kunsthandel und Galerien untereinander Konkurrenten. "Aber es lohnt sich für uns alle, als kritische Masse zusammenzukommen."

Elwes' Galerie - sie heißt nach ihrem Mann Ben Elwes Fine Art - haben wir in einer Nebenstraße der New Bond Street gefunden. Über die steile Treppe, belegt mit blaugrünem Schottenkaro ("Das war aber nicht unsere Wahl!") geht es in die herrlich lichte Beletage, wo mehrere kleine Gemälde aus dem 17. und 18. Jahrhundert hängen. Gerade sei die Vize-Direktorin des Metropolitan Museums in New York zu Gast gewesen, berichtet Elwes begeistert und spricht damit einen der Vorteile sowohl für Anbieter als auch die Klientel der MPW an: In bequem fußläufiger Nähe können Interessenten die immense Expertise der in Mayfair versammelten Galeristen abrufen und deren Angebote betrachten. Umgekehrt "lernen viele Galeristen endlich einmal die wichtigsten Kunsthistoriker persönlich kennen, mit denen sie sonst nur per email korrespondieren", weiß Sue Bond, die das Event mitorganisiert.

Auf der New Bond Street zwängen sich die Kunst- und Konsum-interessierten am Bauzaun des Nachbarhauses und an einer schweren Maybach-Limousine vorbei, ehe sie erleichtert im Auktionshaus Sotheby's verschwinden. Dort wie bei Christie's und Bonhams auch, stiegen diese Woche die Auktionen Alter Meister, deretwegen viele Museumskuratoren aus Amerika und Europa Jahr für Jahr nach London kommen. Nur die Stars wechseln von Saison zu Saison, zu jenen der aktuellen erklärten anonyme Käufer unbekannter Nationalität George Stubbs Gemälde des berühmten Rennpferds Cimcrack (Christie's, 24,79 Mio. Euro) sowie Francesco Guardis prachtvolle Venedigansicht mit der Rialto-Brücke (Sotheby's, 29, 83 Mio. Euro). (Sebastian Borger / DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.7.2011)

  • Ein Österreicher in London: Johann Georg Platzers Ansicht seines 
Ateliers 
wartet für 980.000 Euro auf einen neuen Besitzer.
    foto: colnaghi

    Ein Österreicher in London: Johann Georg Platzers Ansicht seines Ateliers wartet für 980.000 Euro auf einen neuen Besitzer.

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