Otto Habsburg trug als Letzter die geschichtliche Aura des Hauses Habsburg

4. Juli 2011, 10:29
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Der Sohn des letzten Kaisers von Österreich scheiterte mit den meisten seiner politischen Ambitionen, erwarb sich aber späte Verdienste um die Einigung Europas

Wien – Als Kaiser von Österreich und König von Ungarn wäre er Otto I. gewesen. Als bedeutender Vertreter des Hauses Habsburg ist er wohl Otto, der Letzte. Was nach ihm kommt, trägt zwar den Namen des Herrschergeschlechts, das 650 Jahre lang Österreich regierte, wird aber aller Voraussicht nach nicht die geschichtliche Aura herüberretten können, die Otto auch fast 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie noch umgab.

Otto Habsburg-Lothringen, wie er in Österreich amtlich seit 1957 hieß, wurde am 20. November 1912 in der Villa Wartholz bei Reichenau an der Rax als Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit Franz Joseph Otto Robert Maria Anton Karl Max Heinrich Sixtus Xaver Felix Renatus Ludwig Gaetan Pius Ignatius, Kaiserlicher Prinz, Erzherzog von Österreich, Königlicher Prinz von Ungarn, geboren. Sein Vater Karl wurde zwei Jahre später, nach der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajewo Thronfolger, dann nach dem Tod des 86-jährigen Franz Joseph, 1916, selbst Kaiser.

Ottos willensstarke Mutter, Kaiserin Zita, erzog Otto noch nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 im Exil und nach dem Tode ihres Gatten Karl 1922 auf die Kaiserwürde hin. Ein unmöglicher Traum, den Otto im Laufe der Jahrzehnte zögernd, aber schließlich doch aufgegeben haben dürfte. Lange versuchte Otto eine aktive politische Rolle zu übernehmen, praktisch immer mit bescheidenem Erfolg.

"Fall Otto"

Im Februar 1938 forderte der 26-jährige Otto in einem Brief den an sich monarchistischen Kanzler Kurt Schuschnigg (vergeblich) auf, ihm das Amt des Kanzlers zu überlassen, um den drohenden Anschluss an Hitlerdeutschland abzuwenden. Tatsächlich aber hieß der Einmarschplan der Wehrmacht „Fall Otto“. Sogar der wohlwollende Biograph Gordon Brook-Shepherd meint dazu: „Obwohl Ottos Brief von immensem persönlichem Mut zeugte, so hat ihm gerade dieser Mut die Sicht getrübt.“ In den nächsten Jahren waren Otto und seine Familie Flüchtlinge vor Hitler. Zunächst in Belgien, Frankreich, Spanien, dann in den USA. Dort gelang es Otto, für eine Zeit das Interesse des Präsidenten Franklin Delano Roosevelt zu erwecken. Otto betrieb in Washington sicher ein wertvolles Lobbying für die Wiedererrichtung Österreichs, doch überschätzten er und seine Anhänger nach Meinung des Historikers Manfried Rauchensteiner seine Wirkung stark. 1945 hielt sich Habsburg einige Wochen in Innsbruck auf, die Wiedereinführung der unter Schuschnigg aufgehobenen Habsburgergesetze zwang ihn aber, Österreich wieder zu verlassen. Es vergingen Jahrzehnte, ehe er Österreich wieder betreten durfte – erst nachdem er 1961 auf alle Ansprüche verzichtet hatte. Übrigens gegen den Willen der Matriarchin Zita. Otto: „Aber wenn ich auf der europäischen Bühne auftreten wollte, konnte ich es mir nicht leisten, mich zu allen anderen Thronen (sic) in einen Konflikt zu begeben.“

Otto hatte 1951, im reiferen Alter von 39, Regina Prinzessin von Sachsen-Meiningen geheiratet, mit der er sieben Kinder hatte. Seit den 50er-Jahren entschloss er sich die entstehende europäische Einigung vor allem publizistisch zu unterstützen, auch als Europa-Abgeordneter für die bayrische CSU (er hatte zusätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, später auch die ungarische und kroatische). Hier entwickelte er erstmals eine gewisse Wirkung, seine Vorträge waren voll und seine Aura, seine Bescheidenheit und seine bestrickende Höflichkeit ließen viele darüber hinwegsehen, dass seine gesellschaftspolitischen Ansichten erzkonservativ bis reaktionär (und oft auch historisch falsch) waren.

Wendejahr 1989

Spät gelang ihm noch ein geschichtsträchtiger Coup. Otto hatte immer auch Europa als Ganzes gedacht, und trat vehement für den EU-Beitritt der Osteuropäer ein. Im Wendejahr 1989 nutzte er seine Kontakte in Ungarn, um die erste Massenflucht von DDR-Bürgern über die ungarisch-österreichische Grenze zu arrangieren, was indirekt zum Zusammenbruch der DDR beitrug. 2006 übergab er seinem Sohn Karl die Position als Familienoberhaupt. Dessen politische Karriere verlief unglücklich. Andere Habsburger sind zwar politisch tätig, aber nicht vom Kaliber des Patriarchen.

Seit einem Sturz 2009 und dem Tod seiner Frau Regina 2010 war Otto stark eingeschränkt und zeigte sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Er hatte immer gesagt, er wolle der älteste Habsburger und 100 Jahre alt werden. Am Montag ist er im Alter von 98 Jahren gestorben. (Hans Rauscher, 4.7.2011)

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    Otto Habsburg 2008 im Parlament

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