"Unser Verhältnis ist noch immer ambivalent"

1. Juli 2011, 17:55
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Wiens Bürgermeister Michael Häupl über die Beziehungen zwischen Wienern und Juden, seine Bemühungen um die Makkabi-Spiele und die Mu­seumswünsche des IKG-Präsidenten

Standard: Sie setzten sich dafür ein, dass die Makkabi-Spiele in Wien stattfinden. Waren Sie überrascht, als der Zuschlag kam, oder war das ein längst fälliger Schritt, über 60 Jahre nach Kriegsende?

Häupl: Ich sehe den Zuschlag nicht als Selbstverständlichkeit. Ich bin sehr froh, denn das ist ein Schritt in eine gemeinsame Zukunft. Natürlich kann man ein Verbrechen wie den Holocaust nie vergessen machen, aber eben darum geht es. Um ein friedvolles Miteinander, das wir pflegen sollten, damit so etwas nie wieder passiert. Und Sport ist immer ein Zeichen des Friedens. Ich freue mich auch deshalb über die Makkabi-Spiele, weil ich es als Zeichen der Anerkennung werte, wie sich das Verhältnis zwischen jüdischer Gemeinde und Stadt entwickelt hat.

Standard: Nämlich wie?

Häupl: Immer noch ambivalent. Offiziell könnte es kaum besser sein, wir kooperieren auf verschiedenen Ebenen hervorragend. Aber ich weiß wohl, dass es auch unter Wienern immer noch Vorbehalte und zum Teil auch offenen Antisemitismus gibt. Da haben wir noch viel zu tun.

Standard: Die FPÖ hegt gewisse Ängste vor den Spielen. Sie hat in der Bezirksratssitzung beantragt, dass aus diesem Anlass der Lärmschutz für die Anrainer am Donaukanal, wo sich auch das Lokal "Tel Aviv Beach" befindet, verstärkt wird. Zu Recht?

Häupl: Das ist vordergründig bis zum Exzess. Ich kann mich nicht erinnern, dass die FPÖ so etwas jemals gefordert hätte, etwa während der Fußball-Europameisterschaft, als der "Swiss Beach" am Donaukanal war. Wir achten immer darauf, dass nicht zu viel Lärm ist, also was soll das jetzt?

Standard: Im Vorfeld der Gemeinderatswahl gab es einige Verstimmungen zwischen Stadt und jüdischer Gemeinde: Der Wiener Gemeinderat hat Israel einstimmig verurteilt für die Erstürmung des ersten Gazaflotten-Schiffes. Das hat einige Wiener Juden empört, vor allem, weil der Gemeinderat sonst kaum Außenpolitik betreibt. War das ein Fehler?

Häupl: Die Annahme, der Wiener Gemeinderat befasse sich nicht mit Außenpolitik, ist ein Irrtum.

Standard: Höchst selten ...

Häupl: Nicht einmal das. Am Donnerstag haben wir uns mit der Europa-Deklaration befasst, wir sind in den letzten Jahren internationaler geworden. Das entspricht auch unserer Position, wir sind ja keine Kleinstadt in einem Winkel Europas. Ob diese Resolution die allerglücklichste war, lasse ich dahingestellt. Dass sich manche Gemeinderäte im Nachhinein distanziert haben, war aber auch kein besonderes Zeichen von Mut.

Standard: Täten Sie es wieder?

Häupl: Es geht hier um eine grundsätzlichere Frage: Ist Kritik an Israel Antisemitismus? Ich sage klar und deutlich: Nein, auf gar keinen Fall. Wenn ich Antisemitismus sehe, bekämpfe ich ihn entschieden. Aber demokratische Kritik an demokratischen Freunden ist ein Stück Normalität. Die Eroberung eines Schiffes mit Hilfsgütern in neutralen Gewässern, die zu neun Toten führt, ist eine Sache, wo man nachdenken darf, ob man dazu etwas sagen kann. Österreich hat ja auch das Abfeuern von Raketen auf Israel verurteilt.

Standard: Aber das Bewusstsein für die Mitschuld am Holocaust ist auch in Wien bisweilen unterentwickelt. Erst kürzlich haben Künstler eine verharmlosende Gedenktafel im Bezirksamt Leopoldstadt angeprangert, wo der zerschossenen Häuser gedacht wird, nicht aber der ermordeten jüdischen Wohnbevölkerung. Wie finden Sie das?

Häupl: Nicht gut. Eigentlich sollten wir all das hinter uns haben. Ich weiß nicht, wie viele solcher gedankenlosen Tafeln in Wien herumhängen. Aber ich habe meinen Freunden dringend empfohlen: Wenn man auf so etwas aufmerksam gemacht wird, sollte man reagieren.

Standard: IKG-Chef Ariel Muzicant hat kürzlich die Errichtung eines neuen jüdischen Museums am Morzinplatz gefordert. Sind Sie dafür, wird die Stadt das finanzieren?

Häupl: Es gibt derzeit sehr viele Museumswünsche. Bitte fragen Sie mich in einem Jahr. Momentan habe ich, ehrlich gesagt, andere Sorgen: Wir hatten im letzten Jahr über eine Milliarde weniger an Einnahmen, die Mindestsicherung ist auf über eine Milliarde an Kosten angewachsen, das ist die zweite Seite der Krise. Das müssen wir erst einmal bewältigen. (. Petra Stuiber; DER STANDARD Printausgabe; 2., 3. Juli)

Michael Häupl (61), SPÖ-Politiker, ist seit 17 Jahren Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien.

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    "Es geht hier um eine grundsätzlichere Frage: Ist Kritik an Israel Antisemitismus? Ich sage klar und deutlich: Nein, auf gar keinen Fall."

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