"Unser Strache ist der Schönste"

1. Juli 2011, 17:59
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Rechtspopulist trifft Künstler: FP-Chef Heinz-Christian Strache besuchte den Maler und Liedermacher Arik Brauer

Standard: Heinz-Christian Strache wird als künftiger Kanzler gehandelt. Was tun Sie, wenn er's wirklich wird, Herr Brauer?

Brauer: Ich werde ihm gratulieren und sagen: "Soll er zeigen, was er kann!" Aber wählen kann ich ihn nicht. Ihr seids jung, eloquent, gebildet, aber nicht imstande, euch vom rechten Rand zu lösen. Was den Nazi-Faschismus ausmacht, ist in vielen Köpfen nicht überwunden. Wenn da ein alter Jude wie ich seine Kindheit beweint, bringt das nichts - mir glaubt's ja keiner. Es wäre Ihre historische Aufgabe, gegen dieses Gedankengut anzukämpfen. Doch das tun Sie nicht. Es gibt nur eine Ach- und Krach-Ablehnung.

Strache: Politische Gegner erzeugen wider besseren Wissens ein Bild, gegen das ich täglich ankämpfe. Dabei habe ich als 69er kein Problem, mich von einer unseligen Zeit abzugrenzen, und lehne NS-Gedankengut wie jede totalitäre Ideologie vehementest ab. Das gilt auch für die FPÖ.

Standard: Ihre Partei streift doch pausenlos an. Zuletzt die Amstettner FPÖ, die Hitler nicht die Ehrenbürgerschaft aberkennen wollte.

Strache: Man kann Hitler nichts aberkennen, weil die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod erlischt - alles andere wäre verrückt.

Standard: Selbst wenn das so ist: Was sprach gegen einen symbolischen Aberkennungsakt?

Strache: Diesen Akt setzen wir, indem wir überall mit Anträgen klarstellen, dass dieser Herr seit 1945 nirgendwo Ehrenbürger ist.

Brauer: Diese Geschichte ist mir sowieso wurscht. Mich quält etwas anderes, etwa die immer noch verbreitete Vorstellung, wir hätten den Krieg verloren. Natürlich haben wir ihn gewonnen, sonst wären wir nicht in einem Land, wo eine kraftvolle Opposition auf die Regierung hindreschen kann. In einer Diktatur würden Sie als aufmüpfiger Mensch doch ein Opfer sein. Dennoch wollten Sie wieder dieses SS-Gedenken am 8. Mai auf dem Heldenplatz besuchen.

Strache: Das ist kein SS-Gedenken. Man darf niemandem etwas Böses unterstellen, wenn er der Toten des Weltkrieges gedenkt. Kein Mensch betrauert eine Niederlage.

Brauer: Sie wissen doch besser als ich, was die Teilnehmer meinen. Die sagen es nicht, aber natürlich geht es um die toten SS-Männer.

Strache: Nein, wir gedenken auch der Zivilisten, der Vertriebenen, der vergewaltigten Frauen. Alle Opfer haben ein Anrecht darauf.

Standard: In Ihrer Festrede von 2004 kamen die Juden nicht vor.

Strache: Ich habe sehr wohl der Opfer in den Konzentrationslagern gedacht - darum geht es. Ich will keine Gruppe ausschließen.

Brauer: Es ist nicht dasselbe, ob jemand stirbt, weil er ein Jud oder Zigeuner ist oder weil er in einen Krieg gegangen ist, den er persönlich vielleicht nicht wollte. Ich kann nicht alle in einen Topf werfen und sagen: G'sturbn is g'sturbn, alle gehören beweint.

Standard: Sie verkehrten als Junger selbst in rechtsextremen Kreisen, Herr Strache. Bereuen Sie das?

Brauer: Darf ich antworten? Ich war in meiner Jugend Kommunist, als ich schon wissen hätte müssen, dass Stalin Menschen in den Gulag stecken und zu Tode foltern ließ - und bin auf die gleiche blöde Lagerfeuerromantik reingefallen wie die Nazi-Buben. Da spiele ich nicht den Richter.

Strache: Ich für meinen Teil habe diesen Prozess gebraucht, weil er mich weitergebracht hat. Acht Jahre steckte ich in einem katholischen Internat, ehe ich mit 14 endlich ausbrechen konnte und mir die Freiheit genommen habe, vieles auszuprobieren. In Anlehnung an ein altes Sprichwort: Wer in seiner Jugend kein Revoluzzer ist, hat kein Herz, wer im Alter immer noch einer ist, hat kein Hirn ...

Brauer: ... ein jiddischer Spruch ...

Strache: ... und Lagerfeuerromantik gibt es bei den Pfadfinder auch.

Standard: Die tragen aber keine Waffen und können im Gegensatz zu Ihnen ausschließen, dass es Fotos mit Hitlergruß gibt.

Strache: Die Waffen waren nicht scharf, sondern mit Farbkugeln geladen - heute ist das ein anerkannter Sport. Vielleicht wurden da im Wald ein paar depperte Ideen besprochen, aber es war nichts dabei, wo man sagt: "Pfui Teufel."

Standard: Klingt weniger nach Distanzierung als bei Herrn Brauer.

Brauer: Ich bin ja auch nur ein Maler. Er ist ein Politiker, der keine Fehler machen darf.

Strache: Das ist schon ein klarer Strich. Mit 19 wusste ich dann genau, was ich will - und was nicht.

Brauer: Ich will Ihnen das ja glauben. Aber dann müssen Sie Ihre Aufgabe wahrnehmen. Ich erzähle Ihnen etwas: Ich habe den Richard Nimmerrichter, den Krone-Staberl, einmal darauf angesprochen, warum er in einer Kolumne den Einsatz von Gaskammern relativiert hat: "Mein Vater ist ganz sicher vergast worden, ich kenne den Menschen, der ihn rausgetragen hat." Daraufhin ist mir der Staberl weinend um den Hals gefallen - er war wohl auch besoffen, aber das schien von Herzen zu kommen. Warum werden die Gaskammern bestritten? Zu Tode geprügelt wurde immer, die industrielle Vernichtung aber war etwas Neues - das will ein deutscher Mensch natürlich verdrängen. Ein junger Politiker wie Sie müsste die Chance zur Aufklärung nutzen.

Standard: Gibt es freiheitliche Positionen, die Ihnen gefallen?

Brauer: Die FPÖ hat zu Recht erkannt, dass es ein Integrationsproblem bei Muslimen gibt. Imame sollen auf Deutsch predigen, wer Hass verbreitet, muss rausfliegen oder in den Häf'n - einverstanden. Wir müssen die Radikalen und den Rest auseinanderdividieren. Doch indem Strache verallgemeinert, tut er genau das Falsche. Wir haben kein Ausländerproblem, der Islam hat ein Islamproblem.

Strache: Letzteres sehe ich genauso: Österreich hat kaum ein Ausländerproblem - "Ausländer raus!" wäre ein Schwachsinn. Europäische Zuwanderer haben mit der Sprache meist nur ein Integrationsdefizit, das sich ausgleichen lässt. Schwierigkeiten gibt es bei Leuten aus kulturfernen Zonen, die von Predigern unter Druck gesetzt werden, sich nicht zu integrieren. Unsere Kritik richtet sich konkret gegen den Fundamentalismus, der keine Aufklärung kennt. Der Islam an sich verdient wie jede Weltreligion Respekt.

Brauer: Bis dahin stimme ich ja zu. Aber warum schreiben Sie dann "Daham statt Islam" auf Plakate? Da muss sich jeder Mohammedaner attackiert fühlen. Dabei leidet der arme Teufel am Bau doch am meisten darunter, wenn ein türkischer Halbstarker einem Madl eine Watsch'n gibt oder sich ein Hassprediger in die Luft sprengt. Auch hinter dem Slogan "Wiener Blut" steckt ein Rassismus.

Strache: Das Wiener Blut, das im Vielvölkerstaat entstanden ist, wurde in einem Walzer vertont, von Falco besungen. Und Plakate sind eben immer eine Zuspitzung.

Brauer: Ihr Comic-Heftl über die Türkenbelagerung ist um nichts besser - und überdies miserabel gezeichnet. Auch Mohammed-Karikaturen haben keinen Sinn.

Strache: Jesus Christus darf man aber in Karikaturen verpacken - da wird Blasphemie unterschiedlich bewertet. Toleranz darf keine Einbahnstraße sein. In der Türkei etwa dürfen heute keine Kirchen mehr gebaut werden - wir wollen, dass jede Religion bauen darf.

Standard: Die FPÖ bekämpft doch jedes einzelne Gebetshaus.

Strache: Nein, wir wollen sie nur nicht in Ballungsräumen, wo sich Anrainer wegen des Auflaufs gestört fühlen, und ohne Minarett, das ein Siegessymbol ist.

Brauer: Wie Sie diese Minarettfrage hochspielen! Die loskeppelnden Rechten werden das Problem nie lösen, das werden - Allahu akbar! - die Muslime selbst tun. Die einzige Integration, die wirklich funktioniert: Heirat zwischen den Ethnien. Das zieht sich bei den Muslimen, aber am Ende werden sie sich so integrieren, wie Sie - der tschechische Name Strache bedeutet doch Angst, oder?!

Strache: "Der Angstverbreitende", sogar!

Brauer: Na, es haben eh alle Schiss vor Ihnen.

Standard: Noch ein Slogan: Wie gefällt Ihnen "Österreich zuerst"?

Brauer: Vielen Österreichern wird das gefallen, aber an welche Gefühle appelliert dieser Satz? An puren Egoismus! Das Problem ist, dass es Egoisten auch woanders gibt. Alle Länder haben einen Strache - unser Strache ist natürlich der Schönste. Deshalb torkelt Europa dahin wie ein Angesoffener. Dabei gibt es einen riesigen Fortschritt: Europa ist so weit, dass kein Krieg mehr möglich ist. Man sollte "bravissimo" sagen und alles tun, um das zu verstärken.

Strache: Das Friedensprojekt ist ja eine schöne Entwicklung ...

Brauer: ... was ich von Ihnen jetzt zum ersten Mal höre ...

Strache: ... doch die zentralistische Entwicklung ist eine Gefahr. Es soll so laufen: Zuerst kommt das eigene Hemd, dann die Familie, dann Österreich. Und solidarisch sind wir, wenn wir uns es leisten können. Doch jetzt stehen wir vor dem größten Schuldenberg der Zweiten Republik. Die Rettungspakete für Pleitestaaten stehlen unserer Jugend die Zukunft.

Brauer: Der Homo sapiens wird nicht nur mit Egoismus, sondern auch mit Altruismus geboren. Altruismus muss Europa jetzt retten.

Standard: Gibt es ein Werk von Ihnen, dass Sie Herrn Strache ans Herz legen wollen?

Brauer: Meinen Liederzyklus Motschkern is gsund. Und das Bild Mein Vater im Winter, das sich mit Krieg und Diktatur in einer für Herrn Strache wohl erträglichen Weise beschäftigt. In uns Menschen schlummern die miesesten Eigenschaften. Wir sind solche Gfraster, wir müssen ständig wachen, dass diese Kräfte nicht zum Zug kommen.

Strache: Was Sie vielleicht nicht wissen: Wir haben im FPÖ-Klub immer wieder tolle Ausstellungen - und dafür auch schon Ihren Kollegen Ernst Fuchs gewonnen.

Brauer: Der Fuchs - mein bester Freund - macht also hinter meinem Rücken Ausstellungen bei der FPÖ? Aber gut, Berührungsängste habe auch ich keine. Ich hätte mich selbst mit Osama Bin Laden an einen Tisch gesetzt. (Gerald John, DER STANDARD; Printausabe, 2./3.7.2011)

HEINZ-CHRISTIAN STRACHE (42), Sohn eines Vertriebenen aus dem böhmischen Sudetenland, wuchs im Wiener Stadtteil Erdberg auf. Seit 1991 engagiert sich der ausgebildete Zahntechniker in der FPÖ, ab 2004 als Wiener Parteichef. Nach der Abspaltung von Jörg Haiders BZÖ im Jahr 2005 übernahm Strache die Führung der gesamten FPÖ. Bei der Nationalratswahl 2008 erreichten die Freiheitlichen 17,5 Prozent. Der zweifache Vater ist Mitglied der schlagenden Schülerverbindung "Vandalia".

ARIK BRAUER (82), Sohn eines jüdischen Schuhmachers mit litauischen Wurzeln, wuchs im Wiener Bezirk Ottakring auf. Sein Vater wurde im KZ ermordet, er selbst entging dem Holocaust in einem Versteck. Als Maler avancierte Brauer zu einem der Hauptvertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, überdies betätigte er sich als Bühnenbildner, Dichter und Sänger von Dialektliedern. Der dreifache Familienvater lebt in Wien und dem Künstlerdorf Ein-Hod in Israel.

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"Im 
Gartenpavillon signierte Arik Brauer für seinen Gast eine Platte, doch 
Heinz-Christian Straches Botschaften will er nicht unterschreiben: "Ihr 
seids jung und gebildet, aber nicht imstande, euch vom rechten Rand zu 
lösen."
    foto: der standard/cremer

     

     

    "Im Gartenpavillon signierte Arik Brauer für seinen Gast eine Platte, doch Heinz-Christian Straches Botschaften will er nicht unterschreiben: "Ihr seids jung und gebildet, aber nicht imstande, euch vom rechten Rand zu lösen."

  • "Ausländer
 raus!" wäre ein Blödsinn. Österreich hat kaum ein Ausländerproblem"
    foto: der standard/cremer

    "Ausländer raus!" wäre ein Blödsinn. Österreich hat kaum ein Ausländerproblem"

  • "In uns Menschen schlummern die miesesten 
Eigenschaften. Wir sind Gfraster"
    foto: der standard/cremer

    "In uns Menschen schlummern die miesesten Eigenschaften. Wir sind Gfraster"

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