Der ländliche Raum wird stark ausgedünnt

29. Juni 2011, 18:18
231 Postings

Die neue Bevölkerungsprognose der Statistik Austria zeigt: In den großen städtischen Räumen wird es in den kommenden 20 Jahren mehr Haushalte und Menschen im erwerbsfähigen Alter geben - Das Land stirbt langsam

Wien - Nina C. bleibt ihrer Waldviertler Heimat treu: 1,2 Kilometer fährt sie in der Früh zum Bahnhof Eggenburg, nimmt den Zug nach Wien, steigt in Heiligenstadt in die U-Bahn und erreicht in eineinhalb Stunden von Tür zu Tür ihren Arbeitsplatz in einem Wiener Innenstadtbüro. Der Rückweg am Abend ist ebenso lang - und die junge Frau nimmt das gerne auf sich: die Lebensqualität im ländlichen Raum ist ihr das wert.

Sie gehört mit diesem langen Arbeitsweg schon jetzt zu einer Minderheit - zwar pendeln zwei Millionen Menschen täglich vom Wohn- zum Arbeitsort, aber die Mehrheit der Arbeitnehmer zieht der Arbeit zumindest ein Stück weit nach. Was erhebliche Auswirkungen auf die Zahl der Haushalte und auf die Erwerbspersonen in den unterschiedlichen Regionen Österreichs hat.

Und diese Auswirkungen werden sich in den kommenden 20 bis 40 Jahren noch verstärken, sagt die Statistik Austria in ihrer am Mittwoch veröffentlichten Prognose: "Die größten Zuwächse an Erwerbspersonen wird es demnach nahezu ausschließlich in und um die großen Städte Österreichs geben, wobei die Ostregion das mit Abstand stärkste Wachstum verzeichnen wird. Bis 2050 werden im Wiener Stadtumland um 25 Prozent mehr Erwerbspersonen leben als noch im Jahr 2009. Ebenfalls sehr starke Zuwächse werden in und um Graz, in der Bundeshauptstadt Wien selbst, aber auch im Nordburgenland sowie in und um die Städte St. Pölten, Linz, Wels und Innsbruck sowie im Rheintal-Bodenseegebiet zu erwarten sein."

Alexander Hanika von der Statistik Austria sieht im Gespräch mit dem Standard eine enorme Herausforderung für die Raumordnung: "Im Umland der Städte entsteht ein erheblicher Wohnbaubedarf. Man sieht das auf der Karte: Das Tullnerfeld ist ganz rot. Das heißt: Da steigt die Zahl der Erwerbspersonen bis 2030 um mehr als zwölf Prozent, übrigens auch die Zahl der Haushalte um mehr als 20 Prozent. Das Tullnerfeld ist ja praktisch das Stadterweiterungsgebiet von Wien, es wächst langsam mit dem Raum St. Pölten zusammen. Und ähnlich geht es nach Osten in Richtung Bratislava."

Dabei wäre ein Muster zu beobachten, das den Raum Linz/Wels/ Steyr bereits geprägt hat (weshalb der Zuwachs dort nicht mehr so deutlich ausfällt) und in den anderen Ballungsräumen ähnlich ablaufen wird.

Zuwanderung entscheidend

Hanika: "Die Bevölkerungszunahme erfolgt primär durch Zuwanderung - und die Zuwanderer zieht es in die Städte selbst. Die Städter flüchten ins Umland, die wollen ein bisserl im Grünen leben." In einer nächsten Phase würden Investoren erkennen, dass im Umland der Städte ein großes Erwerbskräftepotenzial ist - es würde attraktiv mit Büros und Produktionsbetrieben diesen Arbeitskräften nachzuziehen. Wiederum eine Herausforderung für die Raumordnung und die Regionalpolitik: Denn nur bei vernünftiger Steuerung können Konflikte zwischen Betrieben und Wohnbevölkerung, vor allem aber ein Standortwettlauf zwischen den Gemeinden vermieden werden.

In Oberösterreich hat sich etwa die Stadtgemeinde Eferding mit ihren Umlandgemeinden zusammengetan, um kommunale Erträge gemeinsam zu teilen und Services gemeinsam anzubieten.

Insgesamt deutet die Bevölkerungsprognose (deren Grunddaten bereits im Vorjahr veröffentlicht worden sind) auf eine starke Alterung der österreichischen Wohnbevölkerung hin.

Periphere Räume sind davon besonders betroffen - und haben zum Teil auch mit Maßnahmen des Regionalmanagements darauf reagiert.

Der Atlas der Raumordnungskonferenz ÖROK - abrufbar auf der ÖROK-Homepage im Internet - zeigt das nördliche Waldviertel, das nördliche Weinviertel, das südliche Burgenland und die inneralpinen Täler als jene Regionen, in denen der Anteil der Bevölkerung im Alter über 65 Jahren um 23 und mehr Prozent wächst. Im Burgenland und in der Buckligen Welt stellt man sich bereits darauf ein, einen attraktiven Lebensraum für Menschen im Ruhestand zu bilden.

Und welche Chancen sieht Hanika für die anderen ausgedünnten Räume? Für Nina C.s Heimat Waldviertel sei es der Tourismus, in der Mur-Mürz-Furche, die als Industrie- und Bildungsstandort ein hohes Potenzial habe, könnte auch eine gezielte Wirtschaftsförderung der weiteren Ausdünnung entgegenwirken. (Conrad Seidl, STANDARD-Printausgabe, 30.6.2011)

  • Artikelbild
    grafik: der standard
Share if you care.