Missbrauchsvorwurf gegen hochrangigen Geistlichen

    27. Juni 2011, 11:35
    258 Postings

    Beschuldigter dementiert heftig; Frau will auch Kardinal Schönborn von den Vorwürfen informiert haben

    Wien - Kirchlicher Missbrauchsfall unter Beteiligung höchster katholischer Kreise oder Rache einer psychisch labilen Frau? Die Vorwürfe einer 45-Jährigen, die in einer Anzeige gegen einen hochrangigen Funktionär der Päpstlichen Missionswerke ("Missio"), Leo M., Christoph Kardinal Schönborn und einen weiteren Geistlichen gipfeln, sorgen für Aufregung.

    Zur Vorgeschichte: Nach einer schweren Kindheit habe sich die Frau "in die Religion geflüchtet", wie ein Sprecher der privaten Plattform "Betroffene kirchlicher Gewalt" beschreibt. Hilfe brachte das laut Anzeige der Frau nicht: Als 17-Jährige sei sie bei einer Veranstaltung im Vatikan Opfer von sexuellen Übergriffen durch einen Tiroler Geistlichen geworden.

    Dennoch hielt sie der Kirche die Treue und legte im Jahr 1992 eine sogenannte Lebensweihe ab - das Versprechen, nicht zu heiraten und nur Gott zu dienen. Aktiv war sie dafür bei einem christlichen Radiosender und einer Marien-Verehrungs-Bewegung.

    Zwei Jahre nach der Weihe soll es dann erstmals zum Missbrauch durch M. gekommen sein. Dieser sei seit 1985 auch ihr Beichtvater gewesen, schildert sie. Stimmt nicht, kontert der Mann. In einer E-Mail habe die Frau selbst geschrieben, dass er nie ihr Beichtvater gewesen sei, sekundiert "Missio"-Sprecher Eugen Waldstein.

    Die Frau wandte sich 1994 an Kardinal Schönborn, den sie bei ihrer Lebensweihe kennengelernt hatte. Das Verhältnis scheint gut gewesen zu sein - der Geistliche schickte ihr Postkarten mit der "Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen". Ihre Missbrauchsschilderungen seien von dem Würdenträger aber ignoriert worden, glaubt sie. Daher zeigte sie ihn nun wegen "Unterlassung der Verhinderung einer mit Strafe bedrohten Handlung" an.

    Schönborns Sprecher, Michael Prüller, bestätigte der Austria Presseagentur den Kontakt. Es habe sich aber um ein Beichtgespräch gehandelt - das Beichtgeheimnis habe gegolten. Ein offenes Gespräch habe es hingegen nicht gegeben.

    Mündig und volljährig

    Zudem ist man in der Erzdiözese nicht der Ansicht, dass es sich um Missbrauch gehandelt habe: Die Frau sei zum Zeitpunkt der angeblichen Übergriffe volljährig gewesen, mündig und in der Lage, sich an ein Gericht zu wenden.

    Sie habe die Sache kirchenintern klären wollen, argumentiert der Sprecher der Plattform der Missbrauchsopfer. Im Jahr 2008 habe sie sich dann an die diözesane Ombudsstelle gewandt. In einer E-Mail aus dem Sommer 2010 schreibt deren Leiter, nach seiner Einschätzung handle es sich "vermutlich um sexuelle Nötigung".

    Für Waldstein sind die Vorwürfe haltlos, er behält sich eine Klage vor. Die Frau sei nur eine gute Bekannte gewesen und habe ihn schließlich vier Jahre lang gestalkt, sie sei wohl psychisch krank. Faktum ist, dass die "Klasnic-Kommission" der 45-Jährigen 11.369 Euro für eine Therapie zugesprochen hat, allerdings keine finanzielle Entschädigung. Der Tiroler Geistliche wiederum soll in zwei Briefen seine Schuld eingestanden, dies aber wieder revidiert haben. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 27. Juni 2011)

    Share if you care.