Julia Kührer wird seit fünf Jahren vermisst

23. Juni 2011, 08:38
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Bundeskriminalamt: "Es fehlt der Ermittlungsansatz" - Auch hohe Belohnung brachte bisher keine entscheidenden Hinweise

Wien - Sie sprach an der Busstation in Pulkau (Bezirk Hollabrunn) mit drei Jugendlichen und wurde dabei von einem Zeugen beobachtet. Seither ist Julia Kührer vermisst. Am kommenden Montag jährt es sich zum fünften Mal, dass die damals 15-Jährige spurlos verschwand. Für die Polizei bleibt der Fall rätselhaft: "Es fehlt der Ermittlungsansatz", fasste Helmut Greiner, Sprecher des Bundeskriminalamts (BK), die umfangreichen, aber bisher erfolglosen Bemühungen der Fahnder zusammen.

Das Leben Kührers in den Tagen vor ihrem Verschwinden am 27. Juni 2006 wurde umfangreich durchleuchtet, vom Landeskriminalamt Niederösterreich ebenso wie vom im Jänner 2010 neu geschaffenen Referat für "Cold Case Management" im BK. Immer klarer hat sich dabei herausgestellt, dass es sich um eine einzige Frage dreht: Mit wem stand Julia Kührer von 13.33 Uhr bis 13.44 Uhr an der Bushaltestelle und unterhielt sich?

Die Ermittler haben im Laufe der Jahre ein ungemein genaues Porträt des Mädchens gezeichnet - so genau, dass ein naher Verwandter der Verschwundenen zu einem Fahnder meinte: "Du kennst sie besser als ich." Julia Kührer war demnach ein pubertierender Teenager wie viele andere auch: verschlossen zu den Eltern, sehr kontaktfreudig unter ihresgleichen. Das Zeugnis war alles andere als schlecht. Das Mobiltelefon soll dauernd im Einsatz gewesen sein. Allerdings - und das ist einer der sehr merkwürdigen Punkte des 27. Juni 2006 - kamen an jenem Tag keine Anrufe Julias bei ihren Freunden an.

Drei Verdächtige im Vorjahr verhaftet, aber wieder freigelassen

Bekannt ist auch, dass ihr Freund hin und wieder Cannabisprodukte konsumierte und Kührer da fallweise dabei war. Die Ermittler halten dies aber nicht für sonderlich auffällig. Eher schon die Tatsache, dass sie auf diese Weise drei Jugendliche bzw. junge Erwachsene kennengelernt haben könnte, die im Vorjahr in Zusammenhang mit der Causa vorübergehend festgenommen wurden. Verdachtsmomente ließen sich allerdings nicht erhärten, die drei wurden freigelassen.

Die Rekonstruktion der letzten Tage vor ihrem Verschwinden brachte keine neuen Ansätze: Weder ihr Aufenthalt beim Donauinselfest am 24. Juni noch der Besuch einer Motocross-Veranstaltung in Schrattenthal am selben Tag förderte irgendwelche Anhaltspunkte zutage, die mit ihrem Verschwinden in Verbindung gebracht werden könnten. Dass sie in Schrattenthal war, bezeichnen die Fahnder eher als Zufall. Sie soll sich dort gelangweilt haben und wurde von ihrem Bruder nach Hause gebracht. Sonntag, den 25., und Montag, den 26. Juni, verbrachte Kührer abgesehen vom Schulbesuch in Horn zu Hause.

Auch am Dienstag war Kührer in der Schule. Um 13.33 Uhr kam sie mit dem Bus aus Horn in Pulkau an. Zu diesem Zeitpunkt wollte ein Bekannter Kührers am Gemeindeamt das Aufgebot für seine Hochzeit bestellen. Weil der Bürgermeister gerade nicht anwesend war, stellte sich der Mann vor den Eingang des Amts, um eine Zigarette zu rauchen. Dabei sah er Julia im Gespräch mit zwei Jugendlichen. Dabei stand auch ein silbergrauer Wagen, in dem eine weitere Person saß. Der Bürgermeister kam, und der Zeuge ging mit ihm in das Amt. An Details zu dem Auto wie Kennzeichen oder Typ konnte sich der Mann nicht mehr erinnern. Um 13.44 Uhr fuhr der Bus in der Gegenrichtung vor. Julia war verschwunden.

Sie tauchte auch nicht mehr im örtlichen Bad auf, wo sie mit einer Freundin verabredet war. Diese rief Kührer mehrfach am Handy an, doch diese meldete sich nicht mehr. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten benützte die 15-Jährige an jenem Tag ihr Mobiltelefon überhaupt nicht. Das Gerät ist bis heute weg. Die Einloggdaten zeigten, dass es sich bis 28. Juni im Raum Horn befand, dann dürfte der Akku leer gewesen sein. Auch zwei dicke Langenscheidt-Wörterbücher (Englisch-Deutsch und Deutsch-Englisch) blieben bisher unauffindbar.

Eines der Hauptprobleme scheint das fehlende Motiv zu sein. Julia hatte Freunde, sie hatte zumindest keine schweren Drogenprobleme und sie schien auch nicht depressiv. Zu denken gibt den Ermittlern allerdings, dass sich jene Personen, mit denen Kührer nach ihrem Aussteigen aus dem Bus sprach, bisher nicht gemeldet haben. Selbst eine vom Innenministerium ausgesetzte Belohnung von 25.000 Euro plus weitere 5.000 Euro der Gemeinde lockten niemanden, nähere Angaben zu machen. Und so bleiben die quälenden Fragen: Taucht Julia wieder auf? Fiel sie einem Unfall oder einem Verbrechen zum Opfer? Wurde sie gekidnappt? Oder setzte sie sich aus bisher unbekannten Gründen ab?

Das Bundeskriminalamt bittet weiterhin um Hinweise unter Zusicherung strengster Vertraulichkeit unter der Telefonnummer 01-24836-85025 DW oder -85026 DW. (APA)

  • Altersmorphing: So soll Julia Kührer heute aussehen.
    foto: bundeskriminalamt

    Altersmorphing: So soll Julia Kührer heute aussehen.

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