"Ich bin nicht jugo-nostalgisch"

22. Juni 2011, 18:00
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Auf seiner rechten Schulter trägt der Student das Wappen des längst untergegangen Jugoslawiens. Es sei Ideologie und keine Nostalgie, meint Neno

Als Neno 1990 geboren wurde, lag die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien bereits in den letzten Atemzügen. Achtzehn Jahre später ließ sich der Student auf seinem rechten Oberarm das Wappen eines Landes tätowieren, das schon lange nicht mehr existiert.

Wenn Neno ein sommerliches Shirt mit kurzen Ärmeln trägt, ist sein Tattoo unübersehbar: "29 - XI - 1943" steht unter einem Kranz aus Weizenähren. Die Inschrift soll an den 29. November 1943 erinnern, als im zentralbosnischen Jajce der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens zusammentraf, um die Basis für ein sozialistisches Postkriegs-Jugoslawien festzulegen. Davon hat Neno nicht nur gelesen und gehört, es hat auch viel mit seiner eigenen Familiengeschichte zu tun.

Drei Jahre in Mauthausen

Nenos Großvater war im antifaschistischen Widerstand und wurde, wie zahlreiche andere jugoslawische Partisanen auch, von den Nazis nach Mauthausen gebracht. Drei Jahre überlebte er im Konzentrationslager und kehre nach der Befreiung in die Heimat zurück. Den Jugoslawienkrieg in den Neunzigerjahren erlebte der Großvater nicht mehr. Auch nicht die Flucht des Enkels und seiner Familie.

Ein Jugoslawe in Wels

"Wie es der Zufall will, sind wir als Flüchtlinge in Oberösterreich gelandet", erzählt Neno. In Wels aufgewachsen, ist Neno Jugoslawe geblieben. Seine Einstellung sei vor allem durch die Familiengeschichte geprägt, erzählt der Germanistik-Student. "Wenn du kein Nationalist bist, hast du eigentlich gar keine Wahl". Sein Vater würde eigentlich zu den bosnischen Muslimen "gehören", meint der 21jährige, seine Mutter zu den (katholischen) Kroaten. In seiner Familien stand es aber nie zur Debatte "sich zu teilen, oder sich auf diese Art einzuordnen". Religiös seien sie alle nie gewesen und deswegen würden diese Kategorien auch nicht gelten, meint Neno. Eine andere Identität als die Jugoslawische käme für ihn nicht in Frage. Die jugoslawische Idee fasziniert ihn: "Es ist einfach eine gute Idee. Der Sozialismus, wie er dort ausgelegt und gelebt wurde, hatte Sinn".

Keine politische Identität

Der Großteil seiner Altersgenossen teilen nicht seine Einstellungen, ist sich Neno bewusst. "Die Leute, die hier am Wochenende im 16. Bezirk fortgehen, haben gar keine politische Identität. Sie sind nicht Fisch und nicht Fleisch". Daran sei die Erziehung schuld, mein Neno und außerdem spiele auch der Bildungsgrad eine Rolle. Sich "ethnisch zu deklarieren" sei für viele Jugendliche mit ex-jugoslawischen Wurzeln sehr wichtig. "Die Religion spielt auch oft eine Rolle", meint Neno, und sei es nur der obligatorische Sonntagsgottesdienst. An der Geschichte der eigenen Herkunft und an dem ganzen Konflikt in Jugoslawien seien die Jugendlichen nicht interessiert. "Ich sehe auch keine Bemühungen sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen oder sich zumindest Wissen darüber anzueignen", beklagt er.

"Ich bin nicht jugo-nostalgisch"

Neno hingegen interessiert sich sehr für Literatur, Musik und vor allem die Kinematografie aus der jugoslawischen Zeit. "Es wäre schön, wenn diese Themen in Österreich auch etwas präsenter wären. Nicht immer nur die Kriegsvergangenheit", fordert der Student. Auf die Frage, ob er jugo-nostalgisch sei, meint er: "Ich bin natürlich nicht nostalgisch, ich habe diese Zeit nicht bewusst erlebt. Meine Tätowierung, das ist keine Nostalgie, das ist Ideologie. Die Idee des Sozialismus lebt ja weiter".

Für Jugoslawien gestorben

Den Großvater, der als Partisane im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat und nach Mauthausen verschleppt wurde, hat Neno nie kennengelernt. Seit seinem zwölften Lebensjahr nimmt der Student aber jedes Jahr an der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers teil. "Eine Sache, die momentan im Zusammenhang mit Mauthausen läuft, ist einfach widerlich", erzählt er mit großem Bedauern. Die Menschen, die im KZ Mauthausen umgebracht wurden, sollen nun nach "ethnischer Zugehörigkeit" unter den ehemaligen jugoslawischen Republiken aufgeteilt werden. "Sie wollen die Toten aufteilen. Aber das ist absurd, den sie sind für Jugoslawien gestorben". (Olivera Stajić, daStandard.at, 22. Juni 2011)

  • "Wenn du kein Nationalist bist, hast du eigentlich gar keine Wahl"
    foto: jasmin al-kattib

    "Wenn du kein Nationalist bist, hast du eigentlich gar keine Wahl"

  • Auf seiner rechten Schulter trägt Neno das Wappen des längst untergegangen Jugoslawiens.
    foto: jasmin al-kattib

    Auf seiner rechten Schulter trägt Neno das Wappen des längst untergegangen Jugoslawiens.

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