Schlankheitsmittel Alli zu leicht zu kriegen

22. Juni 2011, 11:22
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Konsument-Test: In 50 Prozent der Testkäufe an eine Minderjährige und eine stillende Mutter verkauft

Wien - Im Herbst 2008 beschloss die zuständige EU-Behörde, das Schlankheitsmittel Xenical mit geringerer Wirkstoffdosierung als rezeptfreies Medikament unter dem Namen Alli zuzulassen. Der Vorteil für die Herstellerfirma laut einer Aussendung des Testmagazins Konsument: Das Schlankheitspräparat konnte ab diesem Zeitpunkt direkt bei den Patienten beworben werden - was auch intensiv geschah. Bedenken von europäischen Verbraucherschützern, Jugendliche oder Patienten mit Essstörungen könnten das Präparat missbräuchlich verwenden, wurden von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) beiseite geschoben. Das Argument: Alli habe kein Missbrauchspotenzial und sei apothekenpflichtig, die Apotheker würden für die zulässige Abgabe Sorge tragen.

Apotheken in Wien im Test

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat dieses Argument auf seine Stichhaltigkeit überprüft: Zwei Testpersonen - eine schlanke Minderjährige und eine stillende Mutter - an die das Schlankheitsmittel Alli nicht abgegeben werden dürfte, suchten 16 Wiener Apotheken auf. Vier davon wurden mit "nicht zufriedenstellend" bewertet - sie händigten beiden Testpersonen das Schlankheitsmittel aus.

Was ist Alli?

In Alli steckt der Wirkstoff Orlistat, der in Österreich bereits seit 1999 unter der Bezeichnung Xenical als rezeptpflichtiges Medikament auf dem Markt ist. Orlistat wirkt hemmend auf die Fettverdauung. Etwa ein Viertel der mit der Nahrung aufgenommenen Fette wird unverdaut wieder ausgeschieden. Der Unterschied zwischen Xenical und Alli besteht in der Dosierung des Wirkstoffs. Eine Kapsel Xenical enthält 120 Milligramm Orlistat, Alli nur die Hälfte. Hintergrund ist, dass der Pharmakonzern GlaxoSmithKline Alli als rezeptfreie Variante auf den Markt bringen wollte, was die zuständigen EU-Behörden im Herbst 2008 auch genehmigten. Anders als bei Xenical ist es damit erlaubt, das Medikament direkt bei den Konsumenten zu bewerben.

Zulässig ist die Abgabe von Alli nur für übergewichtige Erwachsene mit einem Body-Mass-Index von mehr als 28 (z.B. ab 165 cm Größe bei 81 kg) sowie mit der Empfehlung für eine fettreduzierte Ernährung. An Kinder und Jugendliche sowie an schwangere und stillende Frauen darf Alli nicht abgegeben werden, da die Wirkung des Medikamentes für diese Zielgruppe nicht getestet wurde. Mögliche Nebenwirkungen sind hier daher nicht vorhersehbar.

Wirkungen und Nebenwirkungen des Medikaments

Hauptsächlich wirke Alli, weil gute Empfehlungen für ein Bewegungs- und Ernährungsprogramm mitgegeben werden, so der VKI. Die Wirkung von Alli sei allerdings minimal. Hält man sich an die Ernährungsregeln, ermöglicht Alli lediglich die Abnahme von 60 bis 80 Gramm pro Woche mehr, als wenn man sich an der vom Hersteller empfohlenen Diät orientieren würde. Damit verbunden sind aber mögliche Nebenwirkungen - unter anderem die Gefahr von Durchfall oder eines "Fettstuhles". Weiters ist problematisch, dass fettlöslichen Vitamine, wie etwa A, D, E und K ebenso mit dem gebundenen Fett ausgeschieden werden und so nicht mehr dem Körper zur Verfügung stehen. Zudem kann durch die Einnahme von Alli die Wirksamkeit der Pille beeinträchtigt werden. Nur in einer von zehn Apotheken, in denen Alli an die minderjährige Testperson verkauft wurde, wurde diese gefragt, ob sie mit der Pille verhütet.

Nicht zuletzt birgt Alli die Gefahr von Missbrauch: Zwei Tabletten statt einer reichen aus, um das Niveau von Xenical zu erreichen. So warnt auch der Europäische Verbraucherverband BEUC, dass Jugendliche oder Personen mit Essstörungen das als Lifestyle-Produkt inszenierte Alli missbräuchlich verwenden könnten und als "Einstieg" in den Schlankheitswahn nutzen. Dass derartige Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt eine zusätzliche Umfrage des VKI unter 55 österreichischen Essstörungszentren, die jährlich rund 900 Minderjährige betreuen: 45 Prozent der Patienten verwenden demnach Medikamente oder Abnehmprodukte missbräuchlich, 15 Prozent davon Alli.

Keine Option für Normalgewichtige

VKI-Gesundheitsexpertin Bärbel Klepp warnt: "Alli ist mit Sicherheit keine Option für Normalgewichtige und schon gar nicht für stillende Mütter oder Minderjährige. Eine sinnvolle Gewichtsreduktion lässt sich nur durch verminderte Energieaufnahme und Bewegung erzielen. Die Einnahme von Schlankheitsmitteln ist auf Dauer kein Weg zur Gewichtsabnahme. Denn: Es gibt einfach keine Abnehm-Wunderpillen. Derartige Mittel haben immer auch Nebenwirkungen und dürfen zudem nur über einen begrenzten Zeitraum angewendet werden. Auch Alli ist keine längerfristige 'Lösung', da es nur für die Dauer eines halben Jahres angewendet werden darf." 

AGES will sich Abnehmpille genau ansehen

Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) will den Umgang mit der Abnehmpille "Alli" nach dem schlechten Ergebnis der Testkäufe durch den Verein für Konsumenteninformation (VKI) genau unter die Lupe nehmen. "Wenn wir jetzt sehen, dass wir hier Probleme haben, dann wird man sich das auf EU-Ebene noch einmal kritisch ansehen müssen und das natürlich auch in Österreich", sagte Christoph Baumgärtel, Leiter der Abteilung für medizinische Begutachtung bei der AGES.

"Wir werden jetzt sicher einmal das Gespräch mit der Apothekerkammer suchen." Über mögliche Schritte müsse aber noch beratschlagt werden. "Nachdem das ein EU-Entschluss war, muss das von der EU entschieden werden. Österreich kann da alleine sehr schwer etwas machen", meinte Baumgärtel. Laut Rezeptpflichtverordnung in Österreich sei der Wirkstoff von "Alli" ohnehin rezeptpflichtig, wobei es möglich sei, einzelne Medikamente auszunehmen. "Das Problem ist die mangelnde Kontrolle bei der Abgabe", betonte Baumgärtel. Hier wolle man einhaken: "Die Aufhebung der Rezeptbefreiung ist der letzte Schritt." (red/APA)

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Sämtliche Informationen zum Test gibt es ab dem 24.6. im Juli-Konsument und auf www.konsument.at

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