Rosamunde und der KGB

20. Oktober 2005, 13:21
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Auf den Spuren von Literaten, Nationalisten und Gartenzwergen bereiste Herbert Timmermann die cornische Riviera

Wenn man Cornwall hört oder liest, denkt man zunächst an die unzähligen Geschichten und Mythen um König Artus, man denkt automatisch auch an die Herz-Schmerz-Geschichten in den exklusiven Manor Houses in einer der schönsten Landschaft Europas. Cornwall ist natürlich viel, viel schöner, umfangreicher, zärtlicher und spannender! Der Tamar River wird über eine Autobahnbrücke (Mautgebühr immer nur in eine Richtung) "überfahren", allerdings mit sehnsüchtigen Blicken auf die herrliche Eisenbahnbrücke von Brunel direkt daneben.

Unter uns Schiffe, bunte, große und kleine, rostige und nach Luxus riechende, alle vereint im mood, dem Schlamm der Estuary (deutscher Terminus: RIAS-Mündung), erst in sechs Stunden, wenn die Flut hereinkommt, werden die Klassenunterschiede wieder sichtbar. Natürlich kann man Tamar und Plym auch am breiteren Unterlauf überqueren, auf einer von Ketten gezogenen Fähre, um endlich das sagenumwobene Kernow zu erleben und zu erforschen. Sollten Sie Autoaufkleber mit KGB erspähen, so hat dies nichts mit vergangenen Geheimdiensten zu tun, sondern vielmehr mit Kernow Great Britain, einer Renaissance des Cornischen ( bereits Ende des 18. Jahrhunderts ausgestorben, - aber Tote leben hier eben ewig) und einer Los-von-London-Bewegung. Also, nichts wie hinunter, zur cornischen Riviera.

Von Land's End nach John O'Groats

Aber auf diesem Weg muss man natürlich auch Ann Atkins Garten mit seinen 7500 - unterschiedlichen - Gartenzwergen besuchen und einige Stunden den Spuren von John Slater folgen, der den "Kult-Weg" von Land's End nach John O'Groats, also vom südlichsten bis zum nördlichsten Punkt des Landes (sorry: Great Britains) rückwärts wandernd und im Pyjama schaffte.

Wanderer oder Autofahrer, der du dich über Loo und Polperro - Oskar Kokoschkas Wahlheimat während des Zweiten Weltkrieges - nach Fowey bewegst, erzähle nicht nur von den Palmen, den malerischen Häfen, sondern auch vom milden Klima. Das dürften auch Daphne du Mauriers erste Kindheitseindrücke gewesen sein, als die Familie das Ferryhouse in Bodinnick mietete, wo auch ihr erster Roman "The Loving Spirit" 1931 entstand. Ein gewisser Major Browning war so fasziniert von diesem Roman, dass er sich sofort mit seinem Segler in Richtung Fowey aufmachte, um die Autorin kennen zu lernen, - 1932 wurde geheiratet, allerdings standesgemäß "cornish" über den Pont Creek zur Kirche segelnd, um anschließend auf einem Motorschoner die Flitterwochen im Frenchman's Creek auf dem Helford River zu verbringen.

1943 schließlich mietete sie in Kilmarth ihr sehnsüchtig geliebtes Menabilly Estate (für mehr als zwanzig Jahre), das große Vorbild von Rebeccas Manderly (1938), das zwei Jahre später durch Alfred Hitchcock Weltruhm erlangen sollte, allerdings wurden die herrlichen Felsküsten Cornwalls - kriegsbedingt - kurzfristig nach Kalifornien verlegt und Schloss Manderly auf eine wenige Meter breite Holzkulisse reduziert.

Ins Bodmin-Moor

Verlassen wir die Südküste und begleiten die junge Maurier auf ihrer Fahrt ins Bodmin-Moor. Dort entdeckt sie durch "wild, stormy weather and wild past inspired" erstmals das Jamaica Inn, einen alten Einkehrgasthof. Granitmauern, Schieferdach, niedere, rauchgeschwärzte Holzbalken und nebliges Moorwetter machen daraus jenen berüchtigten Schlupfwinkel der Literatur.

Der Tourismus unserer Zeit machte daraus allerdings einen Wallfahrtsort für Massentourismus. Als Maurier wenige Jahre vor ihrem Tod zu einer Signierstunde ins Moor geladen wurde, erschrak sie und nannte sich selbst die Hauptschuldige. Nach diesem Schock über den Anblick der Autobuskonzentration entweder schnell über die A30 oder über kleine, verträumte Straßen, keltischen Ornamenten nicht unähnlich, wieder weiter in den Südwesten.

Unzählige Filmlocations

Vorbei an unzähligen Geburtsorten eines gewissen König Artus, ebenso unzähligen Filmlocations einer gewissen Rosamunde Pilcher in Richtung St. Ives, nach Zennor, dort, wo D. H. Lawrence und seine deutsche Frau Frieda (von Richtofen) kurzzeitig vermeinten, ihr Paradies gefunden zu haben. Der Erste Weltkrieg wirft aber bald die ersten Schatten auf dieses Paradies der beiden Romantiker: Ihr Wunsch, in Zennor eine etwas exzentrische Künstlerkolonie zu etablieren, stößt bei der einfachen Bevölkerung, Arbeitern in den Zinnminen, auf Misstrauen. Der andauernde Briefwechsel zwischen Frieda und ihren deutschen Verwandten - über die Schweiz - war schon lang ein Dorn in den Augen der Behörden. Als schließlich direkt vor den Felsklippen von Zennor zwei britische Kriegsschiffe von einem deutschen U-Boot torpediert wurden, kam das endgültige Aus. Binnen drei Tagen mussten die beiden Cornwall wegen des Verdachts auf Spionage verlassen.

Leider sind heute weder die Wohnstätten von Maurier noch von Lawrence zu besichtigen - please, private only! In St. Ives merkt man nichts mehr von der ehemaligen Armut der Minenarbeiter, wenn man sich im Sommer zwischen Künstlern, Surfern, Anglern und "einfachen" Touristen seinen Weg entweder in die St. Ives Tate (seit 1993) oder ins Sloop Inn aus dem Jahre 1312 sucht. Irgendwann allerdings muss man sich wieder in Richtung Osten auf den Heimweg machen: Über König Artus' legendäre Burg Tintagel weiter durch die verwundenen und romantischen Fischerhäfen wie Boscastle oder Port Isaac, allesamt Kulissen unzähliger Filme aus den Piraten-, Kelten- oder Romantikgenres. Weiteren literarischen Spuren folgend: denen von Charles Kingsley, Thomas Hardy oder Wolfgang Hildesheimer. (Der Standard/rondo/23/5/2003)

Herbert Timmermann, Dr.phil., arbeitet in der Kunstförderung mit Schwerpunkt Film.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Küste Cornwalls

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