Nagen, kriechen, zwitschern, überleben

21. Juni 2011, 19:03
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Der Biber ist im Nationalpark Donauauen allgegenwärtig, zeigt sich den Besuchern aber nicht

Wie die meisten anderen Arten, die im Auwald und im Seitenarmsystem des Flusses leben, das aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Christian Baumgartner greift zielsicher auf die Kieselbank eines Donauseitenarms und fischt eine Ringelnatter unter den Steinen hervor. "Die fühlt sich an wie ein Geldbörsel", sagt der Leiter des Bereichs "Natur & Wissenschaft" im Nationalpark Donauauen und lässt die Schlange auf Händen und Unterarmen kriechen, ehe er sie in die Donau hineingleiten lässt.

Baumgartner ist einer jener Naturschützer, die alle Forschungsvorhaben im Nationalpark begutachten, ehe sie genehmigt werden. Hätte er nicht nach der Natter gegriffen, würde ein dreistündiger Spaziergang durch das Gebiet mit geschätzten 4000 bis 5000 Tierarten vorübergehen, ohne dass der Besucher eine einzige davon sieht. "Die Tiere sind ja nicht blöd. Sie sind vorsichtig. Wir könnten ihnen etwas tun." Man hört ein Summen und Zirpen von Insekten, viele Vögel, freche, zurückhaltende, singende und eher knatternde, und man hört einen offenbar recht fülligen Biber, der sich ins Wasser stürzt – aber zu sehen ist nichts.

Der 9300 Hektar große, 1997 gegründete Nationalpark südöstlich von Wien ist kein Zoo, in dem die Schaulust der Besucher gestillt wird – schon gar nicht jener Teil des Auwaldes, der von Haslau kommend an diesem Tag erkundet wird. "Das ist eine Kombination aus Altbestand, umgefallenen Bäumen und freien Flächen, wo der Jungwuchs aufkommt. Ein wüstes Durcheinander", sagt Baumgartner, gelernter Biologe, der bei diesen Schilderungen aufblüht wie ein Schneeglöckerl. Totes Holz wird hier, sofern es die Besucher nicht gefährdet, einfach liegen gelassen. Warum sich trotzdem nicht die Äste und Stämme stapeln? Das "Naturmaterial" wird abgebaut. Allein in einem liegenden Baumstamm leben etwa 500 Käferarten, die daran nagen und kauen. Auch Tierkadaver werden so weiterverwertet. "Das ist ein Teil des Naturkreislaufs, von dem wir Menschen nichts wissen wollen, weil er uns selbst am Ende auch betrifft: Unter der Erde werden wir von Würmern und Insektenlarven gefressen."

Üblicherweise gibt es hier im Mai und Juni starkes Hochwasser. "Und da plätschert die Donau nicht einfach so dahin, da entwickelt das Wasser unglaubliche Kräfte." Im späten Frühjahr blühende Pflanzen wie die Sommerknotenblume haben also keine Chance. In diesem Jahr gibt es aber "starkes Niederwasser". Und so marschiert Baumgartner auf trockenem Boden durch meterhohe Brennnesseln in Bereichen, die man als "Normalbesucher" nicht begehen darf, und erzählt Grundsätzliches: zum Beispiel, dass das Flussarmsystem der Donau hier aus dem dynamischen Gleichgewicht geraten ist.

Ursprünglich ist es durch Überschwemmungen zur Ablagerung von Feinsedimenten auf der einen und zu Erosionen auf der anderen Uferseite gekommen. "Alle zehn Jahre verliefen die Seitenarme woanders." Eine bemerkenswerte Wanderung von Elementen der Natur, die man als Laie wohl kaum für möglich hält. Doch bei der Donauregulierung wurden die Seitenarme vom Hauptstrom getrennt, und stromauf halten mittlerweile zahlreiche Kraftwerksbauten das Geschiebe zurück. Da mehr Kies flussabwärts geschwemmt wird als nachkommt, sinken das Flussbett und der Niederwasserspiegel pro Jahr bis zu 3,5 Zentimeter ab. Das Ökosystem sei gefährdet, sagt Baumgartner.

Bild vom Idealzustand

Wissenschafter der Universität für Bodenkultur um Severin Hohensinner haben zuletzt anhand historischer Karten nachvollzogen, wann und wie sich der Flussverlauf im Laufe der Jahrhunderte änderte. So lässt sich ein "Referenzbild" vom Idealzustand vor der Verbauung durch Kraftwerke ablesen. "Unser Ziel ist, sich dem so nahe wie möglich anzunähern." Mit Flussmonitoring beschäftigt sich auch der Hydrologe Helmut Habersack von der Boku. Der Leiter eines von der Wasserstraßengesellschaft Via Donau ko-finanzierten Doppler-Labors misst Strömungsverhältnisse und Sedimentbewegungen und sucht nach Wegen, um die drohende Sohleintiefung durch den massiven "Abtransport" des Kies zu verhindern. Eine Lösung ist derzeit nicht in Sicht.

Das gebotene Bild der Trockenheit trübt die Vorstellungskraft von dem, wie es sein sollte: Aufgrund der regelmäßigen Überschwemmungen und der hohen Fließgeschwindigkeit haben die Donauauen hohe "Umwandlungsraten". Jeder Quadratmeter Auboden wird "alle paar Jahrzehnte" von einem Gewässer umgepflügt. Die Augehölze sind daran angepasst: Kein Baum, ob Silberpappel oder Silberweide, wird älter als 100 bis 150 Jahre. Die schnell und gerade wachsenden Hybridpappeln will hier sowieso niemand mehr sehen. Damit sie absterben, wird sogar nachgeholfen. Diese Bäume wurden vor 50 Jahren gepflanzt, als man die Region forstwirtschaftlich nutzen wollte.

Mit ihren gut 65 Prozent Waldanteil sind die Donauauen ohnehin "überwaldet". Der Idealzustand wäre: Ein Drittel Wald, ein Drittel Wasser, ein Drittel freie Fläche wie zum Beispiel die Kiesbänke der Donau. Davon gebe es zu wenig. Woran bemerkt Baumgartner das Defizit? "Es gibt Lücken bei jenen Arten, die auf diesen Flächen leben und gedeihen."

Der Kies hat nur für Banausen den Charakter einer Wüste. "Wenn ich einen Kübel Wasser drüberschütte, dann kommen die Viecher raus", sagt der Biologe. Logisch, weil niemand ertrinken will, nicht einmal das einfachste Insekt. Hier leben aber auch zwei Arten von Kiesbrütern: der Flussuferläufer und der Flussregenpfeifer. Diese Vögel bauen keine Nester – brauchen sie auch nicht, denn der trockene Kies ist eine gute Unterlage und bietet Tarnung vor natürlichen Feinden. Mit dem freien Auge ist nicht zu erkennen, wo die Eier liegen.

Baumgartner deutet auf eine Stelle auf einer Sandbank, die offenbar von einem Biber markiert wurde. Mit seinem Drüsensekret, dem "Bibergeil", grenzt der Nager sein Revier ab und verteidigt es vehement, wenn Artgenossen eindringen wollen. In den Donauauen habe man 120 Reviere gezählt, erzählt der Wissenschafter. "Die Jungtiere wandern ab oder versuchen die Alten zu vertreiben", weshalb es erbitterte Kämpfe "und immer wieder auch Tote" gibt. Schon vor Jahren zogen die als stur verschrienen Tiere über die Lobau und die Donau in Richtung Wienfluss. "Damals haben Anrainer bei der Stadt Wien angerufen und sich über große Ratten beschwert."

Der Biber nagt an ufernahen Bäumen und Ästen, um seinen Appetit zu stillen und seine Zähne abzuschleifen. Diese würden ansonsten zu lange werden und ihn beim Beißen behindern. Damit trägt er indirekt auch zur Artenvielfalt bei, denn manche Pflanzen oder Tiere fühlen sich an besonnten Ufern einfach wohler als unter Bäumen. "Nicht jeder will im Schatten sitzen."

Stures Tier auf Wanderschaft

Der Biber, ein Held der Naturschützer? Der Nager ist jedenfalls Hauptfigur einer der wenigen erfolgreichen Wiedereinbürgerungsversuche in Mitteleuropa. Bevor er vor etwa 35 Jahren aus Polen zurückgeholt wurde, war er hierzulande ausgestorben: Menschen hatten ihn gejagt – wegen seines Fells und wegen des "Bibergeils", das als Aphrodisiakum verwendet wurde. Eine andere Erfolgsgeschichte handelt von der Sumpfschildkröte. Seit eineinhalb Jahrzehnten wird sie von Wissenschaftern der Uni Wien beobachtet. Die Biologin Maria Schindler leitet das Projekt, in dem es um Nistplätze und Wanderungskorridore der Tiere geht.

Gab es auch Forschungsvorhaben, die vom Nationalpark abgelehnt wurden? "Ein Wissenschafter wollte die Insekten, die auf einem Baum leben, zählen und den Baum mit Gift besprühen, damit die Viecher herunterfallen. Das war zu viel Experimentierfreude." (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2011)

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    Im Nationalpark Donauauen ist das dynamische Seitenarmsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Aber auch im Hochgebirge, wo die Gletscher schmelzen, verändern sich die Fließgewässer. An der Donau und im Nationalpark Hohe Tauern geht es vor allem um Artenschutz und Klimaforschung.

  • Christian Baumgartner im Nationalpark Donauauen.
    foto: donauauen

    Christian Baumgartner im Nationalpark Donauauen.

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