Die bunte Fratze der Klischees

Leserkommentar21. Juni 2011, 14:44
151 Postings

Tätowierungen rücken immer wieder ins Licht der Medien. Meistens geraten sie in ein schiefes Licht. Tätowierungen sind dann oft mehr als sie wirklich sind

Quer durch die österreichische Medienlandschaft ziehen sich die Klischees. Wenn Stars und Sternchen tätowiert sind, sind sie gut. Sonst sind Tätowierte fast immer bebilderte Modeopfer, "Tattoo-Luder", Freaks - oder Verbrecher. Alles was Puls und Auflage nach oben schnellen lässt.

Erst war es der Kärntner FPK-Gemeinderat Gerry Leitmann. Dem verhalf sein eher kurzfristiges Bekenntnis zu "Blut und Ehre" zu zweifelhafter Unrühmlichkeit. Danach hat der Platzsturm im Wien-Derby von Ende Mai nicht nur die hässliche Fratze des österreichischen Fußballs gezeigt. Er hat auch die hässliche Fratze des österreichischen Journalismus gezeigt: die Voreingenommenheit.

Quer durch die meisten Medien gingen die Bilder von Hooligans, die den Spielabbruch von Rapid gegen Austria erzwungen haben. Ein stark tätowierter, angeblich griechischer Hooligan, der "Tattoo-Grieche", wie ihn der Boulevard getauft hatte, wurde zum Aushängeschild gemacht: Die hässliche Fratze der Tätowierten.

Tätowierungen sind in vielen Ländern nichts Besonderes mehr

Das sind typische Bilder von Tätowierten. Es sind Klischees - und nur Teile der Wahrheit. Tätowierungen sind in vielen Ländern nichts Besonderes mehr. Heute sind Tattoos Mainstream. Es gibt "Wand-" oder "Haar-Tattoos", Tattoo-Barbie. Tattoo Conventions boomen. Sie werden familientauglich und Tattoo-Artist Kat von D etwa tritt sogar bei "Wetten, dass ...?" auf. Selbst ATV hat mit "Schöne Schmerzen" seine eigene Tattoo-"Doku". Das alles kann man beurteilen, wie man möchte.

Tatsache ist: Tattoos waren und sind oft ein Teil von Subkulturen. Tatsache ist aber auch: Tattoos werden mehr. Ihre Verbreitung steigt. Das wird durch zahlreiche Studien belegt. Für Deutschland sind Elmar Brählers Repräsentativerhebungen von der Universität Leipzig aus den Jahren 2002/2003 und 2009 beispielhaft. Bei Männern zwischen 25 und 34 sind schon 26%, bei Frauen 25,5% tätowiert. Insgesamt dürfte im deutschsprachigen Raum jeder und jede Zehnte oder Zwölfte tätowiert sein. Verwundern werden diese Ergebnisse niemanden.

Die Gründe für diesen Boom sind vielfältig

Auf der einen Seite sind es etwa immer bessere TätowiererInnen, die oft künstlerischen Background haben. Zum Teil entwickeln sie eigene Kunststile - mit der Haut als Medium. Dazu kommen neue und bessere Technik und Farben (die gibt es auch ganz ohne Autolacke!). Auf der anderen Seite sind es viele psychologische Gründe: Kommunikations-Signal, Selbstwertgewinn, Rebellion, Spiritualität, Gruppenzugehörigkeit und -abgrenzung, aber auch das Festhaltenwollen von Erlebnissen (wie Geburt, Andenken an Verstorbene) oder die Sehnsucht etwas Dauerhaftes zu schaffen (Partnerschaft etc.). Andere Gründe sind Schönheitstrends und -zwänge, eine modische "Individualisierung" der breiten Masse - und natürlich die leichte Verfügbarkeit. In einer Meta-Studie von 2007 arbeiten Wohlrab, Stahl und Kappeler diese Gründe heraus ("Modifying the Body" in Body Image 4: 87-95).

Die meisten Tätowierten sind Durchschnitt

Tätowierte sind nicht unbedingt arbeitslos und aus der Unterschicht, wie Hans Rauscher in seinem Einserkastl "Tattoo" unterstellt. Im Gegenteil, es gibt sie überall. Von der deutschen Bundespräsidenten-Gattin über David Beckham, der Verkäuferin im Supermarkt bis eben hin zum Hooligan. Auch das beweisen viele Studien. Und nein, Tätowierte haben nicht notwendigerweise mehr Sex. Die meisten Tätowierten sind auch keine GewalttäterInnen oder VerbrecherInnen. Sie sind einfach: Durchschnitt.

Und deshalb sagen die Gründe für das "Peckerl" erst einmal gar nichts über "ein gesellschaftliches Klima" (Zitat Hans Rauscher) aus. Für die einen ist es Schmuck, für die anderen Symbol - und für Manche das tätowierte Bekenntnis zur einem gewalttätigen Lebensstil.

Für JournalistInnen ist es manchmal mehr: Die Gelegenheit tief in die Klischee- und Vorurteilskiste zu greifen. Das ist die hässliche Fratze der Voreingenommenheit. (Leser-Kommentar, Igor Eberhard, derStandard.at, 21.6.2011)

Autor

Mag. Igor Eberhard ist Kultur- und Sozialanthropologe an der Universität Wien und freier Journalist. Er forscht und arbeitet u.a. zu den Themen Tätowierungen und Subkulturen. Derzeit ist ein populäres Sachbuch über Tatttoos in Vorbereitung. Als Journalist arbeitet er v.a. zu Lifestyle- und Musik-Themen. Außerdem bloggt er regelmäßig auf http://www.univie.ac.at/tmb/ medienkritische Beiträge und zum Thema Tattoos unter http://blog.tattoo-guide.de/.

Share if you care.