"Studibeisl mit Parteibuch"

8. Juli 2011, 13:13
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Seit Anfang Mai hat das Café Rosa geöffnet - Während es für die ÖH “ein Ort für Studenten“ ist, sprechen die Gegner von "politischer Propaganda"

Die Sonne brennt sommerlich heiß auf die Wiener Innenstadt herab. Die Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln schwitzen und sind froh, wenn sie endlich aus den stickigen Fahrzeugen aussteigen können. Gegenüber der Straßenbahnhaltestelle Schwarzspanierstraße, sitzen Menschen auf kleinen Tischen vor dem seit einem Monat geöffneten Café Rosa in der Währingerstraße und erfrischen sich mit kühlen Getränken. Doch kaum jemandem der Gäste dürfte bewusst sein, dass ebendieses Café ein zentrales Thema der diesjährigen ÖH-Wahlen war.

Selten zuvor wurde ein Projekt der Österreichischen Hochschülerschaft der Universität Wien so kontrovers diskutiert, wie das am 7. Mai eröffnete Studentenbeisl "Café Rosa". 393.000 Euro wurden bislang in das Cafe investiert. Doch den Gegnern stößt vor allem die klare politische Ausrichtung des Cafés sauer auf. Antisexistisch, antikapitalistisch, basisdemokratisch, antiklerikal - das sind nur einige der Schlagwörter, die im Programm des Studentenbeisls festgeschrieben sind.
Der Zeitpunkt der Eröffnung hätte kaum brisanter sein können: knapp drei Wochen vor den ÖH-Wahlen öffnete das Cafe Rosa seine Türen und servierte so der Aktionsgemeinschaft (AG) und dem Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) ein stark umstrittenes Wahlkampfthema auf dem Silbertablett. Nach ausführlicher Planung wurde das Projekt Anfang 2011 mit den Stimmen von GRAS (Grüne und Alternative StudentInnen), KSV-LiLi (Kommunistische StudnetInnenverband - Linke Liste), FLÖ (Unabhängige Fachschaftsliste Österreich) und VSSTÖ (Verband sozialitischer StudentInnen Österreichs) beschlossen. Ein geeigneter Standort war zu diesem Zeitpunkt bereits gefunden, die Lokalität wurde umgebaut und barrierefrei gestaltet.

"Wir könnten noch ein Studentenbeisl aufmachen"

393.000 Euro - die Summe von mehr als 23.800 ÖH-Beiträgen - verschlingt das Projekt allein im ersten Jahr. Doch die Gelder stammen nicht aus dem aktuellen ÖH-Budget, sondern aus Rücklagen. Diese betragen zurzeit knapp 2 Millionen Euro - mehr als das derzeitige ÖH-Jahresbudget von 1,6 Millionen Euro. Janine Wulz (GRAS) zufolge, sollte die ÖH eigentlich keine Rücklagen bilden, sondern das ganze Geld so ausgeben, "dass die Studenten auch was davon haben". Daher wurde auch das Wagnis mit dem Cafe Rosa eingegangen: "Das Projekt Studibeisl ist eines, das schon seit einigen Jahren in den Köpfen der ÖH Uni Wien herumschwirrt und auch immer wieder auch angedacht worden ist - jetzt ist es halt einfach gelungen."

Drei Jahre lang soll das Studibeisl mit Förderungen subventioniert werden, bevor es sich selbst finanziert. Nachdem im ersten Jahr unter anderem Ablöse, Kaution und der Umbau zu zahlen waren, werden die Zuschüsse in den Folgejahren auch deshalb notwendig sein, weil das Café Rosa eine Niedrigpreispolitik betreibt. So kostet ein Krügerl Bier, das „Sozi Bier" nur 1,90 Euro, was beinahe der Hälfte des Normalpreises der anderen Lokale in dieser Gegend entspricht. Auch sonst sind die Preise des Café Rosa ausnahmslos unter denen der Konkurrenz. Sollte wider Erwarten schon früher Gewinn gemacht werden, soll das überschüssige Geld sofort in neue Möbel, noch billigere Preise oder höhere Löhne für die Angestellten investiert werden. Die verdienen aber mit 9 Euro netto in der Stunde schon heute mehr als viele andere Kellner in Wien.

Kein Freiraum für Sexismus

Am frühen Nachmittag ist das Studibeisl spärlich besucht. An den Wänden befinden sich Bilder von den verschiedenen Rosas, die namensgebend für das Café waren. Unter anderem Portraits der Frauenrechtlerinnen Rosa Luxemburg und Rosa Mayreder. Die Wand über dem Bogen, der den Eintritt von der Nichtraucher- in die Raucherzone darstellt, wird von einer Uhr und Sprüchen wie "Smash Sexism" oder "Sexismus und Rassismus haben hier keinen Platz" geschmückt. 

Das im Raucherraum sitzende Mediziner-Paar Paula (25) und Lukas (23) ist per Zufall auf das Studibeisl gestoßen. Von den Diskussionen über das Café haben sie nichts mitbekommen, sind jedoch von den Grundsätzen begeistert. Für Lukas schafft vor allem der fehlende Konsumzwang einen Freiraum für Studenten. Um das w-Lan im Lokal nützen zu können, muss man das Passwort "againstsexism" eingeben. Antisexismus ist einer der unumstrittenen Grundsätze des Lokals. Zwei andere haben für mehr Aufmerksamkeit und Kritik gesorgt.

Kirchenfeindliche Stellenausschreibung 

In einer Stellenausschreibung wurde von den Bewerbern verlangt, das Grundsatzprogramm zu akzeptieren. Darin findet sich auch die Forderung nach "Antiklerikalität". Antiklerikal wird im Duden als kirchenfeindlich definiert. Ein Umstand, der den Österreichischen Cartellverband (ÖCV), eine katholische Studentenorganistation, auf den Plan gerufen hat. Sie werfen den Betreibern die Verletzung des Gleichbehandlungsgesetzes vor und haben eine Beschwerde bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft eingereicht. Matthäus Metzler, Präsident des katholischen Österreichischen Cartellverbands (ÖCV) beantwortet eine Facebook-Anfrage von derstandard.at zum Thema Café Rosa mit einem Hinweis auf auch im juristischen Sinne diskriminierende Stellenausschreibungen und spricht darüber hinaus auch von der Zweckentfremdung öffentlicher Gelder für politische Propaganda. 

Die GRAS bekennt sich in einer Stellungnahme „zur strikten Trennung zwischen Kirche und Staat." Trotzdem bleibt das Café Rosa an den Sonntagen und den Feiertagen geschlossen. Der Grund ist aber kein christlicher, schließlich bleibt an diesen Tagen auch die Uni geschlossen. Janine Wulz, ÖH-Vorsitzende und die Kassiererin des Studibeisl, meint dazu: "Die Öffnungszeiten sind ja nicht in Stein gemeißelt, wir werden das auch in den Plena (sic!) diskutieren". 

Auch der Begriff "antiheteronormativ" hat viel Verwirrung verursacht. Er steht für eine Weltanschauung, in der Heterosexualität nicht die alleinige Norm darstellt. Die Aktionsgemeinschaft nahm den Begriff sogar als Beispiel für die, ihrer Meinung nach, "abstrusen Zugangsbeschränkungen". Veronika Helfert, die unabhängig für den KSV-LiLi in der ÖH sitzt relativiert diese Behauptung jedoch: "Wir werden jetzt keine Zugangskontrollen zum Café machen, aber wenn sich Personen sexistisch oder rassistisch äußern würden, würden wir sie bitten zu gehen."

"Beisl mit Parteibuch"

Weniger begeistert vom Café Rosa zeigt sich Bernhard Krall. Der Mann an der Spitze der ÖVP-nahen Aktionsgemeinschaft hat das Studibeisl selbst besucht und spricht von einem Kaffeehaus, wie es viele andere gibt. Allerdings kann es laut ihm nicht Aufgabe der ÖH sein, "soviel Geld in ein Projekt zu investieren, das andere zumindest im Geiste ausschließt." Für ihn ist das Café Rosa "überspitzt formuliert ein Beisl mit Parteibuch."

Der RFS, der im Vorfeld vehement gegen das Studi-Beisl aufgetreten ist, war für eine Stellungnahme trotz mehrmaliger Nachfrage nicht erreichbar. Der Fraktionsvorsitzende des RFS in der Bundesvertretung der ÖH Oskar Polak sprach jedoch während des Wahlkampfes auf der RFS -Homepage von "blankem Hohn" bei ohnehin schon finanzschwachen Universitäten "zehntausende Euro im Monat für parteipolitische Propaganda zu verschenken." 

Hilfreiche Proteste

Die 22 jährige Studentin Natalie Sandtner, die bei einem Nickerchen neben der Theke auf eine Studienkollegin wartet, hat über Plakate vom Café Rosa erfahren und durch "RFS -Propaganda mitbekommen, dass alles ganz furchtbar sei." Die Grundsätze des Cafés sind ihr bekannt, sie persönlich braucht sie aber nicht. "Ich stimme dem zwar zu, aber es ist für mich nicht notwendig, dass das Café diese Grundsätze hat." Generell gewinnt man den Eindruck, dass die Proteste und die damit verbundene mediale Aufmerksamkeit dem Café Rosa mehr genützt als geschadet hat. "Das hat sicherlich geholfen", ist auch Janine Wulz überzeugt.

Auch über die Zukunft des Projekts hat sie sich schon Gedanken gemacht: "„Das Café Rosa soll ein lebendiger Ort sein, es gehe um Diskussionen und Veränderungen". Veronika Helfert ergänzt: "Es wäre schön, wenn das Café in zwei Jahren schon komplett anders ausschaut, weil es sich durch die Leute, die es besuchen, permanent verändert". (Michael Leitner, Mathias Slezak, Sebastian Wedl/derStandard.at, 8.7.2011)

  • "Das Café Rosa soll ein lebendiger Ort sein."
    foto: wedl/derstandard.at

    "Das Café Rosa soll ein lebendiger Ort sein."

  • Janine Wulz und Veronika Helfert (ÖH-Uni Wien) beim Gespräch mit derStandard.at
    foto: wedl/derstandard.at

    Janine Wulz und Veronika Helfert (ÖH-Uni Wien) beim Gespräch mit derStandard.at

  • Antisexismus - Rund um die Uhr
    foto: wedl/derstandard.at

    Antisexismus - Rund um die Uhr

  • Wer sich am afrikanischen Buffet bedient, kann selbst entscheiden wie viel er oder sie dafür zahlen möchte.
    foto: wedl/derstandard.at

    Wer sich am afrikanischen Buffet bedient, kann selbst entscheiden wie viel er oder sie dafür zahlen möchte.

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