Rundschau: Die Dampf-Revolution

    2. Juli 2011, 10:15
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    Neue Lektüre von David Marusek, Stephen Baxter, Antoine Volodine, Tobias O. Meißner, Paul di Filippo plus ein paar Steampunk-Titel

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    coverfoto: suhrkamp

    Antoine Volodine: "Mevlidos Träume"

    Gebundene Ausgabe, 445 Seiten, € 27,70, Suhrkamp 2011.

    Am Ende der Geschichte - um nicht zu sagen, am Ende von allem ... dort sind wir in "Mevlidos Träume" angelangt. Nach all den geplatzten Träumen von Revolutionen für die gerechte Sache, nach dem Schwarzen Krieg und Genoziden an kleinen Randvölkern wie den Spaniern oder den Chinesen, nach Veränderungen der Umweltbedingungen, die die Erde zu einem Albtraum in Grau und Schwarz gemacht haben, auf den ein riesenhafter Vollmond herabgrinst (solange er sich nicht nach Lust und Laune am Firmament versteckt). In einer Stadt, die Ulang-Utan heißt und von Straßen mit internationalisierten Namen durchzogen wird. Dort sind wir also. Formal. Tatsächlich sind wir nirgendwo und nirgendwann: Wir wussten nicht einmal mehr, zu welchem Erdzeitalter wir gehörten, wie es an einer Stelle heißt.

    Einfach eine in sich geschlossene fiktive Welt zu konstruieren und diese - wenn überhaupt - der unseren als Spiegel vorzuhalten, ist nicht die Sache des französischen Autors, der sich unter anderem Antoine Volodine nennt. Dementsprechend lässt sich auch der Begriff "Science Fiction" nicht wirklich auf den Roman anwenden, der im Original 2007 als "Songes de Mevlido" erschien. Er greift zwar Elemente des Genres auf, zielt aber - mehr noch als das 2005 erschienene "Dondog", zu dem es einige Parallelen gibt - in eine abstraktere Richtung. Das Konkrete und das Allegorische verschmelzen miteinander - etwa wenn geschildert wird, wie die Hauptfigur Mevlido über eine Wiedergeburt in diese düstere Welt kam: Der Akt der Reinkarnation beginnt mit bürokratischen Formalitäten, wird zu einer eiligen Fahrt durch ein kriegsverheertes Land und gipfelt darin, dass Mevlido in ein Abwasserrohr kriecht, das am anderen Ende in eine Gebärmutter mündet. Das Motiv der Wiedergeburt mag an das Lebensrad des buddhistischen Samsara erinnern - doch statt eines Voranschreitens mit Hoffnung darauf, aus dem Zyklus des Sterbens und Wiedergeborenwerdens ausbrechen zu können, scheint es hier nur ein Auf-der-Stelle-Treten oder gar ein Zurückfallen zu geben. Was letztlich durchaus als Urteil über die Barbarei der Menschheit zu werten ist.

    Auf der Gegenwartsebene lebt Mevlido, mittlerweile an die 50, als Polizist im Ghetto Hühnerhof Vier von Ulang-Utan. Seine Wohnung teilt er sich mit einer Frau, die so wie er den Partner verloren hat, das heruntergekommene Viertel mit anderen Menschen (respektive "Hominiden"), die sich ziellos dahintreiben lassen, erwachsen gewordenen Kindersoldaten und Alt-Bolschewistinnen, die bizarre Slogans wie "Überlebender, bereite Attentate gegen den Mond vor!" oder "Schlüpfe in einen Sack mit den Töchtern des Zufalls!" skandieren. Was aber bei weitem nicht die ungewöhnlichsten BewohnerInnen des Viertels sind; da gäbe es noch miteinander kommunizierende Spinnen (ja nicht mit denen sprechen, wurde Mevlido im pränatalen Briefing eingeschärft) und Schwärme von mutierten Vögeln, teilweise anthropomorph und fließend in Menschen übergehend. 

    Die Menschheit unterscheidet nicht mehr zwischen Leben, Tod und Träumen, wurde Mevlido erklärt - im seltsamen Limbus der Romanwelt gerinnt daher alles zu einer nebelhaften Halbexistenz. Alles, was es an Grenzen und Unterscheidungen geben könnte, wird von Volodine sukzessive verwischt. Real erscheinende Begebnisse werden nachträglich zum Traum erklärt, zugleich sind Träume der einzige Kontakt Mevlidos zu den Organen, die ihn einst in diese Welt schickten. Und so fragmentarisch und ineffektiv wie dieser Kontakt ist auch die Art, in der Mevlido seinem diffusen Auftrag - der Menschheit helfen ... und wenn es nur beim Sterben ist - nachgeht. Parameter wie "Weltrevolution" und "proletarische Moral" sollen Mevlidos Handeln bestimmen - doch zugleich ist die Revolution längst versandet und wird im Krakeelen des Altweiber-Bolschewismus sogar noch zum Witz.

    Und wir sind nicht nur nirgendwo und nirgendwann, wir sind auch niemand. Volodine spiegelt Figuren und führt sie wieder zusammen - das mag einen an Hal Duncans "Vellum" erinnern (um innerhalb des Genres zu bleiben) oder auch (um etwas weiter auszuholen) an die Stationendramen August Strindbergs wie "Das Traumspiel" oder "Die große Landstraße"; zumindest wäre das meiner Schwedischlehrerin als erstes eingefallen. Wenn abwechselnd in dritter, erster und sogar zweiter Person erzählt wird, drängt sich auch bald die Frage auf, wer dieser Ich-Erzähler ist, der an einer Stelle behauptet, nur einen Meter von Mevlido entfernt zu sein. Einige Rezensenten geben sich der Vermutung hin, dass sich Volodine hier selbst ins Spiel bringt. Klingt durchaus plausibel - und schon wären wir bei Kurt Vonnegut und die Ähnlichkeit zwischen "Hühnerhof Vier" und "Schlachthof 5" ist vielleicht doch kein Zufall gewesen.

    Auf jeden Fall nutzt Volodine den Roman, um noch einmal in expliziten Worten sein Manifest des "Post-Exotismus", unter dem er sein Schaffen gern subsumiert sähe, an den Mann und die Frau zu bringen. Ob diese Wortspende in einem Erzähltext wirklich nötig war, sei dahingestellt. Wer sich im Verlauf von "Mevlidos Träume" bereitwillig auf die Auflösung aller Gewissheiten eingelassen hat, braucht keinen Verweis auf ein ohnehin schwammiges Konstrukt als Rettungsboje. Und wer in einem Roman klare Verhältnisse bevorzugt, der geht mit ihr unter.

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