Rundschau: Die Dampf-Revolution

    2. Juli 2011, 10:15
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    Neue Lektüre von David Marusek, Stephen Baxter, Antoine Volodine, Tobias O. Meißner, Paul di Filippo plus ein paar Steampunk-Titel

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    coverfoto: heyne

    Stephen Baxter: "Die letzte Arche"

    Kartoniert, 687 Seiten, € 10,30, Heyne 2011.

    Stephen Baxters Weltuntergangsroman "Die letzte Flut" ("Flood") endete - ein fantastisches Bild - mit der sanften Überflutung des Mount Everest, dem letzten verbliebenen Stückchen Land, nachdem der Meeresspiegel in einem niemals für möglich gehaltenen Ausmaß angestiegen war. Keine Klimaerwärmung war die Ursache, sondern das Austreten von Wassereinlagerungen, die es einer vor einigen Jahren veröffentlichten Studie nach möglicherweise (und im Roman eben tatsächlich) im Erdmantel gibt. Den langsamen Untergang der Menschheit schilderte Baxter im Stil einer mehrere Jahrzehnte umspannenden Chronik bis zum Jahr 2052, festgemacht an einer Gruppe von WissenschafterInnen, die eine gemeinsame Vergangenheit verband.

    Die Fortsetzung "Die letzte Arche" (2009 als "Ark" erschienen) greift diese Form auf und geht dafür zunächst zu einer Weggabelung im Jahr 2041 zurück, als einige der Hauptfiguren von "Flood" voneinander Abschied nahmen. Diesmal wechseln wir jedoch die Perspektive und bleiben bei denen, die wir damals in "Flood" aus den Augen verloren hatten. Der neue Schauplatz der Handlung ist Colorado, wo eine Weltraum-Arche gebaut wird ... und weil Baxter Prozesse oft wichtiger sind als Einzelpersonen, klettern wir nach diesem kurzen Zwischenstopp erst mal weiter auf der Zeitlinie zurück und lassen uns schildern, was sich in Colorado seit den frühen Jahren der Weltflut so getan hat. Von nun an wird es dann aber chronologisch weitergehen, bis 2041, 2052 und schließlich sogar darüber hinaus.

    LaRei ist der Name eines Netzwerks von Superreichen, in dem sie sich ursprünglich über Themen wie gute Schulen und exklusive Ferienorte ausgetauscht hatten - durch die globale Katastrophe mutiert es unversehens zum Survivalisten-Pool. Eine süße Pointe ist, dass die multimilliardenschweren Mitglieder übereinkommen, wie Terroristenzellen vorzugehen, um unabhängig voneinander ihre jeweiligen Archen zu bauen. Ein Schiff war es in "Flood" - hier nun soll es ein interstellares Raumschiff sein. Für Baxter ist dies zugleich Gelegenheit, ein paar ältere und neuere Konzepte aus der Wissenschaftsgeschichte einzubauen: Vom niemals verwirklichten Atombomben-Antrieb des US-amerikanischen Orion-Programms der 60er Jahre bis zum "Warp-Antrieb", zu dem in den letzten Jahren einige ernstzunehmende - wenn auch rein theoretische - Abhandlungen in Wissenschaftsmagazinen erschienen sind. Stichwort "theoretisch": Dass die ProjektbetreiberInnen innerhalb weniger Jahrzehnte - und inmitten einer zerfallenden Infrastruktur - die graue Theorie in die Praxis umsetzen sollen, ist nicht ganz so leicht zu schlucken; anders gäbe es aber keinen Roman. Ohnehin geht lange Zeit nichts weiter, bis die US-Regierung selbst den - in den Worten des neuen Befehlshabers - Schwuchtelschuppen in Colorado übernimmt.

    Im Prinzip ist das ganze Projekt Irrsinn, eine Maschine, die mit Fleisch und Blut und falschen Hoffnungen betrieben wurde, wie es an einer Stelle heißt. Der ganze Mammutaufwand wird betrieben, um gerade einmal 80 Menschen in ein anderes Sternsystem mit einem (hoffentlich) bewohnbaren Planeten schicken zu können. Eine weit größere Zahl von KandidatInnen wird von Kindheit an auf diesen Zweck hin trainiert - unter ihnen Holle Groundwater (was für ein Name in dem Kontext!!!), eine graue Maus, die aber im Verlauf des Romans noch stark an Konturen gewinnen wird, und die geborene Leaderin Kelly Kenzie. Eine wichtige Rolle wird später noch Grace Gray spielen, jenes Mädchen, das an der Weggabelung von 2041 aus Band 1 herüberwechselt. Was uns auch schon zum größten Problem der Hauptfiguren hinführt: Nicht nur dass im Verlauf des Programms erbarmungslos ausgesiebt wird, es stoßen auch nach Jahren noch immer wieder Neulinge aus irgendwelchen Interessengruppen dazu, die keinerlei Training absolviert haben, aber langjährige KandidatInnen den Platz kosten. Unzählige persönliche Tragödien spielen sich ab - parallel zur eskalierenden Grausamkeit in der schrumpfenden Welt. Der Umgang mit den trostlosen Massen der Eye-Dees (eine Verballhornung von Internal Displaced Persons, also Flut-Flüchtlingen aus dem eigenen Land) wird brutaler - man wundert sich nicht und ist doch schockiert, als die erste Vergasung beschrieben wird. An Bord der Arche wird sich die schleichende Verrohung dann in kleinerem Rahmen fortsetzen. Wobei ich hierzu lieber nicht mehr sagen will - der Klappentext verrät gefährlich viel über das Schicksal der Mission (ich würde ihn überblättern).

    Nachdem Baxter beschlossen hat, doch noch einmal recht ausführlich auf den Ablauf der Weltflut einzugehen, gliedert sich/zerfällt "Die letzte Arche" in zwei Hälften und damit zugleich in zwei komplett unterschiedliche Genres - das eine ein Apokalypse-Plot, das andere eine Space Opera, Unterabteilung Generationenschiff. Eine knifflige Aufgabe, vielleicht sogar eine Lose-Lose-Situation. Dass wir es bei "Flood"/"Ark" mit dem eher ungewöhnlichen Format einer Duologie zu tun haben, könnte ein Hinweis darauf sein, dass Baxter das Projekt ein wenig aus den Händen geglitten ist. Die Existenz zweier weiterer Archen wird in Band 1 kurz erwähnt - eine davon hat nun ihr eigenes Buch erhalten, die dritte hingegen wird am Ende von Band 2 eher beiläufig mit abgehandelt. Sinn und Zweck des Raketenschwarms, den Russland in Band 1 recht ominös hinaus ins All geschickt hatte, wird sogar nur in einem Nebensatz aufgeklärt. Darüber hinaus lässt Band 2 selbst einige offene Fragen bzw. Schauplätze, auf die nicht mehr eingegangen wird, zurück. Irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, dass Stephen Baxter bei der Idee für "Flood" das Gefühl bekam, dass er Stoff für mehr als ein Buch vor sich hatte ... und dann während des Schreibens von Nummer 2 merkte, dass er doch nicht für drei reicht.

    Trotz alledem ist "Die letzte Arche" überaus spannend zu lesen, von der grandiosen Kulisse ganz zu schweigen. Es ist bloß nicht hundertprozentig befriedigend. Ein sehr guter Roman ... aber das vor allem deshalb, weil er von einem Autor stammt, der große Routine darin hat hervorragende Romane zu schreiben.

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