Hotel der ratlosen Seelen

17. Juni 2011, 18:23
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Premiere von Beat Furrers Musiktheater "Wüstenbuch" im Museumsquartier

Regisseur Christoph Marthaler stellt der filigranen Musik in Einsamkeit gefangene Figuren zur Seite.

Wien - Es gibt ein Oben und ein Unten. Oben die drei kleinen Zimmerchen, unten nur dieser eine trostlose Raum mit einem zerzausten Sofa, einem Tisch und dem Waschbecken. Ob jedoch oben oder unten - jene Figuren, die durch Beat Furrers Wüstenbuch (Koproduktion mit Basel) wandern, sind immer nur sich selbst ausgesetzt. Eingehüllt in Ratlosigkeit, suchen sie zwar mit kleinen Ritualen auszubrechen, um doch wieder als in einem schmuddeligen Hotel gestrandete Einsamkeitspuppen (Bühnenbild Duri Bischoff) zu enden.

Regisseur Christoph Marthaler lässt sie als quasi ferngesteuerte In-sich-Gekehrte Wände fotografieren, Feuerlöscher als Babys im Arm wiegen, lässt sie übereinander herfallen, legt sie schlafen und dann vom Sofa herab plumpsen, lässt sie immer wieder Zigaretten anzünden oder um solche schnorren. Doch so wie selbst kleine Handlungen wie jene des Rauchens misslingen, da die Zigarette vor dem ersten Zug immer zu Boden fällt, misslingt auch jedweder Kontaktversuch.

Keine Beziehungen

Selbst dort, wo sich die Figuren zu einer Gruppe formieren, die auf der Bühne auf und ab geht, sind keinerlei Spuren von eingegangenen Beziehungen zu entdecken. Dieses Theater der bisweilen absurden Wiederholungen, der szenischen Refrains verzahnt sich aber mit einer delikaten Musik, die zunächst zart vibriert und immer wieder bewusst lethargisch in sich zusammensackt. Furrer, als Könner filigranster Strukturen, setzt jedoch in weiterer Folge auf Kontraste, auf schrille Ausbrüche, denen ein düster-tiefes Orchesterbrummen (des formidablen Klangforums Wien unter Beat Furrer) folgen kann. Bis dann wiederum sanfte Klangschwingungen an der Stille entlang zu dominieren beginnen.

Text wird Klang

Zu Marthalers (durchaus schon als routiniert zu bezeichnender) szenischer Figurenpolyphonie, ermöglicht durch die vier Räume und ihre wechselnden Bewohner, tritt mitunter auch eine textliche hinzu - erzeugt durch bewusstes Durcheinanderplaudern. Somit sind nicht alle Texte (von Händl Klaus, Ingeborg Bachmann, Antonio Machado, José Angel Valente, Apuleius und Lukrez sowie dem Papyrus Berlin 3024, übersetzt von Jan Assmann) auf Verständlichkeit angelegt. Mitunter werden sie nur auf ihren Klang zurückgeführt.

Auch hier jedoch setzt Furrer auf Vielfalt: Mal fragmentiert er einzelne Worte, als wollte er eine Figur quasi bei ihrer langsamen Sprachfindung zeigen. Mal hört man Gesänge, die an alte, kühle Sakralgesänge erinnern. Und dann wieder verzahnt Furrer eine Frauenstimme mit dem Kontrabass zu einem subtilen Duett.

Enigmatisch bleibt das ganze Werk, übrigens nach einem Fragment von Ingeborg Bachmann benannt, natürlich.

Bleibt quasi eine Art bewusst offenes Kunstwerk, das jedoch mit seiner Unbestimmtheit und seiner Langsamkeit, hervorgerufen durch dieses Verharren der Figuren im existenziellen Vakuum, bei allen kleinen Längen des Abends im Museumsquartier, doch wieder überzeugenden Geschlossenheit erlangt.  (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)

18. 6., Halle E, 19.30

  • Szenen der Einsamkeit und der Ruhe: In Beat Furrers "Wüstenbuch" sieht 
man in 
sich selbst gefangene Figuren.
    foto: festwochen

    Szenen der Einsamkeit und der Ruhe: In Beat Furrers "Wüstenbuch" sieht man in sich selbst gefangene Figuren.

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