Sex, Gewalt und nackte Haut

22. Mai 2003, 09:00
5 Postings

bewegt die Welt: Von "Exploitation-Cinema" bis "Girl Culture"

Ihr Revival regnete massenmedial über die ganze (westliche) Welt herab. Blaxploitation-, Sexploitation-, Exploitation-Filme waren DER Retro-Trend in den ausgehenden 90ies, angeführt von Hollywood-Regisseur Quentin Tarantino mit seiner Hommage an die Blaxploitation-Ikone Pam Grier in "Jackie Brown". Style und Zitate fanden sich in zahllosen Videoclips wieder, 2000 folgte das Remake von "Shaft", und viele Original-Soundtracks fanden erneut den Weg in den Musikmarkt.

Exploitation kommt von Ausbeutung

Was im allgemeinen Pophype, der sich mehrheitlich auf die Verwurstung von Blaxploitation-Images stürzte, kaum wahrgenommen wurde, waren die Produktionsbedingungen und politischen Aspekte dieses Teils der Filmgeschichte. Außerdem waren es eben nicht nur schwarze Regisseure und schwarze SchauspielerInnen, die sich seit den späten 60ern in einer neuer Produktionsumgebung künstlerische und politische Freiheiten verschafften, sondern auch (weiße) Frauen.

Die "Exploitation"-Arbeits- und Produktionsbedingungen waren für beide bis dahin unterrepräsentierten, bzw. nicht vorhandenen Gruppen ähnlich: Ein minimales Budget, wenig Zeit, starke inhaltliche Vorgaben, was Sex, Gewalt und nackte Haut der Hauptdarstellerinnen betraf. Das Ziel war, ohne Stars und Budget und vor allem ohne die Unterstützung eines großen Studios Kassenschlager für vergnügungsfreudige Teenis und ein wenig anspruchsvolles Publikum zu fabrizieren. Der Plan ging auf und viele der Low-Budget-Streifen wurden in den 70ern zu Publikumsmagneten.

Kontroversiell und feministisch

Die harten Bedingungen ließen den jungen RegisseurInnen andererseits aber auch mehr künstlerische Freiheit, was die Bearbeitung des entstehenden "Genres" betraf. Die Regisseurin Stephanie Rothman rechnete es ihrem damaligen Boss, dem Gründer von "New World Productions", Roger Corman, hoch an, "dass er nichts gegen die kontroverseren Themen meiner Filme hatte, solange die ruchlose Dreieinigkeit der Exploitation-Filme Gewalt und Sex und nackte Haut bedient wurde".

Rothman-Filme wie "Student Nurses", "Group Marriage" und "The Velvet Vampire" oder "Humanoids from the deep" von Barbara Peeters fanden auch Eingang in die Rezeption feministischer Filmtheorie, obgleich das Verhältnis mit Schwierigkeiten verbunden waren. Politische Filmwissenschaftlerinnen kritisierten die Arbeitsbedingungen im Exploitation-Genre und zwangsläufig auch den derben Sexismus in Handlung und Bilddarstellung.

Rothman, die mit den gängigen Opferrollen der Frauen und ihrer Degradierung zu Sexobjekten selbst nicht einverstanden war, versuchte die Vorgaben ihren "feministischen Vorstellungen" anzupassen: Nacktszenen von Frauen sollten der Zahl derer von Männern nichts nachstehen, Sex sinnlich und befriedigend für beide Geschlechter und nicht brutal dargestellt werden. Frauen sollten in der Handlung zumindest aus ihren Fehlern lernen, das Scheitern einer anderen Figur als Denkanstoss nehmen.

"Student Nurses"

Für "Student nurses" hatte Rothman beispielsweise die Vorgabe, einen Film über Krankenschwesterschülerinnen zu drehen, die hübsch und so oft wie möglich nackt zu sehen sein sollten. Da dies die einzigen Vorgaben waren, nutzte Rothmann ihre künstlerische Freiheit: In "Student nurses" erzählt sie die Geschichte einer Gruppe junger Mädchen, die sich der strengen Ordnung im Krankenhaus widersetzen und sich in politische Fragen ihrer Zeit einmischen. Dazu gehört die Friedensbewegung ebenso wie die Diskussion um die straffreie Abtreibung, beides Themen, die sonst in kaum einem Genre-Ableger Erwähnung fanden. Im Nachhinein machte sich Produzent Corman zwar Sorgen um die noch vorhandene Sexiness dieser "intelligenten Frauen", doch als die Kinokassen klingelten, war auch diese Angst verflogen.

Bezüge in der Gegenwart

Wie bereits angeschnitten fand die "Blaxploitation"-Ästethik mannigfaltige kulturelle Verwertung in den 90er Jahren. In der Filmindustrie schlug sich der Einfluss von Blaxploitation-Fans im Genre der "Gangsta-Filme" wieder, in der Popmusik nannten sich Rapperinnen "Foxy Brown" oder modifizierten Klassiker der Blaxploitation-Soundtracks via Sampling zu Welthits.

Auch in der sogenannten "Girl Culture" finden sich viele Anknüpfungspunkte an das Exploitation-Cinema. Vor dem Hintergrund einer bis dato undenkbaren Bejahung von Massenkultur im Sinne einer (mehr oder weniger) feministisch motivierten Aneignung von Weiblichkeitszuschreibungen, stellen sich die Mädchen ihre Heldinnen plötzlich wieder in bester Foxy Brown-Manier vor: in knallengen Catsuits und Miniröcken, die Pumpgun geladen im Anschlag;

Filmische Querverweise in feministisch-lesbischen Zusammenhängen finden sich naturgemäß eher im Independent-Bereich, als da wären die Arbeiten von Sadie Benning und Jennifer Reeder, oder auch Amanda Raines "Women in Black". (freu)

  • aus "Student Nurses" (1970)
    videostill: student nurses
    aus "Student Nurses" (1970)
  • Bild nicht mehr verfügbar
    Werbung für "Terminal Island" von Stefanie Rothman
  • Bild nicht mehr verfügbar
    Girl-Power 2002: Im Video der R'n'B-Gruppe "Destiny's Child" haben die Frauen wenig an; trotzdem sind sie " survivors"
  • Pam Grier in Foxy Brown (1974)
    videostill: foxy brown
    Pam Grier in Foxy Brown (1974)
Share if you care.