Spät übt sich gegen Muskelschwund

14. Juni 2011, 17:00
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Neue Trainingsmethoden sollen die Fitness im fortgeschrittenen Alter erhöhen

Fauja Singh zählte 99 Jahre, als er im Vorjahr beim Staffelmarathon in Frankfurt antrat. Jetzt ist er 100 und trainiert für den New York Marathon, den er im kommenden November bestreiten will. Mit 63, in einem Alter, in dem die meisten an einen entspannten Ruhestand denken, begann der Brite mit dem Lauftraining.

Auch wenn man nicht derartige Spitzenleistungen anstrebt - gezieltes Training im hohen Alter kann zu neuer Bewegungsfreiheit führen, sind Experten überzeugt. "Nur spazieren gehen ist aber zu wenig" , sagt Helmut Kern, Vorstand des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Elektrostimulation und Physikalische Rehabilitation und Leiter des EU-Projekts "Mobilität im Alter" .

Das Team um Helmut Kern will in Kooperation mit der Universität Bratislava und der Med-Uni Wien neue Methoden und Therapien erarbeiten, die es älteren Menschen trotz fortschreitenden Muskelschwunds ermöglicht, fit, beweglich und aktiv zu bleiben. "Man kann den Alterungsprozess nicht aufhalten, aber sehr wohl verlangsamen" , sagt Kern.

Der altersbedingte Muskelschwund, genannt Sarkopenie, kann schon im Alter von 50 Jahren schleichend einsetzen und beschleunigt sich ab dem 70. Lebensjahr auf etwa drei Prozent Verlust an Muskelkraft pro Jahr. Bis zu 50 Prozent der 80-Jährigen geben an, unter dem Muskelabbau zu leiden. Die Folgen sind verlangsamte Bewegungen und ein höheres Risiko zu stürzen - und einen Oberschenkelhalsbruch oder andere Verletzungen davonzutragen. "Basis für unsere Forschungen war die Feststellung, dass dieselben Muskelveränderungen, die bei Querschnittsgelähmten auftreten, auch ältere Menschen betreffen" , schildert Kern.

Legpress für Senioren

Gemeinsam mit den Kollegen aus Bratislava entwickelten die Forscher eine computergesteuerte Legpress, ein Gerät, das ähnlich wie im Fitnessstudio die Beinmuskulatur trainiert. Eine Plattform, die sich automatisch vor und zurück bewegt oder vibriert, stimuliert Nerven und Muskeln. Die Bewegungen und Kräfte, die der Patient selbstbestimmt aufwenden kann, werden dabei ständig gemessen und aufgezeichnet.

In einer Vorstudie hat sich das Gerät, das mit jungen Sportlern sowie mit mehr und weniger sportlichen Senioren getestet wurde, bereits bewährt. Nun werden für eine klinische Studie Probanden zwischen 65 und 85 Jahren gesucht, die eine Muskelschwäche aufweisen. Eine Gruppe wird mit der Legpress trainieren, eine zweite erhält Elektrostimulationen, eine Kontrollgruppe wird gar nicht behandelt.

"Wir wollen herausfinden, welches Training nötig ist, um mobil und aktiv zu bleiben, also wie oft, wie lange und wie intensiv trainiert werden muss, um dem Muskelschwund entgegenzuwirken" , erklärt Kern. Daneben sollen mit Biopsien neue Erkenntnisse über altersbedingte Veränderung der Muskelfasern gewonnen werden. Eines steht für Kern zufolge schon jetzt fest: "Aktivität ist in jedem Alter essenziell für die Muskeln. Und nur Training kann die Sarkopenie erträglich machen."

Seit kurzem widmet sich auch die Forschungsplattform "Active Aging" der Uni Wien der Fitness von älteren Menschen. Neben dem Faktor Bewegung sollen auch die Auswirkungen von Ernährung untersucht werden - mit dem Ziel, den Medikamentenbedarf der Senioren zu reduzieren. (kri/DER STANDARD, Printausgabe, 15.06.2011)

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