Immer mehr Obdachlose sind Jugendliche

14. Juni 2011, 14:10
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Ein Drittel der Klientel unter 30 Jahre alt - Verein Wiener Wohnungslosenhilfe präsentierte Jahresbericht

Wien - Der typische "Sandler" ist ein älterer Mann, der auf der Parkbank schläft. So sieht das Klischee in Sachen Obdachlosigkeit aus. Tatsache ist jedoch: Die Betroffenen werden immer jünger. Das betonten am Dienstag Vertreter des Verbandes Wiener Wohnungslosenhilfe. Generell dürfte die Zahl jener Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, steigen. Genaue Zahlen gibt es jedoch nicht, wie heute betont wurde.

Fest steht, dass das Angebot ausgebaut wurde. Laut Verband, der am Dienstag seinen Jahresbericht 2010 präsentierte, gab es im Vorjahr 4.439 von der Stadt geförderte Wohnplätze, inklusive Notschlafstellen. 2009 waren es noch knapp über 3.000 gewesen. Doch trotz des Anstieges sei der Bedarf kaum zu decken, hieß es heute. Denn dieser sei schwer zu schätzen und zeige sich mitunter erst, wenn neue Einrichtungen sofort sehr gut angenommen werden.

Durchschnittsalter zwischen 21 und 22 Jahren

Die Formen von Wohnungs- und Obdachlosigkeit seien sehr vielschichtig, wie Walter Kiss von der Volkshilfe Wien, der auch Vorsitzender des Verbandes Wiener Wohnungslosenhilfe ist, betonte. Verantwortlich seien oft strukturelle Ursachen. Was auch für die zunehmende Problematik bei den Jungen gilt: Laut Alexander Bodmann, Generalsekretär der Caritas Wien, ist ein Drittel der Klienten, die sich an die Caritas Erstanlaufstelle P7 wenden, unter 30 Jahre alt.

Insgesamt gab es im P7 im Vorjahr 6.015 Anfragen, davon waren 2.001 Anfragen von Menschen unter 30. Die Zahl ist deutlich angestiegen, 2009 gab es 1.645 Kontakte zu Betroffenen dieser Altersgruppe. Auch das Durchschnittsalter sinkt: So betrug es etwa im Jugendhaus der Caritas (JUCA) vor rund zehn Jahren 27 Jahre. Inzwischen liegt es bei 22 Jahren bei Männern und bei 21 bei Frauen.

Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert

Die Gründe für die Zunahme bei den jüngeren Obdachlosen seien unterschiedlich, hieß es heute. Zum einen sinke der familiäre Rückhalt, zum anderen werde aber auch die Frage der Ausbildung immer wichtiger. Der Zugang zum Arbeitsmarkt erfordere immer mehr Qualifikationen. Wer nicht über diese verfüge, habe es schwer, zu einer leistbaren Wohnung zu kommen.

Schwer einzuschätzen ist laut Verband generell die Zahl der betroffenen Frauen. 2010 waren von den rund 8.300 Personen, um die sich die Wohnungslosenhilfe gekümmert hat, nur etwa 2.400 Frauen. Das ungewöhnliche daran: Sie sind laut Statistik eigentlich häufiger von Armut betroffen als Männer, würden aber bei familiärer Gewalt eine Art Zwangspartnerschaft eingehen, da sie wirtschaftlich vom Partner abhängig seien.

Angebot für Frauen

Ein zusätzliches Angebot für Frauen sei dadurch wichtig. Dies würde Betroffenen ermöglichen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das habe sich auch bei Eröffnungen in der Vergangenheit gezeigt: "Alle neuen Einrichtungen waren gleich voll, dadurch wird Wohnungslosigkeit erst sichtbar", berichtete Bodmann.

Der Verband Wiener Wohnungslosenhilfe wurde 2008 gegründet. Er ist eine Kooperation verschiedenen Mitgliedsorganisationen - wie Caritas, Samariterbund, Heilsarmee, Hilfswerk oder Volkshilfe. (APA)

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