"Letztendlich sind die Studenten auch selber schuld"

13. Juni 2011, 19:26
80 Postings

Wolf D. Prix war 18 Jahre lang Professor an der Angewandten - mit Wojciech Czaja sprach er über die Situation an den Unis und über die Lethargie der Studenten

Standard: Seit 1983 sind Sie Architekturprofessor an der Angewandten. Nun ist Ihr letztes Semester. Warum gehen Sie?

Prix: Don't look back! In meinem Vertrag steht, dass ich mit 68 Jahren emeritiere. Das tu ich nun. Und das ist auch gut so. Seitdem ich Großprojekte mache, habe ich Erfahrungen gemacht, die ich den Studenten lieber nicht weitergeben möchte. Dann würden sie vermutlich ihr Studium abbrechen.

Standard: Ist der Beruf so katastrophal?

Prix: Ja. Architekten werden immer mehr zu Erfüllungsgehilfen. Wir stehen unter Zwang von Rechtsanwälten und Projektsteuerern, die die Auftraggeber glauben machen, Architektur durch Gerichtsprozesse in den Griff zu bekommen. Unsere Baukultur ist eine Beschuldigungskultur geworden. Die Folge sind Verteuerung, Zeitverzögerung. Und immer soll der Architekt schuld sein. Dass dem nicht so ist, zeigt die Elbphilharmonie in Hamburg.

Standard: Welchen Anteil an dieser Misere nehmen die Architekturuniversitäten ein?

Prix: Architektur kann man nicht lehren. Ein Talent kann man nur fördern, wenn Talent vorhanden ist. Jeder Student hat die vornehme Pflicht, sich selbst zu bilden.

Standard: Vor einigen Jahren drohte die Architektenkammer sogar damit, keine Absolventen mehr in die Kammer aufzunehmen, weil die Grundausbildung an den Universitäten so schlecht sei.

Prix: Die Kammer! Das Kammersystem ist veraltet und gehört überholt. Das Einzige, was die Architektenkammer tut, ist: Sie lebt an den internationalen Trends vorbei und ist eine Talentunterdrückungsinstitution - und keine Förderinstitution. Ich halte nichts von diesen Vorwürfen.

Standard: Haben die Universitäten in Österreich genug Geld?

Prix: Nein, und ich fürchte, die Situation wird sich nie bessern. Denn diejenigen, die das Budget verwalten, nämlich die Politiker, werden nicht mehr in der Lage sein, sich der Konsequenzen ihrer Handlungen bewusst zu werden. Die Ausbildung ist eine sehr langfristige Investition. Zu langfristig für eine Legislaturperiode.

Standard: Sind Sie für oder gegen Studiengebühren?

Prix: Wenn ich sehe, welche Möglichkeiten Studenten im angloamerikanischen Raum haben, begonnen bei Computer-Arbeitsplätzen und eigenen Labors für Forschung bis hin zu der großen Anzahl an Dozenten und Tutoren, dann bin ich dafür, dass man die Situation unserer Ausbildungsmöglichkeiten überdenkt. Ich kann mir Gebühren aber nur vorstellen, wenn man hochdotierte Stipendien zugänglich macht.

Standard: Bis 2013 fordern die Universitätsrektoren 250 bis 300 Millionen Euro. Wird das reichen?

Prix: Wird zu wenig sein. Wenn man überlegt, wie viele Unis es in Österreich gibt, dann ist das pro Fakultät ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein Witz.

Standard: Nun droht sogar eine Budgetkürzung um 1,3 Prozent. Was bedeutet das für die Qualität der Ausbildung?

Prix: Eine Katastrophe. Aber letztlich sind die Studenten auch selber schuld. Sie lassen sich alles gefallen, sie reißen den Mund nicht auf, steigen nicht mehr auf die Barrikaden. Vor ein paar Tagen hat Hannes Androsch den Reformstau beklagt. Er meinte, wir seien "indifferente Lethargiebürger, träge und bequeme Resignationsbürger und obendrein Feig- und Neidbürger". Ein alter, abgebrühter Politiker ruft zur Revolution auf! Da rennt was schief.

Standard: Gerald Bast, Rektor der Angewandten, sagt: "Österreich wird zum kulturpolitischen Disneyland."

Prix: Mit dem Unterschied, dass Disneyland Geld verdient. Die Attraktion Österreich hätte man in Disneyland schon längst geschlossen - zu unrentabel.

Standard: Ein Rückblick auf 18 Jahre: Ihr größter Gewinn?

Prix: Als ich an die Angewandte gekommen bin, war das eine stille Schule. Heute ist die Angewandte massiv ins internationale Netzwerk eingebunden. Viele Professoren aus London, Holland und Japan wollen bei uns unterrichten. Das ist ein gutes Zeichen.

Standard: Ihr Nachfolger ist Hani Rashid. Er hat bis heute kaum etwas gebaut.

Prix: Architekturlehre bedeutet nicht zwangsweise, dass der Lehrer etwas gebaut haben muss. Viel wichtiger ist, dass Architektur eine Metaebene hat. Wir haben auf der Angewandten immer nach Leuten gesucht, die auf dieser Metaebene denken können. Und Hani Rashid kann das.

Standard: Nächstes Jahr feiern Sie Ihren Siebziger. Wie geht es eigentlich weiter?

Prix: Munter! Ich freue mich auf die Eröffnungen unserer Projekte. Besonders auf die der EZB-Zentrale in Frankfurt. Doch am meisten freut mich, dass wir das Parlament in Tirana, Albanien, bauen werden. Ein Gebäude für die Demokratie zu entwerfen ist eine der vornehmsten Aufgaben. Wojciech Czaja, DER STANDARD/Printausgabe 14. Juni 2011) 

WOLF D. PRIX (69), Wiener Architekt, ist Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au, das heute zu den erfolgreichsten Büros der Welt zählt. Prix war 18 Jahre lang Professor an der Universität für angewandte Kunst. Morgen, Mittwoch, den 15. Juni, hält er seinen Abschiedsvortrag "(Not) the last Waltz". Universität für angewandte Kunst, Lichthof, 19 Uhr.

  • Prix: "Unsere Baukultur ist eine Beschuldigungskultur geworden."
    foto: corn

    Prix: "Unsere Baukultur ist eine Beschuldigungskultur geworden."

Share if you care.